Saiten: Wie schätzen Sie die Situation der Ostschweizer Industriebetriebe in der Coronakrise ein?
Lukas Auer: Die Industrie in der Ostschweiz hatte in der Vergangenheit schon keinen leichten Stand: In den letzten eineinhalb Jahren wurden 1500 Arbeitsplätze abgebaut. Der Industriestandort Ostschweiz ist also latent gefährdet. Die Coronakrise hat diese Situation noch verschärft. Weltweit sind Lieferketten zum Teil unterbrochen, und auch die Absatzmärkte sind durch die Pandemie stark eingeschränkt. Es zeichnet sich ein beunruhigendes Bild für die Zukunft der Industrie in unserer Region ab.
Gibt es Unternehmen, die es besonders hart trifft?
Schwer zu sagen. Die Industrie ist insgesamt hart getroffen. Mit Sicherheit leiden Industriebetriebe, die lebensnotwendige Produkte herstellen, nicht so stark unter den Umsatzeinbussen wie Produzenten anderer Waren.
Was sind die grössten, durch Corona verursachten Probleme der Branche?
Der Umsatz bricht massiv ein und viele Industriebetriebe mussten Kurzarbeiten anmelden, was für die Belegschaft bedeutet, dass sie nur 80 Prozent des eigentlichen Lohnes erhalten. Für diese Familien bedeutet das enorme finanzielle Probleme.
Gibt es Positiv- bzw. Negativbeispiele in der Branche?
Ein Negativbeispiel ist sicher EMS Chemie von Magdalena Martullo-Blocher. Sie hat keine Kurzarbeit beantragt, sondern alle temporären Arbeiter entlassen. Bei der EMS-Tochter Eftec in Romanshorn wurden zudem auch langjährige und ältere Angestellte entlassen, wie die WOZ berichtet hat.
Die Bühler Gruppe in Uzwil hat es besser gelöst: Sie musste zwar auch teilweise Kurzarbeit anmelden, hat aber schon zu Beginn der Krise alle Angestellten der Risikogruppe krankschreiben lassen – und zahlt ihnen die fehlenden 20 Prozent des Lohns aus dem eigenen Sack, damit sie keine Einbussen erleiden.
Was halten sie von Aktiengesellschaften, die jetzt trotz Kurzarbeit Dividenden ausschütten?
Das ist ein sehr heikles Thema. Die Gewinne werden zum Erhalt der Arbeitsplätze jetzt dringend benötigt und sollten auch dort investiert werden. Nur so können Arbeitsplätze und folglich auch der Industriestandort Ostschweiz nachhaltig gesichert werden. In einer Situation wie der heutigen kann man nicht nach altgewohntem Schema verfahren, sondern muss vorsichtig vorgehen und das Geld da investieren, wo die Wertschöpfung stattfindet: in die Arbeit. Dividendenausschüttungen, die jetzt kurzfristig vollzogen werden, verhindern, dass dieses Geld zu einem späteren Zeitpunkt zielgerichtet investiert werden kann.
Gibt es Situationen, in denen eine Ausschüttung der Dividenden trotzdem Sinn macht, zum Beispiel wenn auch die Angestellten Aktien haben?
Kurzfristig würde das wohl etwas mehr in der Tasche der Arbeitenden spülen, trotzdem stellt sich die Frage, ob das wirklich sinnvoll ist. Die Gelder sollten wie gesagt für den Erhalt der Arbeitsplätze eingesetzt werden. Nur so kann die Existenz der Arbeitnehmenden gesichert werden. Eine Dividendenausschüttung bringt zwar einen kurzfristigen monetären Vorteil, dieser ist aber nicht nachhaltig.
Wo müsste man denn die Gewinne jetzt investieren, wenn sie nicht ausgezahlt werden?
In die Arbeitsplatzsicherung. Zudem wäre es sinnvoll, wenn die Unternehmen das vom Kanton gezahlte Kurzarbeitsgeld, das ja nur 80 Prozent des ursprünglichen Lohnes beträgt, auf 100 Prozent aufstocken und so die Arbeitnehmenden vor grösseren Problemen schützen würden. Denn Eigentum verpflichtet nicht nur gegenüber den Aktionären, sondern auch gegenüber den Arbeitnehmenden, die ja die Gewinne erst möglich machen.
Wie sieht Ihre Prognose für die Zukunft der Ostschweizer Industrie aus?
Wie erwähnt, war die Lage vor der Krise schon angespannt. Es ist darum notwendig, dass sich die Firmen auch wechselseitig unterstützen. Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass Firmen, die aufgrund von Einschränkungen und Produktionsengpässen nicht die ganze Arbeitskraft abrufen können, anderen Firmen ihr Personal zur Verfügung stellen. So kann Kurzarbeitsgeld eingespart und Überzeiten in systemrelevanten Betrieben verhindert werden.
Selbstverständlich müsste ein solches Vorgehen vertraglich sauber – in Rücksprache mit den Vertragspartnern – geregelt werden. Dies wäre ein vernünftiger Weg, die aktuelle Krise gemeinsam zu meistern und zu versuchen, die ohnehin schon prekäre Situation in den Griff zu bekommen.
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