Es war einmal eine ferne Zeit, in einer fernen Dimension, da war ich ganz fest mit einem jungen Mann zusammen, nennen wir ihn Martin. Martin und ich hielten es für eine gute Idee, gemeinsam an einem Samstagnachmittag im grössten billigen Einrichtungshaus einkaufen zu gehen.
Rückblickend habe ich nur Unverständnis dafür übrig, weil es wirklich eine bizarr nervtötende Beziehungsprobe ist, an einem Samstagnachmittag zu zweit mega viele Möbel kaufen zu gehen.
Vielleicht wären Martin und ich heute noch zusammen, wenn wir damals ins Brocki statt in ein schwedisches Möbelhaus gefahren wären. Aber wir fuhren ins Möbelhaus, und wir sind wirklich mega fest nicht mehr zusammen (ich stalke auch bloss etwa alle zwei Monate das Instaprofil seiner neuen Freundin.)
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin.
Als wir fertig waren, waren wir sowas von fertig. Hässig, erschöpft und komplett unzufrieden liessen wir uns in die Autosessel sinken. (Im Brocki wäre das alles nicht passiert! Im Brocki hätten wir dysfunktionale Schemeli gekauft und abgelaufene Acid-Papierli im Mini-Kühlschrank gefunden!)
«Jetzt», seufzte Martin, «brauche ich einen Burger.» Ich klammerte mich an diesen gemeinsamen Wunsch, an das Einzige, was noch klappen könnte an diesem vermaledeiten Wochenende, und zog Martin an der Hand in den nahen Fastfoodladen, als würde nur ein Stück totes Fleisch unsere Beziehung retten können. (Heute bin ich Veganerin. Vielleicht wären Martin und ich noch zusammen, wenn wir einen Seitan-Tofu-Broccoli-Burger bestellt hätten.)
Alter, bestellten wir viel Bullshit! Wir machten quasi einen Frusteinkauf nach dem frustrierenden Einkauf. «Siebenundvierzig Franken achtzig», sagt der Typ am Schalter, ich zahlte mit Karte, und sie ging nicht. Maxed out beim Schweden. Martins Kärtli ging auch nicht; mit dem letzten Fädeli an Nerven sah ich in mein Portemonnaie, wo ich eine versiffte Zehnernote rauskramte.
Fuck. Fuckfuckfuck. Wir waren am Arsch, ohne Burger hielt unsere arme Beziehung noch etwa drei Sekunden, und ich war drauf und dran, dem Burger-Typen meine Scheidungspapiere hinzustrecken.
«Danke für Ihren Einkauf», sagte der. Er hatte mein Zehnernötli genommen und lächelte freundlich.
Was? «Sie hat aber…», sagte Martin tonlos.
«Besten Dank für Ihren Einkauf», sagte der Typ noch einmal, mit eindringlichem Lächeln. Er blinzelte einmal mehr als nötig.
Da verstanden wir. Nahmen das Tablett, fassungslos, und setzten uns an einen Tisch wie Zombies.
Dieser Mann hatte gerade mehr Leben gerettet als jemals in einem Burgerladen gerettet worden waren. Seit damals ist er mein Vorbild. Ich kann nur hoffen, träumen, darüber fantasieren, dass ich eines Tages so viel Gutes tun kann wie der random Burger-Typ neben dem Möbelhaus.
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.