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Blutrausch in einer sündigen Stadt

Im iranischen Vampir-Western A Girl Walks Home Alone at Night metzelt eine verschleierte Schönheit die Bösen nieder. Das ist eine wahre Freude fürs Auge. Der Film braucht aber angesichts einer rätselhaft-wortkargen Handlung auch Ausdauer.
Von  Urs-Peter Zwingli , 

Mitten im Iran liegt «Bad City»: Eine Art Geisterstadt, die in Drogen, Prostitution und Gewalt versinkt. Instanzen wie Gesetz oder Moral haben sich längst von dem düsteren Wüsten-Moloch verabschiedet – bis eine schöne Vampirin (Sheila Vand) beginnt, die Bösen zu jagen. In einen Tschador, einen traditionellen Überwurf, gehüllt, pirscht sich die namenlos bleibende junge Frau an ihre Opfer heran. Im letzten Moment lässt sie die Zähne aufblitzen und beisst schnell und knackend zu. Blut fliesst, Augen drehen sich starr zur Decke.

Der Film A Girl Walks Home Alone Tonight der US-iranischen Regisseurin Ana Lily Amirpour erzählt diese recht simple Geschichte (Gut gegen Böse, dazu ein bisschen Liebe) in einem begeisternden Mash-Up der Stile. Die hart kontrastierten, schwarz-weissen Filmbilder erinnern an die legendäre Comic-Verfilmung Sin City. Gleichzeitig schaut man den Desperados beim illegalen Treiben über die Schulter. Drogen, Waffen und Bargeld sind massig vorhanden.

Dazu ein paar Bilder eines langsam durch die durch Strassen rollenden Ami-Schlitten, aus dem unser Held zum Surfrock-Soundtrack betrübt in die Nacht schaut. Unweigerlich denkt man an die mittlerweile klassisch gewordene Tarantino-Ästhetik der 90er und 00er-Jahre. Und sogar ein bisschen Lost Highway-Feeling ist dabei, wenn die Autoscheinwerfer über die unbeleuchteten Wüstenstrassen des Irans preschen. Die kosmopolitische Regisseurin Amirpour – in England geboren, in den USA aufgewachsen – beschreibt ihren original auf Farsi gedrehten Film selber als «den ersten iranischen Vampir-Spaghettiwestern».

Der Trailer zum Film:

Cold Turkey in der Stube

Am Steuer des Oldtimers sitzt eben unser Held: Arash (Arash Marandi), ein iranischer James Dean, schön und melancholisch. Sein Traumauto hat er sich mühsam im Garten einer reichen Bitch erkrampft, nun nimmt es ihm ein Dealer wieder weg. Bei diesem hat Arashs heroinabhängiger Vater, der sich den ganzen Film lang mit akutem Cold Turkey in der heimischen Stube wälzt, grosse Schulden. Das Auto des Sohnes wird so zum Pfand.

Der Dealer ist ausserdem auch Zuhälter, noch dazu ein fieser: Einer gealterten Prostituierten verweigert er ihr Geld und missbraucht sie. Kurz darauf zahlt er den Preis. Die Vampirin, die sich zuvor in ihrem Haus zu Songs des hörenswerten Film-Soundtracks in Fahrt gebracht hat, tötet ihn in seinem eigenen Haus. Arash, der kurz darauf beim Dealer vorbeischaut, um sein Auto einzufordern, findet Interessantes. Eine Leiche, die gewünschten Autoschlüssel und – Jackpot! – einen Koffer voller Geld und Drogen. Er greift zu und beginnt ein neues Leben: Vom Gärtner zum Drogenlieferant der Schönen und Reichen.

Kurz darauf, nach einer MDMA-getränkten Partynacht, lernt Arash die Vampirin kennen: Diese ist mittlerweile mit einem Skateboard unterwegs, das sie einem kleinen Jungen geklaut hat. Nicht, ohne diesen vorher dazu anzuhalten, «ein guter Junge» zu sein. Mit der gefauchten Drohung: «Ich werde dich dein ganzes Leben lang beobachten.»

Und wie es für Vampirfilme in diesem Jahrhundert verpflichtend zu sein scheint, verliebt sich die Vampirin in einen Sterblichen. Sie nimmt den verwirrten Arash nach Hause, wo sich die beiden näherkommen.

Zu cool für lange Dialoge

Aber keine Angst, es kommt hier nicht zur Twilight-Romanze: Zu fremd sind sich Arash und die Vampirin, deren wahres Wesen er bald erkennt. «Du weisst nicht, wer ich bin. Ich habe böse Dinge getan», sagt sie ihm denn auch bei einem seltsam wortkargen, ergebnislosen Treffen.

Sowieso zieht sich dieses Wortkarge durch die Beziehung der beiden: Sie ziehen sich gegenseitig an, doch für einen Film, der so cool ist wie dieser, wären lange Dialoge nur der Totschlag. So schweigen sich die beiden – wie die Menschen allgemein – an, wechseln dunkle Blicke, Sätze bleiben in der Luft hängen, konkret wird wenig.

Das braucht manchmal Ausdauer: Beim Erschaffen der mystischen filmischen Zwischenwelt stand für die Regisseurin offenbar nicht ein packender Plot im Vordergrund. Es ist die Lust am Visuellen, am Schrägen und Düsteren, die A Girl Walks Home Alone At Night trägt. Dramatik kommt aber plötzlich auf, als sich das Vampirmädchen aufmacht, Ashrads Vater zu jagen – auch für vampirische Liebe eine Belastungsprobe.

 

Ab Donnerstag, 9. April, im Kinok.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

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Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

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Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

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Vom Le­ben und Schrei­ben

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Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

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Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

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Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter