Kategorie
Autor:innen
Jahr

тривожні валізи – Notfallrucksäcke

«Ich habe drei Kinder, jetzt sind sie in Kyiv. Im Falle eines russischen Angriffs muss ich sie aus der brennenden Hauptstadt abholen.» Die Flaschenpost aus dem nordukrainischen Zhovid, 40 Kilometer von den Panzern entfernt. Von Ivan Sautkin
Von  Gastbeitrag
Was in den Notfallrucksack gehört. (Bilder: Ivan Sautkin)

Ich lebe in einem Dorf im Norden der Ukraine, nahe der russischen Grenze. 40 km von meinem Haus befindet sich ein russisches Armeecamp. Dorthin wurde in den vergangenen Wochen Militärausrüstung gebracht, die für einen Angriff auf unsere Hauptstadt Kyiv nötig ist. Bei Nordwind hören wir fernes Artilleriefeuer. Die Russen vernichten Übungsziele und stellen sich dabei vor, auf Lastwagen mit ukrainischen Soldaten oder auf Panzer zu schiessen, oder vielleicht auch auf Wohngebäude mit schlafenden Bewohnern.

In der Ukraine herrscht seit beinahe acht Jahren Krieg. Begonnen hat er mit der Annektierung der Halbinsel Krim, von dort hat er sich aufs Festland verlagert, auf den Donbas, und hat sich dort festgefressen. Bemerkbar macht er sich mit Flüchtlingen, verkrüppelten Menschen und Särgen, und mit unzähligen dramatischen Geschichten aus dem Leben der Soldaten und der dortigen Bevölkerung.

Von Ablehnung bis zu Akzeptanz

Während dieser acht Jahre hat sich das Bewusstsein der Ukrainer und Ukrainerinnen in Bezug auf diesen Konflikt schubweise verändert. Es begann mit der Ablehnung. Die Geschehnisse passten nicht in unser Selbstverständnis und erschienen als vorübergehender böser Traum. Danach kam die Wut. Alles, was im Zusammenhang mit Russland stand, rief heftigen Ärger hervor, sogar die russische Sprache, die von vielen Ukrainern im täglichen Leben benützt wird.

Danach kam die Periode des politischen Gezerres. Wir meinten, die Politiker müssten die Kriegsfrage lösen, und setzten grosse, aber leider unerfüllte Hoffnungen in sie. Danach kam die Depression, und schlussendlich – die Akzeptanz. Wir haben uns daran gewöhnt, mit dem Krieg zu leben, so wie mit einer chronischen Krankheit. Wir haben diese Krankheit, aber das Leben geht weiter, und dafür müssen wir kämpfen, trotz des Schmerzes und der Schwäche.

2014 hatte die Ukraine so gut wie keine Armee, sie war in einem schrecklichen Zustand. In den vergangenen acht Jahren wurde sie von Grund auf erneuert und musste sich im Kampf beweisen. Wir glauben daran, dass unsere Soldaten einen russischen Angriff aufhalten und solide Gegenwehr leisten können.

Ivan Sautkin, 50, ist Filmregisseur in Zhodiv.

Am selben 13. Februar 2022, an dem ich diesen Text verfasse, haben die Botschaften einiger grosser Länder ihre Arbeit in der Ukraine eingestellt und ihre Mitbürger aufgefordert, das Land wegen der unsicheren Lage zu verlassen. Einige Fluglinien haben ihre Flüge eingestellt. In den Städten werden Luftschutzräume und Feldspitäler vorbereitet, Einheiten von Zivilisten erproben den Kampf hinter der Front.

Noch vor ein paar Jahren hätten diese dunklen Vorzeichen in der Bevölkerung Panik hervorgerufen. Jetzt ist die Stimmung erstaunlich ruhig. Die Menschen leben ihr ganz normales Leben, sie arbeiten, treffen sich, planen Reisen und feiern Geburtstage, genauso wie sie es getan haben, als es offenbar keinerlei Bedrohung gab. Dies hat nichts mit Passivität oder dem Wunsch zu tun, die Realität zu verleugnen. Während dieser Jahre sind die Leute es satt geworden, sich andauernd dem Stress auszusetzen, und haben gelernt, ihr inneres Gleichgewicht zu bewahren. Es ist eine Art Selbstschutzreaktion. Und, wie die Erfahrung zeigt, je näher man sich beim Geschehen befindet, umso geringer ist die Angst.

«Notfallrucksack» – so nennen wir die Ansammlung an unerlässlichen Dingen, die wir im Katastrophenfall (in unserem Fall ein psychotischer Nachbar) brauchen. Dazu gehören die persönlichen Dokumente, etwas Lebensmittel und Wasser, eine kleine Apotheke, eine Taschenlampe, Zündhölzer, Unterwäsche und natürlich ein gut durchdachter Plan. Jeder hat seine eigene Sammlung der wichtigsten Dinge und jeder hat seinen individuellen Notfallplan.

Mein Bekanntenkreis spricht lieber nicht über seinen Notfallrucksack, höchstens im Scherz. Aber ich weiss, dass die meisten meiner Freunde ihn schon gepackt haben und jeder und jede hat einen Plan für den Ernstfall.

«Hier ist mein ganzes Leben. Wo soll ich hin?»

Ich habe drei Kinder, jetzt sind sie in Kyiv. Im Falle eines russischen Angriffs muss ich sie aus dem brennenden Kyiv abholen. Kyiv brennt sicher, denn egal welches Kriegsszenario, es beginnt mit Raketenangriffen auf militärische und strategische Objekte, und davon gibt es in der Hauptstadt unzählige. Die Fahrt wird schwierig, denn die Strassen werden verstopft und wahrscheinlich beschädigt sein. Falls wir nicht kommunizieren können und etwas mit dem Haus passiert, in dem meine Familie lebt, dann haben wir einen Notfall-Treffpunkt vereinbart. Von Kyiv aus fahren wir in den Westen, in die Karpaten, dort werden die Kinder in Sicherheit sein.

So sieht mein Plan aus. Ausser den «wichtigsten Dingen» befinden sich in meinem Rucksack Kinderspielsachen und Geschenke für unsere Freunde, die uns an einem sicheren Ort erwarten.

Oleg Chovpun.

Die Kinder meines Nachbarn Oleg Chovpun sind schon erwachsen, und er hat nicht vor, wegzufahren. Zu Zeiten der Sowjetunion hat er in Afghanistan gekämpft, später hat er jahrelang als Zöllner an der ukrainisch-belarussischen Grenze gearbeitet. Jetzt ist er in Pension und träumt davon, Künstler zu werden. «Ich habe eine Kuh, Hühner, einen Gemüsegarten. Hier ist mein ganzes Leben. Wo soll ich hin?», sagt Oleg. «Meine Familie hat den Holodomor (die von Stalin 1932-33 künstlich hervorgerufene Hungersnot in der Ukraine) überlebt, die Besatzung durch die Wehrmacht und den Weltkrieg, wir haben die Krise der 1990er-Jahre überlebt, und dies hier überleben wir jetzt auch noch. Hier ist mein Haus, und ich gebe es nicht auf.» So denken die meisten Leute im Dorf. Ihr Plan ist Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang, und alles dafür zu tun, um die Katastrophe abzuwenden.

Vitali Dejnega.

Mein Freund Vitali Dejnega war bis zum Krieg IT-Fachmann. 2014 hat er eine der wichtigsten Freiwilligenbewegungen ins Leben gerufen, sie heisst «Повернись живим», «Kehr lebendig heim». Sieben Jahre angespannter Arbeit ohne Ferien haben ihn ausgelaugt, und für ihn war es an der Zeit, ein beschaulicheres Leben zu führen. Vitali hat seinen Nachfolger eingeführt und hat sich, mit seiner Kamera, auf Weltreise begeben. Sein Traum ist, als Video-Blogger seine Erlebnisse einem breiten Publikum mitzuteilen.

«Macht Euch keine Sorgen, wenn DAS eintritt, dann komme ich schnell zurück und nehme meinen Platz in der Landesverteidigung ein», schreibt Vitali aus Sri Lanka. Anstatt zu fliehen, so wie ich dies vorhabe, will er im Kriegsfall an die Front. Ich nehme an, dass in seinem Notfallrucksack sein mobiles Büro und die dazugehörige leistungsstarke Powerbank stecken.

Viele packen Waffen und Munition ein, andere chirurgische Instrumente, Malblöcke und Buntstifte, eine Kamera, eine Gitarre, für manche ist es wichtig, die Heilige Schrift dabei zu haben. Diese Dinge sind wichtig, sich selbst nicht abhanden zu kommen und anderen nützlich zu sein.

Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor, hoffen auf das Beste, und versuchen glücklich zu sein, während wir unsere Notfallrucksäcke packen.

Übersetzt aus dem Ukrainischen von Jürgen Kräftner, Netzwerk Schweiz-Transkarpatien/Ukraine.

Das Netzwerk Schweiz-Transkarpatien/Ukraine engagiert sich seit 2001 in sozialen und kulturellen Projekten in der Westukraine und im Austausch mit der Schweiz. Dazu gehören Entdeckungsreisen mit Unterkunft in Gastfamilien, Singwochen, Wanderungen in den Karpaten, Auftritte der ukrainischen Ensembles Hudaki und Cantus in der Schweiz und regelmässige Information über die Projekte und das tägliche Leben in der Ukraine.

nestu.org

Dieser Beitrag erscheint auch im Märzheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick