Kategorie
Autor:innen
Jahr

Danke, Boomer-Väter!

Unsere Probleme sind schon gross genug, wir wollen nicht auch noch euren unausgelebten Schmerz ausbaden. von Tobit Brüllmann
Von  Gastbeitrag

Ich habe fast dreieinhalb Jahre auf dem Bau gearbeitet. Kurz gesagt: ein permanenter Penisvergleich in allen Testosteron-Olympiaden, die es gibt. Sei es beim Grillen im Sommer, wenn man einen Grill auf dem Bau hat, oder bei der Zigipause, wenn mal alle Bauherren weg sind.

An solchen Events ist es super wichtig, immer seinen Scheiss zu allem dazuzugeben: Wie man jetzt das Stück Fleisch mit der Grillzange aufheben muss oder ob die Flammen, die durch den Rost zum Fleisch züngeln, noch eine extra Note «Fleisch» brauchen oder nicht.

Auch dass man Frauen, die in Hotpants herumlaufen, nachpfeift, gehört dazu. Allgemein muss man(n) eine gewisse Permageilheit ausstrahlen, die gerne mal in Vergleiche wie «Frau gleich Fleisch» ausarten. Natürlich darf man auch die wilden Sex-Geschichten nicht vergessen, die mehr den martialischen Vorstellungen der Erzähler entsprechen als irgendeiner Realität.

Wie die Männer der alten Generation die Hierarchien festlegen, kann man an folgendem Beispiel krass aufzeigen: Die dummen Sprüche und das Nachpfeifen sind erst dann okay, wenn das auch einer macht, bei dem allgemein bekannt ist, dass er mehr verdient als der durchschnittliche Arbeiter. Diese Form des gegenseitigen Messens wird einem schon als kleiner Junge beigebracht.

Das Problem daran ist, dass alles, was man(n) besitzen kann, auch von Männern besessen wird. Der Frau hingegen wird alles abgesprochen, da das Besitztum männlich ist. Lediglich die Welt der Emotionen wird ihr zugesprochen. Natürlich liegt diese dem Mann fern. Das hat leider dazu geführt, dass wir jetzt mehrere Generationen von Männern haben, die ihren Schmerz, den sie seit der Kindheit in sich tragen, nicht zeigen können. Als Mann weint man nicht … Aber fuck off: Ich fühle, also bin ich!

Die Babyboomer-Generation erlebte den wirtschaftlichen Aufschwung, der vor allem den Männern zugutekam und den Materialismus und den finanziellen Reichtum als Statussymbol im Männlichkeitsbild manifestierte. So verstärkte sich die Abwesenheit des Vaters in der Familie und damit auch die emotionale Entfremdung in Vater-Sohn-Beziehungen. Die Rolle des Vaters ist nicht die der emotionalen Unterstützung und Anwesenheit, sondern die stoische und harte Hand, die einem zeigt, was es bedeutet, ein echter Mann zu sein.

Dieses Absprechen von Emotionen führt dazu, dass man als Junge ständig verprügelt wurde und ins Kinderzimmer rannte, nur damit niemand einen weinen sehen kann. Dieses Verhalten wird umso extremer, je älter Mann wird. Das geht so weit, dass man(n) nicht einmal mehr das Weinen alleine im Zimmer zulässt.

Je länger man sich dieser Form der Selbstpeinigung aussetzt, desto mehr verliert man den Kontakt zu sich selbst und zu dem, was man fühlt, bis dir am Ende nur noch zwei Formen der Reaktion übrigbleiben: Wut und Hass. Dabei müssten die Männer nur einmal an der Schulter eines Menschen sein, der ihnen zuhört und sie nicht verurteilt. Diese Rolle müssen Männer dringend auch untereinander übernehmen, denn bislang trugen die Frauen immer diese Last. Als kleiner Junge ging man auch immer zu Mama, um zu weinen, weil sie einem den Kuss und die Umarmung gab, die man damals so dringend brauchte.

Danke an alle Boomer-Väter, denen man nie genügen kann, obwohl man ein Teil von ihnen ist! Trotz all dem haben sie immer noch das Gefühl, die jüngere Generation wäre ihnen etwas schuldig und die Jungen seien doch alles verweichlichte Schneeflocken.

Nein, wir sind die erste Männer-Generation, die ehrlich zu sich ist und einsieht, dass uns die herrschenden Rollenbilder kaputt machen. Darum ist es unsere Aufgabe, es anders und besser zu machen. Denn unser Schmerz und unsere Probleme sind gross genug. Da brauchen wir euren nicht ausgelebten Schmerz, der sich nun als Frust gegenüber uns Jungen zeigt, nicht auch noch zu ertragen.

Tobit Brüllmann, 1999, hat eine Lehre als Sanitärinstallateur gemacht und leistet momentan Zivildienst.

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Angie,  

Schön geschrieben - jedoch wird ausser Acht gelassen, dass auch die Boomer-Väter Opfer ihrer Zeit sind. Da musste man den Vater noch siezen und statt Respekt hatte man Ehrfurcht.FURCHT. Dass deine Generation Mann nun eher Gefühle zulassen will und kann, ist AUCH denjenigen Boomer-Vätern zu verdanken, die es besser machen wollten als ihr alter Herr.

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Ein er­staun­li­ches Werk

Her­bert Rauch (1929–2012) war Brief­trä­ger und Künst­ler. In den Schwarz-Weiss-Fo­to­gra­fien des Rank­wei­lers er­schei­nen Ob­jek­te wie Stei­ne und Fe­dern als abs­trak­te, gra­fi­sche Ge­bil­de. Nun ist ein Fo­to­band zu sei­nem Spät­werk er­schie­nen, und im Schau­raum Re­né Dal­pra in Alt­ach sind sei­ne Ar­bei­ten aus­ge­stellt.

Von  Ariane Grabher
2 HR M Steine 2009 124x154 r duplex WG5 RGB

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene

Mehr Platz für Bü­cher und Ma­te­ri­al­mus­ter

Ei­nes der vie­len Ge­bäu­de des Sit­ter­werks, die vor ge­nau 100 Jah­ren er­bau­te Schwarz­fär­be­rei, be­her­bergt heu­te die Kunst­bi­blio­thek und die Ma­te­ri­al­mus­ter­schrän­ke. Ei­ne Auf­sto­ckung soll künf­tig mehr Platz schaf­fen.

Von  René Hornung
Sittwerwerk Aufstockung Bibliothek

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790