Man muss wissen: Der für die aktuelle Ausgabe von «Hochparterre Wettbewerbe» verantwortliche Redaktor kennt St.Gallen von klein auf wie seine Hosentasche. Zwar wohnt Marcel Bächtiger längst in Zürich, aber den Faden in die Stadt seiner Kindheit, Jugend und Schulzeit pflegt er – und er schaut genau hin.
Schon im Editorial stellt er fest, dass St.Gallen der Architekt:innen-Nachwuchs fehlt und es noch etwas dauern wird, bis die Architekturwerkstatt-Absolvent:innen der Fachhochschule diese Lücke füllen werden. Doch gleichzeitig lobt er die vorbildliche Wettbewerbskultur von Stadt und Kanton. Und er hofft: «Vielleicht wird St.Gallen doch noch zur Architekturstadt.»
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In seinem einleitenden Essay geht es unter anderem um die Stichworte Textil- und Buchstadt. Es mische sich immer noch etwas Bitterkeit in den Verlust der einstigen Grösse, die sich unter anderem rund um den Bahnhof baulich nach wie vor ablesen lässt. Doch wenn Albert Kriemler vor heimischer Kulisse seine Akris-Models mit Stadtplan-bedruckten Stoffen präsentiere, auf denen lokale Ortsnamen zu lesen sind, «kann es um die Hipness St.Gallens so schlecht nicht bestellt sein», folgert Marcel Bächtiger.
Paradigmawechsel für die stagnierende Stadt
Die Kritik folgt auf den Fuss: Weil sich an der stagnierenden Einwohnerzahl wohl so schnell nichts ändern werde, täte das offizielle St.Gallen gut daran, einen Paradigmawechsel einzuleiten. Es könne ja nicht verwundern, wenn eine Mini-Europaallee am Bahnhof Nord oder eine «megalomane Gleisüberdeckung in St.Fiden» im Sand verliefen: «Ausser spekulativen Investoreninteressen und politischen Aufschwungfantasien gibt es keine vernünftigen Gründe für solche Planungen», so Marcel Bächtiger.
Bei einem demografischen Stillstand neue Gebiete zu entwickeln, würde nur zur innerstädtischen Zersiedelung führen – kein gutes Rezept für Körper und Psyche einer Stadt. Die im Heft vorgestellten Projekte des Uni-Campus am Platztor und der Bibliothek seien dagegen gute Bausteine für die Weiterentwicklung der Innenstadt. Der Beobachter von aussen hofft, dass viele der jüngsten Wettbewerbe auch umgesetzt werden können, auch wenn er Kritik an den konkreten Projekten übt, etwa an der «Glasschwelgerei» des Campus-Projekts.
Das Siegerprojekt für den HSG-Campus am Platztor von Pascal Flammer.
Aber auch das «Hochparterre Wettbewerbe»-Heft stellt die Frage ob das alles bezahlbar sei? Oder ob die Stimmen recht bekommen, die schon heute sagen: «Da chont nöd»?
Im Folgenden bespricht und zeigt das Magazin die Wettbewerbsresultate fürs Textilmuseum, für den Campus Platztor, für die Bibliothek, für das Zentrum für Labormedizin und – als kantonales Projekt – für den Neubau der Kantonsschule Wattwil.
Textilmuseum im Realitätscheck
Am meisten Kritik muss der Juryentscheid zum Textilmuseum einstecken. Marcel Bächtiger nennt es das Projekt mit dem «grössten Spektakelpotenzial». Der Zürcher Architekt Christian Kerez will bekanntlich den gesamten Altbau unterhöhlen und ihn dann «schwebend auf einen neuen gigantischen Ausstellungssaal stellen». Man könne über den Entscheid geteilter Meinung sein, müsse ihm aber zugestehen, «dass er in seiner ganzen wahnwitzigen Vermessenheit eine Frische verströmt, die man in St.Gallen seit Jahrzehnten vermisst.»
Der unterirdische Ausstellungssaal im Siegerprojekt zum Textilmuseum.
Autor Martin Klopfenstein, der die Textilmuseums-Projekte im Detail vorstellt, beurteilt Kerez‘ Vorschlag «beim näher Besehen als Tour de Force mit unabsehbaren Folgen». Die Jury habe sich offensichtlich gesagt: «No risk, no fun». Als Aussenstehender – so Martin Klopfenstein weiter – «fragt man sich allerdings schon, weshalb ganz offensichtlich in Kauf genommen wird, dass das ultra-ambitionierte Projekt den Realitätscheck in den kommenden Phasen nicht übersteht.»
Wenn die Jury hier mit dem Bilbao-Effekt spekuliere, dann funktioniere das in der engen St.Galler Vadianstrasse wohl nicht. Zwar sei es möglich, dass die Zukunft den Schreibenden Lügen strafen und ihn als pessimistischen Kleinkrämer entlarven werde, doch «vorderhand bleibt zu berichten von Überforderung, Illusionen und Vermessenheit. Es ist das Verdienst des Siegerprojekts, genau das auf drastische Weise zu veranschaulichen», so Martin Klopfenstein.
Die Macht der Renderings
Marcel Bächtiger geht in einem weiteren Text am Beispiel des Bibliothekswettbewerbs auf die Macht der Rederings ein. Er fragt, ob der Eindruck eines Bildes, der rasch ein Urteil nach sich zieht, einem Projekt gerecht werden könne. Gerade weil das Rendering des siegreichen Projekts des Architekturbüros Volker Staab aus Berlin «nichts Besonderes» sei, entstehe ein Problem. Ein so grosses Vorhaben müsse Begeisterung auslösen können, doch vor Ort sei angesichts der Bilder eher Ernüchterung zu spüren.
«Semidepressive Hochnebelstimmung»: Eines der Renderings für die neue Bibliothek am Union.
«Die Anmutung eines Bürogebäudes, eine gewisse Austauschbarkeit der Architektursprache, nicht zuletzt auch die semidepressive Hochnebelstimmung, die die Szenerie beherrscht – dies alles trägt dazu bei, dass von der grossen Zukunftsvision Neue Bibliothek auf den ersten Blick nur ein gewöhnliches Gebäude in ästhetisiertem Silbergrau übrigbleibt.»
Schade, findet Marcel Bächtiger, denn das Projekt sei grossartig, es habe alles richtig gemacht, von der Eingliederung in die Stadt bis zur inneren Organisation und der Andockung ans Union-Gebäude. Räumliche Lösungen seien äusserst attraktiv. Er erwarte deshalb bald neue Visualisierungen.
Widersprüche im Klimatrend
Schon etwas länger entschieden ist der Wettbewerb für das neue Zentrum für Labormedizin an der Frohbergstrasse, in unmittelbarer Nähe des Kantonsspitals. Gewonnen haben ihn die in Basel ansässigen Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein – der ursprünglich ein Sarganserländer ist.
Das künftige Zentrum für Labormedizin von Christ und Gantenbein.
So elegant dieses Projekt auch aussieht, die Kommentatorin Christina Leibundgut findet es nicht ganz auf der Höhe der Zeit: «Stampflehmstützen, Photovoltaikfassade und ein hölzernes Tragwerk auf der einen, ein enormer Aluminium- und Glasanteil auf der anderen Seite – in der Summe bedient sich das Siegerprojekt dann doch etwas zu vieler klimafreundlicher Trends und bleibt dabei zu widersprüchlich, um einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Architektur zu leisten.» Zurecht habe die Jury deshalb eine Überarbeitung gefordert.
Zwei St.Galler als Schulhaus-Architekten
Schliesslich stellt das Magazin den Wettbewerb für den Neubau der Kantonsschule Wattwil vor, den zwei in Zürich tätige St.Galler gewonnen haben, die im Heft auch vorgestellt werden: Mathias Gunz und Michael Künzle kennen sich aus der Schulzeit in St.Gallen und vom Studium an der ETH Zürich, doch eine Zusammenarbeit war lange kein Thema. Ihre Wege kreuzten sich eher zufällig wieder, unter anderem auf dem Fussballfeld.
Das Projekt von Gunz Künzle für den Campus am Platztor St.Gallen, juriert auf Rang 5.
Die beiden beteiligten sich auch schon am Wettbewerb für den Marktplatz und an jenem für den Campus Platztor. Dort schlugen sie eine Stadt in der Stadt mit verschiedenen Baukörpern und öffentlichen Zwischenräumen vor. Sie kamen damit auf den fünften Platz. Die neue Kantonsschule Wattwil dürfen sie nun bauen.
Das Projekt für den Campus Wattwil von Gunz Künzle, Ansicht von der Thur her.
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