NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod wurde an der Generalversammlung vom Samstag deutlich wiedergewählt. Das ist insofern brisant, als dass er im vergangenen Dezember versucht hat, Markus Somm, den Blocher-nahen Chefredaktor der Basler Zeitung (BaZ), auf den NZZ-Chefredaktorensessel zu lupfen. Zum Glück erfolglos. Übrig bleibt ein Verdacht: Wenn es mit Blocher und der «alten Tante» nicht geklappt hat, liebäugelt er nun stattdessen mit ihren zwei Nichten, dem St.Galler Tagblatt und der Neuen Luzerner Zeitung, die ebenfalls zur NZZ-Mediengruppe gehören?
Zumindest diese Frage wurde am Donnerstagabend im Kinok beantwortet. Eröffnet wurde er mit Edgar Hagens BaZ-kritischem Film Die Übernahme. Anschliessend diskutierten Philipp Landmark (Tagblatt-Chefredaktor), Nina Scheu (Journalistin und Syndicom-Mediensprecherin), Markus Schär (Weltwoche-Redaktor) und Etrit Hasler (Politiker und freier Autor) über das Gesehene, und für die Ostschweiz relevanter: über etwaige Parallelen zur hiesigen Medienlandschaft. Moderiert wurde das Podium von Hanspeter Spörri, langjähriger Journalist und Saiten-Vereinspräsident.
Protestfilm mit emotionalen Statements
Das Interesse war gross, der Saal gut gefüllt. Hagens Film – ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Netzwerk «Kunst+Politik» und dessen Aktion «Rettet Basel» – startet mit Tagesschau-Schnipseln. Sie bilden eine Chronologie der Ereignisse, die ab 2010 zur «schleichenden Blocherisierung» der BaZ geführt haben. Der Rest besteht aus einem Zusammenschnitt von Statements verschiedener Personen zu einzelnen BaZ-Artikeln, aufgenommen im Juni 2014 an einem mehrstündigen Heraring im Theater Basel, wo die besagten Texte vorgelesen und diskutiert wurden.
Das Resultat: Empörung, Betroffenheit und jede Menge Vorwürfe an die Adresse der BaZ-Redaktion. Dazu gehören unter anderem: Gesinnungs- und Thesenjournalismus, Befangenheit (Journalisten, die über ihre eigenen Vorstösse schreiben), Intransparenz (Berufung auf Hörensagen oder «Insiderkreise»), einseitige, tendenziöse, manipulative Berichterstattung (gerne auch übers Asylwesen), Personalisierungen, Sexismus und Diskriminierung, Hetzkampagnen (etwa gegen die baselstädtische Finanzchefin Eva Herzog).
Solche Methoden sind auch im Rest des Politspektrums zu finden, doch die Vorwürfe sind berechtigt – nicht umsonst hält die BaZ den Rügen-Rekord beim Presserat. Diese sollten jedoch fachlicher Natur sein, nicht politisch motiviert. Denn das kann schonmal zu Werteverschiebungen in der eigenen Weltanschauung führen, was man im Film ruhig auch hätte thematisieren dürfen. Zum Beispiel an der Frage, ob man bei den Manipulationsversuchen eines gesinnungskompatiblen Blatts die gleichen Massstäbe ansetzt wie bei der BaZ und ihren medienethischen Verstössen.
Bewusst einseitige Intervention
Von den Beschuldigten kommt im Film niemand zu Wort. Die gegnerischen Statements hingegen sind eng zusammengeschnitten, prägnant, emotional. Jemand aus dem Publikum beschrieb das Projekt als 40-minütige «Collage ähnlicher Meinungen». Ein legitimes Konzept, zumal auch die Filmemacher von einer «bewussten filmischen und parteilichen Intervention» sprechen. Aus journalistischer Sicht jedoch fehlt es der Übernahme dadurch an Transparenz und Ausgewogenheit.
Die Filmidee entwickelte Hagen zusammen mit dem Autor und «Rettet Basel»-Gründer Guy Krneta. Ziel sei es, die Auswirkungen manipulativer Berichterstattung aufzuzeigen, erklärte dieser vor der Aufführung im Kinok. Zum Teil ist das durchaus gelungen. Der Film entlarvt das rechtspolitische Programm, zeichnet ein böses Bild von «Blochusconi» und seinen Schergen. Und reiht sich damit ein in eine ganze Reihe von Artikeln und Dossiers, die sich mit den sogenannten Blochermedien befassen. Manche etwas polemischer, andere ganz sachlich. Die Übernahme bewegt sich wohl irgendwo dazwischen.
Das Podium: kurz gestreifte und offene Fragen
Die Diskussion im Anschluss war unerwartet langweilig. Es wurde viel herumgeeiert und wenig gesagt. Über vermeintliche Objektivität und Doppelmoral, alternative Berufsbilder, wirtschaftliche, publizistische Realitäten oder Rezepte für journalistische Unabhängigkeit und Qualität wurde, wenn überhaupt, nur halbherzig geredet. Stattdessen verloren sich die Podiumsgäste allzu oft abwechslungsweise in diffusem Pessimismus (Scheu), Relativierungen (Landmark) oder Sticheleien aufgrund schwerwiegender politischer Differenzen (Schär und Hasler).
Wesentliche Punkte kamen nur vereinzelt zur Sprache: Schär etwa kritisierte die dauerkulturpessimstische Zeitungsbranche. Nina Scheu warnte – ebenfalls zu Recht – vor einer «zunehmenden 20Minutisierung» gewisser Redaktionen, die regelmässig «No-News» zu «News» machten und so der «Verblödungsindustrie» zuspielten. Etrit Hasler fragte durchaus konsequent, ob das Modell Tageszeitung heute überhaupt noch zeitgemäss sei. Ausserdem plädierte der SP-Parlamentarier und WoZ-Kolumnist für eine Vereinbarkeit von politisch engagiertem Schreiben und journalistischer Qualität.
Hier hätte es spannend werden können. Etwa bei der Frage, ob sich WoZ-Hasler und Weltwoche-Schär wenigstens im Beruf an gemeinsamen Standards wie Transparenz, Faktentreue, Relevanz oder Ausgewogenheit orientieren. Von Markus Schär, dem Thurgauer Ex-Linken, der den Presserat gern belächelt und die Vorwürfe gegen die BaZ für ungerechtfertigt hält, hätte man ohnehin dringend eine Offenlegung seiner journalistischen Grundsätze fordern müssen. Auch die Frage nach Blochers realem Einfluss an seinem Arbeitsplatz bei der Weltwoche blieb ungestellt. Stattdessen durfte er munter weiter schwurbeln.
Und die Ostschweiz?
Kurz zur Situation des St.Galler Tagblatts: Philipp Landmark, ansonsten eher durch Zurückhaltung aufgefallen, winkt ab in Punkto Blocher. Ein Verkauf des Tagblatts sei derzeit «höchst unwahrscheinlich». Die NZZ-Gruppe hege diesbezüglich kaum Absichten. «Dort interessiert man sich vor allem für unsere Zahlen, weniger für die Buchstaben.» Zusammen mit der Neuen Luzerner Zeitung generierten die Tagblatt Medien fast zwei Drittel des Umsatzes der NZZ-Gruppe. Diese könnte es sich zwar leisten, würde die Regionalen aber kaum zum regulären Preis abzustossen.
Somit ist klar: Solange Blocher nicht massiv über Marktwert offeriert, bleibt das Tagblatt in freisinnigen Händen. Und die Ostschweizer Medienlandschaft vermutlich weiterhin konzentriert. Was diese überregional bedeutende Marktstellung für den Tagblatt-Journalismus konkret bedeutet? Wäre auch eine gute Podiumsfrage.
Hier noch ein paar mehr, unsere Kommentarspalte ist ja quasi ein 24/7-Podium:
Die Übernahme» von Edgar Hagen kann für 10 Franken hier bestellt werden. Weitere Infos: dieuebernahme.ch
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.