St.Gallen ist ein Industriekanton. Ein Blick in die Statistiken verrät: Die Anteile der Beschäftigten in der traditionellen Industrie und in der Spitzenindustrie wie etwa dem Maschinenbau sind hoch. Unter die traditionelle Industrie fallen beispielsweise das Bau-Nebengewerbe oder die Herstellung von Metallerzeugnissen. 15 Prozent der Beschäftigten im Kanton sind hier tätig, im Vergleich zu neun Prozent im Schweizer Durchschnitt.
Stefan Legge ist Dozent an der Universität St.Gallen und forscht zu internationalem Handel, politischer Ökonomie und Einkommens-Ungleichheiten. Um das Gros der Arbeitsplätze in der St.Galler Industrie macht er sich für den Moment keine massiven Sorgen: «Das Problem ist nicht so sehr, dass es die Arbeitsplätze betrifft, sondern den internationalen Handel.»
Internationale Dimension für die lokale Industrie
Tatsächlich ist auch die Ostschweizer Industrie auf Zulieferungen aus dem Ausland angewiesen – unter anderem aus China, von wo aus das Virus zuerst startete. «In China wird erst jetzt die Produktion wieder hochgefahren. Das heisst: Womöglich schlägt sich der Einbruch in der chinesischen Produktion hier in der Schweiz mit Verzögerung nieder.»
Stefan Legge. (Bild: pd)
China ist einer der wichtigsten Schweizer Handelspartner, sowohl beim Import wie auch beim Export. Und gerade in Sektoren wie dem Maschinenbau und der Elektronik. «Man kann also erwarten, dass der heimische Industriesektor die wirtschaftlichen Auswirkungen erst in einigen Monaten richtig zu spüren bekommt», sagt Legge. «Für St.Gallen hat Corona also nicht nur die lokale, sondern auch die internationale Dimension.»
Für die Menschen, die in St.Gallen in der Industrie arbeiten, hat die Branche jedoch einen Pluspunkt. Ein grosser Teil der Beschäftigten steht in klassischen Anstellungsverhältnissen. «Grosse Firmen haben Vorteile: Sie haben Rücklagen, müssen nicht mit Einzelverträgen operieren, es gibt auch einen Kündigungsschutz. Ihre Angestellten können zur Not auch Arbeitslosengeld beantragen.» Trotz Ausfällen und Durststrecken werde sich die regionale Industrie mittelfristig wieder erholen.
Kultur als gesellschaftlicher Konsens
Andere Branchen haben die wirtschaftlichen Auswirkungen sofort gespürt – die Kultur und die Gastronomie waren Seismographen, ihnen brach Mitte März urplötzlich das Geld weg: Anlässe mussten abgesagt werden, Restaurants mussten schliessen, Cafés dichtmachen. Selbständige Künstler, Tontechnikerinnen, Veranstalter hatten von einem Tag auf den anderen kein Einkommen mehr.
«Das sind Branchen, die sowieso schon mit prekären Finanzierungen und Honoraren arbeiten», sagt Legge. Es sind oft kurzfristige Verträge, es ist Arbeit im Stundenlohn, ein hohes Risiko. «Gerade hier fallen oft die normalen Stabilisatoren weg.» Diese Branchen müssten dafür kämpfen, dass sie Aufmerksamkeit bekommen, so der Ökonom. Im Gegensatz zur Finanzbranche oder zur Industrie habe die Kultur keine starke Lobby. Aber: «Wir haben ja als Gesellschaft auch einen Konsens: Kultur ist uns wichtig – und folglich sollte sie uns auch etwas wert sein.»
Die Geschmäcker sind verschieden, doch wir alle konsumieren Kultur in der einen oder anderen Form: Sei es der Kino-Besuch, das Open-Air-Konzert, der Rave oder das Getränk im Museumscafé.
Der HSG-Dozent findet, dass die Ausnahmesituation der Coronakrise nun ideologiefrei angegangen werden muss: «Man kann schon kritisch fragen, ob der Staat das alles auffangen soll. Das ist aber eine Grundsatzdiskussion; jetzt braucht man pragmatische, schnelle Lösungen.»
«Es ist ein doppelter Schock»
Es sei wichtig zu erkennen, was wirtschaftlich passiert, sagt er. Die Situation ist schwierig: «Was wir jetzt erleben, ist ein massiver Schock, der so noch nicht vorgekommen ist.» Legge spricht von einem doppelten Schock: «In erster Linie war es ein Schock auf das Angebot, jetzt kommt zusätzlich ein Schock auf der Nachfrageseite auf uns zu.» Deshalb funktionierten aktuell die Massnahmen, die man bei einer Rezession treffen kann, nicht.
Längerfristig könne man die Frage stellen, ob man über eine radikale Änderung des Steuersystems nachdenken soll, sagt Legge. Und zieht einen Vergleich zur Finanzkrise 2008: «Das war der letzte wirklich grosse Einbruch der Wirtschaft. Da gab es massive Hilfen. Das, was wir momentan erleben, ist ein kurzer wirtschaftlicher Schock. Das muss man auch in Relation sehen.» Es gehe jetzt darum, besonders gefährdete Branchen quasi hinüberzuretten.
Ein grosser Teil der Bevölkerung arbeitet nun zuhause. Andere – wie der Pfleger auf der Intensivstation, die Kassiererin im Supermarkt, die Polizistin – leisten dieses Frühjahr schier Unmenschliches. Irgendwann ist Corona hoffentlich vorbei, irgendwann ist wieder richtig Sommer, irgendwann werden wir als Gesellschaft zurückkehren in eine neue Normalität. Wie diese aussehen wird, wissen wir noch nicht. Doch die Sehnsucht darauf, wieder sorglos sei- ne Liebsten umarmen zu können, einen Aperol zu trinken, einem Konzert zu lauschen, mit einem Date eine Pizza zu teilen – das gibt Hoffnung.
In weniger blumigen Worten umschreibt das Ökonom Legge: «Beim Konsum wird es ab Sommer oder Herbst wieder einen Anzug geben. Es wird sicher nicht ein kompletter, aber ein teilweiser Rebound.»
Innovativere Hochschule?
Für die Hochschullandschaft versucht Legge sogar das Positive zu sehen. Die HSG etwa habe urplötzlich innovativere Formen der Zusammenarbeit und der Lehre suchen müssen: «Die Universität wird aus dieser Sache viel lernen. Ich bin fest überzeugt, dass das der Uni gut tut. Aber natürlich hätte ich das ganze Experiment gerne ohne Corona gemacht.»
Die kommenden Wochen und Monate werden für niemanden leicht. Auch nicht für den Kanton St.Gallen. Doch mit dem Blick auf den Wirtschaftsraum gibt sich Legge vorsichtig zuversichtlich: «Alles, was heute zum Wohlstand beiträgt, ist im Juli noch da. Vor allem, wenn man verhindert, dass gewisse Branchen kaputtgehen.» Die Arbeitskräfte, das Kapital, die Infrastruktur und das Know-how würden nicht verloren gehen: «Es ist ein temporärer Schock. Das Ziel muss sein, dass die Quellen des Wohlstands nicht kaputtgehen.»
Dieser Beitrag erscheint im Aprilheft von Saiten.
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