Weihnachten bei meinen Grosseltern in der Arbeitersiedlung Bocksriet in Schaffhausen waren immer etwas Besonderes. Im winzig kleinen Esszimmer rückte die 13-köpfige Verwandtschaft eng zusammen und liess es sich bei Spätzli und Chüngel gutgehen. Gekocht hat immer mein Grossvater.
Zum Chüngel bestellte er beim Metzger gerne zusätzliche Köpfe, in Spitzenjahren waren es sieben Stück, da in der Familie darauf geschworen wurde, dass es nichts Köstlicheres gäbe als Chüngelbäggli.
Der Chüngel war aber bloss der Vorlauf für ebendiese Geschichten, die mein Grossvater uns Enkelinnen und Enkeln nach dem Essen erzählte. Er zog sich mit uns in die gute Stube zurück und nahm ein Buch hervor, auf dessen Umschlag eine Art Metzger mit blutbespritzter Schürze und furchteinflössendem Gesichtsausdruck abgebildet war. Dann begann er wortreich zu erzählen, zeigte uns Kindern immer wieder mal ein Bild aus dem Buch und verscheuchte unsere Eltern, die ihn vom Erzählen mit dem Einwand abhalten wollten, wir seien doch noch zu jung für diese Geschichten.
«Diese Geschichten», die uns Grossvater aus seinem Buch erzählte, waren die Texte, welche Kommunisten im Exil unter dem Titel Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror 1933 herausgebracht hatten. Grossvaters Botschaft an uns Kinder war, dass niemand behaupten solle, man habe die Schrecken des Dritten Reichs nicht früh kommen sehen und, das war ihm besonders wichtig: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!
Für diese frühe Sensibilisierung bin ich meinem Grossvater, der sein Brot als Tramchauffeur verdiente und in seiner Freizeit handfest antifaschistische Aktion praktizierte, sehr dankbar. In Zeiten wie diesen, mit einem Faschisten als Präsident der USA, mit Rechtsradikalen, die in ganz Europa in den Startlöchern sind, auch in der Schweiz, hilft mir das früh geweckte Bewusstsein, dass diesen Verächtern von Menschenrechten und einer solidarischen Gesellschaft nie mit Verständnis, sondern nur mit Entschlossenheit zu begegnen ist.
Ein Grund, der Antifa endlich mal danke zu sagen.
Das erwähnte Buch ist auf archive.org zum freien Download verfügbar. (Der «Metzger» auf dem Buchumschlag war übrigens ein Nazischlächter, gestaltet vom grossen John Heartfield/Helmut Herzfeld): archive.org/details/BraunbuchberReichstagsbrandUndHitlerterror
Dani Fels, 1961, ist Dozent an der FHS St.Gallen und Fotograf. Er schreibt monatlich die Stadtkolumne in Saiten.Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.