Ich lebe in einem Dorf im Norden der Ukraine, nahe der russischen Grenze. 40 km von meinem Haus befindet sich ein russisches Armeecamp. Dorthin wurde in den vergangenen Wochen Militärausrüstung gebracht, die für einen Angriff auf unsere Hauptstadt Kyiv nötig ist. Bei Nordwind hören wir fernes Artilleriefeuer. Die Russen vernichten Übungsziele und stellen sich dabei vor, auf Lastwagen mit ukrainischen Soldaten oder auf Panzer zu schiessen, oder vielleicht auch auf Wohngebäude mit schlafenden Bewohnern.
In der Ukraine herrscht seit beinahe acht Jahren Krieg. Begonnen hat er mit der Annektierung der Halbinsel Krim, von dort hat er sich aufs Festland verlagert, auf den Donbas, und hat sich dort festgefressen. Bemerkbar macht er sich mit Flüchtlingen, verkrüppelten Menschen und Särgen, und mit unzähligen dramatischen Geschichten aus dem Leben der Soldaten und der dortigen Bevölkerung.
Von Ablehnung bis zu Akzeptanz
Während dieser acht Jahre hat sich das Bewusstsein der Ukrainer und Ukrainerinnen in Bezug auf diesen Konflikt schubweise verändert. Es begann mit der Ablehnung. Die Geschehnisse passten nicht in unser Selbstverständnis und erschienen als vorübergehender böser Traum. Danach kam die Wut. Alles, was im Zusammenhang mit Russland stand, rief heftigen Ärger hervor, sogar die russische Sprache, die von vielen Ukrainern im täglichen Leben benützt wird.
Danach kam die Periode des politischen Gezerres. Wir meinten, die Politiker müssten die Kriegsfrage lösen, und setzten grosse, aber leider unerfüllte Hoffnungen in sie. Danach kam die Depression, und schlussendlich – die Akzeptanz. Wir haben uns daran gewöhnt, mit dem Krieg zu leben, so wie mit einer chronischen Krankheit. Wir haben diese Krankheit, aber das Leben geht weiter, und dafür müssen wir kämpfen, trotz des Schmerzes und der Schwäche.
2014 hatte die Ukraine so gut wie keine Armee, sie war in einem schrecklichen Zustand. In den vergangenen acht Jahren wurde sie von Grund auf erneuert und musste sich im Kampf beweisen. Wir glauben daran, dass unsere Soldaten einen russischen Angriff aufhalten und solide Gegenwehr leisten können.
Ivan Sautkin, 50, ist Filmregisseur in Zhodiv.
Am selben 13. Februar 2022, an dem ich diesen Text verfasse, haben die Botschaften einiger grosser Länder ihre Arbeit in der Ukraine eingestellt und ihre Mitbürger aufgefordert, das Land wegen der unsicheren Lage zu verlassen. Einige Fluglinien haben ihre Flüge eingestellt. In den Städten werden Luftschutzräume und Feldspitäler vorbereitet, Einheiten von Zivilisten erproben den Kampf hinter der Front.
Noch vor ein paar Jahren hätten diese dunklen Vorzeichen in der Bevölkerung Panik hervorgerufen. Jetzt ist die Stimmung erstaunlich ruhig. Die Menschen leben ihr ganz normales Leben, sie arbeiten, treffen sich, planen Reisen und feiern Geburtstage, genauso wie sie es getan haben, als es offenbar keinerlei Bedrohung gab. Dies hat nichts mit Passivität oder dem Wunsch zu tun, die Realität zu verleugnen. Während dieser Jahre sind die Leute es satt geworden, sich andauernd dem Stress auszusetzen, und haben gelernt, ihr inneres Gleichgewicht zu bewahren. Es ist eine Art Selbstschutzreaktion. Und, wie die Erfahrung zeigt, je näher man sich beim Geschehen befindet, umso geringer ist die Angst.
«Notfallrucksack» – so nennen wir die Ansammlung an unerlässlichen Dingen, die wir im Katastrophenfall (in unserem Fall ein psychotischer Nachbar) brauchen. Dazu gehören die persönlichen Dokumente, etwas Lebensmittel und Wasser, eine kleine Apotheke, eine Taschenlampe, Zündhölzer, Unterwäsche und natürlich ein gut durchdachter Plan. Jeder hat seine eigene Sammlung der wichtigsten Dinge und jeder hat seinen individuellen Notfallplan.
Mein Bekanntenkreis spricht lieber nicht über seinen Notfallrucksack, höchstens im Scherz. Aber ich weiss, dass die meisten meiner Freunde ihn schon gepackt haben und jeder und jede hat einen Plan für den Ernstfall.
«Hier ist mein ganzes Leben. Wo soll ich hin?»
Ich habe drei Kinder, jetzt sind sie in Kyiv. Im Falle eines russischen Angriffs muss ich sie aus dem brennenden Kyiv abholen. Kyiv brennt sicher, denn egal welches Kriegsszenario, es beginnt mit Raketenangriffen auf militärische und strategische Objekte, und davon gibt es in der Hauptstadt unzählige. Die Fahrt wird schwierig, denn die Strassen werden verstopft und wahrscheinlich beschädigt sein. Falls wir nicht kommunizieren können und etwas mit dem Haus passiert, in dem meine Familie lebt, dann haben wir einen Notfall-Treffpunkt vereinbart. Von Kyiv aus fahren wir in den Westen, in die Karpaten, dort werden die Kinder in Sicherheit sein.
So sieht mein Plan aus. Ausser den «wichtigsten Dingen» befinden sich in meinem Rucksack Kinderspielsachen und Geschenke für unsere Freunde, die uns an einem sicheren Ort erwarten.
Oleg Chovpun.
Die Kinder meines Nachbarn Oleg Chovpun sind schon erwachsen, und er hat nicht vor, wegzufahren. Zu Zeiten der Sowjetunion hat er in Afghanistan gekämpft, später hat er jahrelang als Zöllner an der ukrainisch-belarussischen Grenze gearbeitet. Jetzt ist er in Pension und träumt davon, Künstler zu werden. «Ich habe eine Kuh, Hühner, einen Gemüsegarten. Hier ist mein ganzes Leben. Wo soll ich hin?», sagt Oleg. «Meine Familie hat den Holodomor (die von Stalin 1932-33 künstlich hervorgerufene Hungersnot in der Ukraine) überlebt, die Besatzung durch die Wehrmacht und den Weltkrieg, wir haben die Krise der 1990er-Jahre überlebt, und dies hier überleben wir jetzt auch noch. Hier ist mein Haus, und ich gebe es nicht auf.» So denken die meisten Leute im Dorf. Ihr Plan ist Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang, und alles dafür zu tun, um die Katastrophe abzuwenden.
Vitali Dejnega.
Mein Freund Vitali Dejnega war bis zum Krieg IT-Fachmann. 2014 hat er eine der wichtigsten Freiwilligenbewegungen ins Leben gerufen, sie heisst «Повернись живим», «Kehr lebendig heim». Sieben Jahre angespannter Arbeit ohne Ferien haben ihn ausgelaugt, und für ihn war es an der Zeit, ein beschaulicheres Leben zu führen. Vitali hat seinen Nachfolger eingeführt und hat sich, mit seiner Kamera, auf Weltreise begeben. Sein Traum ist, als Video-Blogger seine Erlebnisse einem breiten Publikum mitzuteilen.
«Macht Euch keine Sorgen, wenn DAS eintritt, dann komme ich schnell zurück und nehme meinen Platz in der Landesverteidigung ein», schreibt Vitali aus Sri Lanka. Anstatt zu fliehen, so wie ich dies vorhabe, will er im Kriegsfall an die Front. Ich nehme an, dass in seinem Notfallrucksack sein mobiles Büro und die dazugehörige leistungsstarke Powerbank stecken.
Viele packen Waffen und Munition ein, andere chirurgische Instrumente, Malblöcke und Buntstifte, eine Kamera, eine Gitarre, für manche ist es wichtig, die Heilige Schrift dabei zu haben. Diese Dinge sind wichtig, sich selbst nicht abhanden zu kommen und anderen nützlich zu sein.
Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor, hoffen auf das Beste, und versuchen glücklich zu sein, während wir unsere Notfallrucksäcke packen.
Übersetzt aus dem Ukrainischen von Jürgen Kräftner, Netzwerk Schweiz-Transkarpatien/Ukraine.
Das Netzwerk Schweiz-Transkarpatien/Ukraine engagiert sich seit 2001 in sozialen und kulturellen Projekten in der Westukraine und im Austausch mit der Schweiz. Dazu gehören Entdeckungsreisen mit Unterkunft in Gastfamilien, Singwochen, Wanderungen in den Karpaten, Auftritte der ukrainischen Ensembles Hudaki und Cantus in der Schweiz und regelmässige Information über die Projekte und das tägliche Leben in der Ukraine.
nestu.org
Dieser Beitrag erscheint auch im Märzheft von Saiten.
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