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Lesbensex, Zwinkersmiley

Anna Rosenwasser über eine theoretisch überflüssige Frage, die queeren Frauen immer wieder gestellt wird. Lallend nachts auf der Strasse, tagsüber in Random-Pausengesprächen oder nach einer politischen TV-Diskussion.
Von  Gastbeitrag , 

Eigentlich würde ich gern mal über Sex schreiben, weil Sex nice ist, aber ich muss irgendwie immer über Sex schreiben, weil ich mit irgendwas nicht einverstanden bin. Nicht mit meinem eigenen, alles bestens, danke der Nachfrage. Aber genau um dieses Nachfragen geht es.

Ich sass in der zweiten Reihe einer wöchentlichen Diskussionssendung, es ging um Politik, und ich vertrat die Lesben. Das war alles sehr erwachsen – ich meine, ich trug einen Blazer! Unironisch! –, vor mir diskutierte eine Bundesrätin, links von mir ein Nationalrat und rechts von mir, wortwörtlich höhö, der Präsi der Jungen SVP.

Weil es in diesem modernen Land noch immer normal ist, dass wir darüber diskutieren müssen, ob wir Homos Menschenrechte verdient haben.

Danach gab es Apéro für alle, von den Diskutierenden bis zu den Schulklassen, die im Publikum gesessen hatten. Als ich am Buffet vergebens nach Tee suchte, stellte sich ein Junge vor mir auf. Er hielt sich an seinem Sektglas fest, vermutlich dem zweiten.

Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)

«Ich habe eine Frage», sagte er dann. Das wusste ich. Ich wusste auch, dass sie nicht Menschenrechte betraf. Nicht mal rechte Menschen. Was jetzt kam, war eine Zwinkersmiley-Frage. Als geoutete Frau spürst du, wenn sich eine Zwinkersmiley-Frage anbahnt.

«Wie habt ihr eigentlich Sex?», fragte der junge Mann, während sich seine Wangen eher kommunistisch färbten. Die Königin der Zwinkersmiley-Fragen.

Ich bin also nicht mehr erstaunt. Aber jedes Mal aufs Neue hässig. Nicht auf den fremden Teenager, sondern auf alles, was dazu führt, dass er diese Frage stellen muss. Und zwar mir; den SVP-Politiker hat er ja ziemlich sicher (und hoffentlich) nicht gefragt, wie er und seine Frau Sex haben.

Uns, den queeren Frauen, stellt man diese Frage. Lallend nachts auf der Strasse, tagsüber in Random-Pausengesprächen oder nach einer politischen TV-Diskussion.

Mit meiner Reaktion muss ich über Konzeptionen von Sex schimpfen, richtigstellen, korrigieren. Als wäre Sex ein Schulfach und ich die Lehrerin. Während Sex in der Realität ja eben viel zu wenig thematisiert wird in den Schulen!

Keine Lesbe schuldet der Welt eine Erklärung von Lesbensex. Aber die Welt hat genau das bitter nötig: Aufklärung über Lesbensex.

Der Junge nahm einen Schluck aus seinem Sektglas. Ich nahm keinen Schluck Tee, weil es keinen gab. Entschied mich dann für eine der möglichen Antworten.

In einer idealen Welt hätte der Junge nie nachfragen müssen. Weil er in der Schule, in den Medien, im Gespräch mit Freund*innen den Antwortmöglichkeiten schon begegnet wäre.

Dass dies noch nicht der Fall ist, ist eben auch politisch – und gehört, wenn wir es genau nehmen, nicht nur in den Apéro, sondern auch vor die Kamera. Mein Blazer steht bereit. Zwinkersmiley.

Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.

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