Man weiss es eigentlich… aber so recht zu sagen haben wir uns das in letzter Zeit nicht mehr getraut. Mit dem postmodernen Verlust aller Werte ist auch Fussball salonfähig geworden bis in die höchsten Kreise. Selbst Studierte reden heutzutage über Fussball. Verkehrte Welt – ein Glück, dass das «St.Galler Tagblatt» beziehungsweise sein Chef-Kommentator Gottlieb F. Höpli in seiner Mittwoch-Ausgabe wieder einmal sagt, wo Gott hockt.
Nein, nicht in den Stadien und in den Teppichetagen der Fussballverbände. Dort hockt «König Fussball», dort herrscht «ein milliardenschwerer Kommerz und eine weltumspannende, weitgehend intransparente oder gar mafiose Organisation». Dort dominiert die «Gewaltkultur», dort tummeln sich die «Analphabeten».
Gott und das Alphabet hingegen hocken in der klassischen Musik, genauer gesagt in der Klaviermusik, genau gesagt in den nachgebauten Originalflügeln von Liszt und Chopin und in Mozarts Hammerklavier, die die russische Pianistin Viviana Sofronitzky am vergangenen Freitag in der Kirche St.Laurenzen gespielt hat. Das sagt Höpli zwar nur vage, aber weil wir selber zur aussterbenden Gattung der Alphabeten gehören, wissen wir, wovon er spricht, auch wenn der Anlass zu Höplis Enttäuschung völlig ohne Medienecho geblieben ist, weil nämlich die Medien voll sind mit Fussball-Interna. Und also keinen Platz haben für die «atemberaubende Erfahrung», die Höpli an diesem Konzert vom vergangenen Freitag zusammen mit «Hunderten kulturell interessierter Zeitgenossen» gemacht hat. Mit Zeitgenossen wohlgemerkt, «die auf der Alphabetisierungsskala der Menschheit wohl einige Grade höher stehen als die Mehrheit der Fussballfans».
Hut ab. Gradegestanden! Endlich mal ein klares Wort, endlich buchstabiert einer die Gesellschaft wieder nach Stand und Ordnung. Es lebe der Unterschied von Proletarier und Herrenmensch. Es lebe das Alphabet nach Höpli.
PS. Wer Intelligenteres über Fussball lesen und hören will: «Football Leaks» kommt nach St.Gallen, zeitlich passend zu den Leaks in der FCSG-Führung. Hier der Einladungstext von SENF:
Vor rund zwei Jahren sorgte die Enthüllungsplattform «Football Leaks» zum ersten Mal für Aufsehen. Bis heute ist unbekannt, wer hinter dieser als Blog betriebenen Dokumentenablage steht. Journalisten, die einen Kontakt herstellen können, müssen mit dem Pseudonym John vorliebnehmen. So auch Rafael Buschmann und Michael Wulzinger, die den Whistleblower getroffen und vor kurzem das Buch Football Leaks: Die schmutzigen Geschäfte im Profifussball veröffentlicht haben.
John weiss Bescheid über Transfer-Summen, Löhne und Vertragsdetails der Fussballwelt. Über «die Schattenwelt der Branche», wie es im Klappentext des im Spiegelverlag erschienenen Buches heisst. Diese wird durchleuchtet wie noch selten zuvor. «Es sind legale, halblegale und vermutlich auch illegale Deals, der grösste Teil davon war bis zu den Enthüllungen nicht bekannt», schreibt die Journalistin Nicole Selmer in einer Rezension. Und weiter: «Die Enthüllungen der ‚Football Leaks‘ reihen sich ein in die Berichte über korrupte und korrumpierende Fussballinstitutionen und Akteure. Längst hat ein Gewöhnungseffekt eingesetzt, und diese Nachrichten werden allzu schnell mit einem Achselzucken hingenommen. Die Autoren fordern auch deswegen, dass der Fussball nicht sich selbst und seinen Regeln überlassen bleiben darf.»
Football Leaks 16. September 19 Uhr Bierhof St.Gallen
Diesen Samstag, am 16. September ist einer der Autoren, Spiegel-Redaktor Michael Wulzinger, in St.Gallen zu Gast. SENF präsentiert eine Lesung mit Wulzinger. Er wird anschliessend in einer offenen Fragerunde Einblick in den Entstehungsprozess des Buches, die Recherchen und andere Themen geben. Der Eintritt ist frei.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.