Ich habe fast dreieinhalb Jahre auf dem Bau gearbeitet. Kurz gesagt: ein permanenter Penisvergleich in allen Testosteron-Olympiaden, die es gibt. Sei es beim Grillen im Sommer, wenn man einen Grill auf dem Bau hat, oder bei der Zigipause, wenn mal alle Bauherren weg sind.
An solchen Events ist es super wichtig, immer seinen Scheiss zu allem dazuzugeben: Wie man jetzt das Stück Fleisch mit der Grillzange aufheben muss oder ob die Flammen, die durch den Rost zum Fleisch züngeln, noch eine extra Note «Fleisch» brauchen oder nicht.
Auch dass man Frauen, die in Hotpants herumlaufen, nachpfeift, gehört dazu. Allgemein muss man(n) eine gewisse Permageilheit ausstrahlen, die gerne mal in Vergleiche wie «Frau gleich Fleisch» ausarten. Natürlich darf man auch die wilden Sex-Geschichten nicht vergessen, die mehr den martialischen Vorstellungen der Erzähler entsprechen als irgendeiner Realität.
Wie die Männer der alten Generation die Hierarchien festlegen, kann man an folgendem Beispiel krass aufzeigen: Die dummen Sprüche und das Nachpfeifen sind erst dann okay, wenn das auch einer macht, bei dem allgemein bekannt ist, dass er mehr verdient als der durchschnittliche Arbeiter. Diese Form des gegenseitigen Messens wird einem schon als kleiner Junge beigebracht.
Das Problem daran ist, dass alles, was man(n) besitzen kann, auch von Männern besessen wird. Der Frau hingegen wird alles abgesprochen, da das Besitztum männlich ist. Lediglich die Welt der Emotionen wird ihr zugesprochen. Natürlich liegt diese dem Mann fern. Das hat leider dazu geführt, dass wir jetzt mehrere Generationen von Männern haben, die ihren Schmerz, den sie seit der Kindheit in sich tragen, nicht zeigen können. Als Mann weint man nicht … Aber fuck off: Ich fühle, also bin ich!
Die Babyboomer-Generation erlebte den wirtschaftlichen Aufschwung, der vor allem den Männern zugutekam und den Materialismus und den finanziellen Reichtum als Statussymbol im Männlichkeitsbild manifestierte. So verstärkte sich die Abwesenheit des Vaters in der Familie und damit auch die emotionale Entfremdung in Vater-Sohn-Beziehungen. Die Rolle des Vaters ist nicht die der emotionalen Unterstützung und Anwesenheit, sondern die stoische und harte Hand, die einem zeigt, was es bedeutet, ein echter Mann zu sein.
Dieses Absprechen von Emotionen führt dazu, dass man als Junge ständig verprügelt wurde und ins Kinderzimmer rannte, nur damit niemand einen weinen sehen kann. Dieses Verhalten wird umso extremer, je älter Mann wird. Das geht so weit, dass man(n) nicht einmal mehr das Weinen alleine im Zimmer zulässt.
Je länger man sich dieser Form der Selbstpeinigung aussetzt, desto mehr verliert man den Kontakt zu sich selbst und zu dem, was man fühlt, bis dir am Ende nur noch zwei Formen der Reaktion übrigbleiben: Wut und Hass. Dabei müssten die Männer nur einmal an der Schulter eines Menschen sein, der ihnen zuhört und sie nicht verurteilt. Diese Rolle müssen Männer dringend auch untereinander übernehmen, denn bislang trugen die Frauen immer diese Last. Als kleiner Junge ging man auch immer zu Mama, um zu weinen, weil sie einem den Kuss und die Umarmung gab, die man damals so dringend brauchte.
Danke an alle Boomer-Väter, denen man nie genügen kann, obwohl man ein Teil von ihnen ist! Trotz all dem haben sie immer noch das Gefühl, die jüngere Generation wäre ihnen etwas schuldig und die Jungen seien doch alles verweichlichte Schneeflocken.
Nein, wir sind die erste Männer-Generation, die ehrlich zu sich ist und einsieht, dass uns die herrschenden Rollenbilder kaputt machen. Darum ist es unsere Aufgabe, es anders und besser zu machen. Denn unser Schmerz und unsere Probleme sind gross genug. Da brauchen wir euren nicht ausgelebten Schmerz, der sich nun als Frust gegenüber uns Jungen zeigt, nicht auch noch zu ertragen.
Tobit Brüllmann, 1999, hat eine Lehre als Sanitärinstallateur gemacht und leistet momentan Zivildienst.
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
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