Da ist ja diese Abstimmung, und zwar darüber, ob öffentlicher Hass gegen uns Homos strafbar werden soll. Die Stimmberechtigten sind zur Urne gerufen, und weil ich bei der Lesbenorganisation arbeite, muss ich natürlich viel darüber reden. Wollte ich auch! Es ist wichtig, dass Leute checken, wie es uns Schwulen, Lesben und Bisexuellen ergeht. Dass wir gesetzlich besser geschützt werden müssen!
Nur: Manchmal habe ich das Gefühl, die Öffentlichkeit will nicht hören, was wir wollen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie will nur hören, wie dreckslausig es uns geht. Wenn wir an der Pride auf unsere Forderungen aufmerksam machen, jedes Jahr in mehreren Schweizer Städten, und dabei auch einfach mal stolz sind, dass wir existieren (und, statistisch gesehen, überlebt haben), dann findet man das grusig. Wäh, Freaks in Leder; wäh, knutschende Buebemeitli; wäh, Leute mit wenig an. Glückliche Homos sind eklig, weg damit, bitte nicht vor meinen Kindern.
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet als Geschäftsführerin für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Aber hey! Wenn wir davon erzählen, wie uns Zeugs angeschmissen und ins Gesicht gespuckt und in die Fresse geschlagen wird, bring it on! Action! Unterhaltung! Abenteuer! Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft Medien bei uns anrufen und fragen, ob jemand von Gewalterfahrungen erzählen will. Wie in so einem Gemischtwarenladen: Grüeziwohl, was hätten Sie gerne? – Ähmmm, heute bitte ein Schwulenpaar, das verprügelt wurde. – Sehr gern, kurzer Moment… voilà. Sonst noch was? – Ja vielleicht noch Lesben, die um drei Uhr morgens durch die Langstrasse Zürichs laufen, und wir filmen das Ganze mit versteckter Kamera? – Prima. Muss ich kurz im Lager nachschauen, aber ich glaub, wir haben noch was in Grösse M.
Einige Heteros scheinen uns nicht zu glauben, wenn wir seit mehreren Jahrzehnten sagen, dass wir auf der Strasse nicht so sicher sind, wie man sich das in der modernen Schweiz gern ausmalt. Dann müssen versteckte Kameras her, quasi für Beweismaterial, wie schlimm es wirklich ist. Das ist, als würde man für ein Video einen Koala anzünden, um zu beweisen, dass Australien brennt. Alter, wenn du uns einfach glauben würdest, müssten wir nicht die ganze Zeit in die Kamera chlönen!
Ich werde das Gefühl nicht los, dass es dabei nicht um Infos zu einem Politikum geht, sondern um Voyeurismus. Wenn du als stimmberechtigte Person Videos übers Schwulen-Verprügeln guckst, aber bei Homo-Themen nicht abstimmen gehst, dann bist du nicht pro Homo. Sondern siehst uns einfach gerne leiden.
Ich habe diese Regel bei der Medienarbeit: Keis Gwitter ohni Rägeboge. Das heisst: Klar, ihr könnt gerne Geschichten haben darüber, wie wir diskriminiert werden. Aber ihr dürft nicht darüber berichten, ohne unsere riesige Community zu erwähnen. Dass es in jeder Stadt (übrigens auch in St.Gallen, just sayin’) queere Vereine gibt, die einen unterstützen. Dass Hotlines und Anlaufstellen existieren, die einen in Notlagen unterstützen. Und dass unser Problem gar nicht ist, dass wir Homos sind. Sondern dass andere das nicht handhaben können.
Wenn ihr mich jetzt entschuldigt. Ich muss noch was besorgen im Gemischtwarenladen.
Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
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