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«Abstand kannst du vergessen»

Die Hygiene- und Abstandsregeln des Bundesamtes für Gesundheit sind auch auf Ostschweizer Baustellen kaum einzuhalten. Saiten hat sich umgeschaut und mit Bauarbeitern, Unia, Unternehmern und Behörden gesprochen.
Von  Roman Hertler
(Bild: Linus Lutz)

Anfang April. Der kühle Morgendunst leuchtet orange über dem grauen Bodensee. Zwei Gewerkschaftssekretäre steigen aus ihrem Auto, das sie an der Uferpromenade gegenüber einer grösseren Baustelle abgestellt haben. Aus dem Kofferraum schnappen sie sich die roten Unia-Helme und wischen sich die Tränen weg, die die Kälte ihnen in die Augen treibt. Es ist noch nicht ganz neun, es bleibt Zeit für eine Zigarette.

Gestern sei es noch kälter gewesen. Ein 60-jähriger Bauarbeiter habe seine Pause dennoch im Freien verbracht, weil er sich wegen des Virus nicht in die Baracke traute, in der bereits drei höchstens halb so alte Kollegen hockten. Der Generationenkonflikt gärt auch auf den Baustellen, die in diesen Krisenzeiten nicht ruhen dürfen. Im Gegenteil: Das Baugewerbe boomt, die Maschinenmotoren brummen, der Immobilienrubel muss weiterrollen.

Lautstark hat die Unia einen Baustopp gefordert. Und wurde dafür teils massiv angegangen. Im «Tages-Anzeiger» wurde Unia-Präsidentin Vania Alleva gefragt, ob sie wahnsinnig sei und ob die Unia nicht darum den Shutdown fordere, weil sie so als Betreiberin der grössten Arbeitslosenkasse von der Coronakrise am meisten profitieren könnte.

Die Frage, was höher zu gewichten sei – die Gesundheit Einzelner oder das ökonomische Wohlergehen Vieler in längerer Perspektive – treibt Ökonomen, Mediziner und Ethiker gleichermassen um. Die richtige Antwort ist schwierig, niemand weiss, ob die Pandemie vorüberzieht oder eine weitere Welle droht.

Der Bundesrat stellt klar: Die Gesundheit der Bevölkerung steht an allererster Stelle. Doch der Druck von Seiten der Wirtschaft und vom rechten politischen Lager nimmt zu. Wie lange kann die Regierung an ihrer Devise festhalten?

«Viele, die sich bei uns melden, haben Schiss»

Seit Tagen sind Danijela Bašić und Vicente Monteagudo, beide um die 30, auf den Baustellen der Region unterwegs und erkundigen sich nach dem Befinden der Arbeiter und deren Umgang mit den Corona-Massnahmen des Bundes. Täglich kommen bei der Unia-Sektion Säntis-Bodensee Meldungen rein, sagt Sektionsleiterin Bašić. Sie hat sich in diesen Tagen Unterstützung von Monteagudo geholt, der sonst für den dritten Sektor zuständig ist und unterwegs auch noch beim einen oder anderen Tankstellenshop reinschauen wird.

Es ist neun. Die Gewekrschafter drücken die Zigaretten aus und sprechen sich kurz ab, wie sie sich aufteilen. Von dieser Baustelle an schönster Bodenseelage kam eine anonyme Meldung: «Katastrophale Hygienebedingungen». «Viele, die sich bei uns melden, haben Schiss, wollen nicht telefonieren und schicken verschlüsselte Mails», sagt Bašić.

Vor dem eingerüsteten Rohbau stapeln zwei jüngere Maurer Steinplatten. Knapp aber freundlich grüssen sie zurück. Leute mit schlecht sitzenden Helmen und sauberen Händen und Schuhen werden hier grundsätzlich kritisch beäugt. Monteagudo verschwindet um eine Ecke des Rohbaus. Bašić betritt das Gebäude über eine kleine Holzrampe und schiebt sich an einer Abdeckplane vorbei.

Der anonyme Schreiber ist nicht zu finden oder er gibt sich nicht zu erkennen. Das eine oder andere Gespräch ist dennoch möglich. In einem spärlich beleuchteten Kellerraum bereitet ein Sanitär die Leitungsinstallation vor. «Diese Arbeit hier kann ich alleine verrichten, das Abstandhalten ist kein Problem», sagt er. Angst zu arbeiten habe er keine. Eine Möglichkeit, sich die Hände zu waschen gebe es hier keine. Händedesinfektion habe er auch selber mitgebracht.

Am Rand der Baustelle erklärt ein Maurer, dass sie gestern erst einen Wasserhahn installiert hatten, dieser am Morgen aber zugefroren sei. «Wir müssen zur Tankstelle rüber, um uns die Hände zu waschen.» Beide Bauarbeiter sind sich einig: Immer Abstand halten ist schlicht nicht möglich, auch wenn sie mit ihren privaten Autos oder nur zu zweit in den Firmenwagen anfahren würden. Gewisse Arbeiten, etwa wenn der Beton eingegossen wird, muss man einfach zu zweit machen. Und Werkzeug muss manchmal halt auch geteilt werden.

Auf dieser Baustelle am Thurgauer Bodenseeufer steht es nicht gut um die hygienischen Zustände. 20 Arbeiter teilen sich ein einziges Toitoi-Klo, gereinigt wird hier nicht wie vorgeschrieben alle zwei oder drei Tage, sondern höchstens alle zwei Woche mal. Werden kranke Mitarbeiter nach Hause geschickt? «Für die machen wir gleich ein Loch», scherzt einer.

Ein volkswirtschaftlicher Faktor

Nicht alle sind zum Spassen aufgelegt, wenn die Unia Baustellen besichtigt. Kürzlich habe ein Quartieranwohner in einer anderen Gegend der Region ihr ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass sie hier nicht erwünscht sei, erzählt Bašić. Er sei an der Baustelle vorbeigefahren, habe neben ihr fluchend das Fenster runtergekurbelt und gefaucht, sie solle doch alle Baustellen gleich ganz schliessen, damit auch der Rest des Landes noch den Bach runtergeht.

Gewerkschaftssekretärin Danijela Bašić besucht derzeit Dutzende Baustellen in der Region. (Bild: Andri Bösch)

Gemäss Bundesamt für Statistik ist in der Schweiz mehr als jede zehnte erwerbsmässige Person im Bau-Haupt- und -Nebengewerbe tätig. Wenn dieser Wirtschaftszweig flach liegt, hat das Land ein volkswirtschaftliches Problem, das auch so schon gross genug werden dürfte.

«Ich muss meine Familie ernähren», sagt ein Heizungsinstallateur auf einer Baustelle im Rheintal, wo eine Wohneigentumssiedlung entsteht. Das Budget des Alleinverdieners mit Familie ist ohnehin schon schmal. Dennoch findet er, der Bundesrat solle die Baustellen schliessen.

Unter Kollegen werde nur noch über dieses eine Thema gesprochen. «Zwei Meter Abstand kannst du vergessen. Ich sorge mich um meine Kinder und um meine Eltern. Alle andern machen die Läden dicht. Und wir? Sind wir nichts wert? Sogar in meiner Heimat im Balkan haben sie den Shutdown durchgezogen. Aber hier sitzen die Unternehmen im Parlament und es passiert nichts.»

Auf der Rheintaler Baustelle, ein Grossunternehmen steht dahinter, werden die bundesrätlichen Vorgaben, so gut es geht, eingehalten. Die Bauleitung hat zusätzliche Baracken für die Arbeiter aufstellen lassen. Es gibt Waschstationen inklusive Desinfektionsmittel. Die mobilen Toiletten werden regelmässig gereinigt und desinfiziert. «Corona sollte jedes Jahr kommen», lacht einer, der Kanthölzer über den Innenhof trägt, beim Vorbeigehen. «So komfotabel haben wir es sonst nie auf den Baustellen.»

In den Baracken befinden sich nie mehr als drei Personen gleichzeitig. Der Polier, Danjiela Bašić kennt den Vorarlberger von früheren Baustellenbesuchen, hat ein besonderes Auge darauf. «Ich hoffe, dass es bald vorbei ist mit dem Corona», sagt er. «Ich wohne zwar schon viele Jahre auf dieser Seite des Rheins. Aber ich muss schon sagen, drüben, dieser Kurz, das ist ein knallharter Typ. Der hat durchgegriffen.»

Kürzlich habe sie ein Polier angeschrien, ich solle besser wieder verschwinden, anstatt hier alle die Leute anzustecken, berichtet Bašić. Auf der dritten Baustelle an diesem Vormittag, ebenfalls im Rheintal, ärgert sich ein Innerrhoder Zimmermann über die Panikmache: «90 Prozent Geschrei und vielleicht 10 Prozent Ernsthaftes.» Dennoch zeigt er bereitwillig die Toilettenanlage. Es gibt keine Händedesinfektion. Fliessendes Wasser auch nicht.

Massnahmen werden umgesetzt, sagen Unternehmer

Werden Hygienemängel auf einer Baustelle festgestellt, versucht Bašić zuerst, die Bauleitung zu kontaktieren. In diesem Fall ruft der Unternehmer gleich zurück. Über die Freisprechanlage fordert sie ihn auf, dafür zu sorgen, dass eine Wasserstelle eingerichtet wird. Der Tonfall auf beiden Seiten ist freundlich. Der Unternehmer fragt, wer denn grundsätzlich für solche Massnahmen zuständig sei. Bašić klärt ihn darüber auf, dass er als Generalunternehmer für die Gesundheit seiner Angestellten und jene der Subunternehmen verantwortlich sei. «Gut, dass ich das jetzt weiss, dann schaue ich, dass das auch gleich auf unseren anderen Baustellen so gehandhabt wird», verkündet die Stimme aus dem Autotelefon.

Christian Caluori ist Geschäftsleiter Tiefbau bei der Stutz AG. Am Telefon mit Saiten bekundet er grosse Mühe mit dem Vorgehen der Gewerkschaften. Mit der Kampagne übe die Dachorganisation der Unia Druck auf Bundesrat und Kantone aus, der ihrer Verantwortung nicht gerecht werde. «Uns passt es gar nicht, dass die einfach in unsere Baustellen reinlaufen, und die unser Personal, das die Vorgaben des Bundes strikte einhält, zusätzlich verunsichern.»

Die Stutz AG beschäftigt rund 780 Mitarbeitende. «Wir müssen sowohl die Wirtschaft als auch die Gesundheit der Mitarbeiter im Auge behalten», sagt Caluori. «Das ist ein Spagat. Wir schauen zu unseren Leuten, schliesslich brauchen wir sie auch noch morgen und übermorgen.» Hinter den bisherigen Massnahmen des Bundes stehe man aber voll und ganz. «Das Verantwortungsbewusstsein ist auf allen Stufen nachweisbar vorhanden. Die Schutzmassnahmen erfüllen ihren Zweck und wir werden alles tun, dass das so bleibt.»

Schon Anfang März habe man in allen Containern Desinfektionsmittel bereitgestellt und hygienische Massnahmen getroffen. Seit dem Lockdown Mitte März werden die mobilen Baustellentoiletten zwei- bis dreimal wöchentlich gereinigt und desinfiziert, die Mitarbeiter, die mit dem privaten Auto zur Baustelle fahren, erhalten eine Kilometerentschädigung. «Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt und die Checklisten des Baumeisterverbandes umgesetzt.»

Ein Abteilungsleiter im Tiefbau der Stutz AG ist Mitte März Covid-19-positiv getestet worden. Während der Inkubationszeit habe man das Personal, welches mit dem Betroffenen in direktem Kontakt stand, in Quarantäne geschickt. Der Betroffene hatte längere Zeit hohes Fieber, ist aber mittlerweile wieder gesund und einsatzbereit. «Wir stellen heute fest, dass wir bis heute auf den Baustellen keinen einzigen Fall einer Virusübertragung verzeichnen müssen.»

Auch die Preisig AG in Teufen hat früh reagiert und dieselben Massnahmen ergriffen wie die Stutz AG. Geschäftsleiter Roger Kohlert sagt am Telefon: «Wenn ich hier aus dem Büro auf den Werkhof hinausschaue, sind da, auch jetzt zum Feierabend, wenig Leute. Und die, die da sind, halten Abstand. Das ist auch auf unseren Baustellen so.» Am Anfang sei auch in seiner Belegschaft noch gelächelt worden, mittlerweile seien die Leute aber sensibilisiert. «Sie halten sich an die Vorschriften.» Mit den Massnahmen des Bundes könne man gut leben, es sei nur schade, dass die Schnelltests noch immer fehlten.

Die Preisig AG hatte einen Verdachtsfall. Die Freundin eines Mitarbeiters arbeitet in einem Altersheim, die auf Verdacht hin einem Test unterzogen wurde. «Wir haben dann gleich ihn und die ganze Gruppe nach Hause geschickt. Nachdem der Test zum Glück negativ ausgefallen war, konnten unsere Mitarbeiter dann wieder normal zur Arbeit kommen.»

Behörden glauben den Unternehmern

Wer kontrolliert, dass die BAG-Massnahmen auf den Baustellen eingehalten werden? «Das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit, beziehungsweise das Arbeitsinspektorat unterstützt die seiner Kontrolle unterstehenden Betriebe bei der Einhaltung der Bestimmungen und dem Erlass entsprechender Massnahmen», schreibt Amtssprecherin Karin Jung. Bei Fragen wird beraten, ausserdem wurden «praxistaugliche» Merkblätter und Checklisten an Firmen und Berufsverbände verschickt.

Wie beurteilt der Kanton die Einhaltung der BAG-Massnahmen? Dazu gibt es vom Amt für Wirtschaft (AWA) keinen Kommentar, man sei auch nicht auf den Baustellen präsent. In dieser Frage könne die SUVA Auskunft geben, in deren Aufgabengebiet die Kontrollen auf Baustellen und in der Industrie fielen.

Bei der SUVA-Zweigstelle reagiert man zunächst irritiert auf die Anfrage von Saiten nach den Zuständen auf den hiesigen Baustellen. Man verweist auf die zentrale Medienstelle, wo man offenbar besser weiss, was in den Regionen Sache ist. «Unsere ersten Erfahrungen zeigen, dass sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber die Gefahren durch das Coronavirus sehr ernst nehmen», schreibt SUVA-Sprecher Adrian Vonlanthen. Schweizweit stehen seit Ende März 28 Sicherheitsexperten im Einsatz – ausser in Genf und im Tessin. Ausserdem betreibe man eine Hotline.

28 Experten für wie viele Tausend Baustellen im Land? Diese Zahl kennt wohl niemand. «Unsere Erfahrungen zeigen, dass sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber die Gefahren durch das Coronavirus sehr ernst nehmen und sich entsprechend den Empfehlungen des BAG verhalten wollen», schreibt Vonlanthen. Sie seien sehr dankbar dafür, dass die SUVA sie unterstütze und sie sich bei Fragen direkt an die Experten vor Ort wenden können. Stand 10. April sind im Kanton 128 Baustellen kontrolliert worden. Meldungen an den Kanton habe es seitens SUVA bisher keine gegeben, was das AWA auf Anfrage bestätigt. Im Kanton St.Gallen habe bisher keine Baustelle geschlossen werden müssen.

Die Wahrnehmungen der Unternehmer, der Behörden und der Arbeiter divergieren offensichtlich. Die Arbeitgeber behaupten, die Regeln würden strikte eingehalten, die SUVA hat den Eindruck, man «wolle» sich daran halten, und die Arbeitnehmer sagen, das sei überhaupt nicht möglich. Wer in dieser Angelegenheit am längeren Hebel sitzt, hat sich in den vergangenen Wochen zur Genüge gezeigt. Zu einem generellen Baustopp konnte sich die Landesregierung nicht durchringen.

Längst nicht alle auf dem Bau befürworten einen kompletten Shutdown. In einigen Kreisen wird die Pandemie immer noch als Hysterie und Panikmache heruntergeredet. Der Machismus auf dem Bau spielt immer mit.

Das zeigt sich auch auf den Kontrollgängen der Unia Anfang April. Gegenüber der Gewerkschafterin wollen sich einige Bauarbeiter keine Blösse geben. Ein Polier, der sich gerade zum Mittagsschläfchen zurückziehen will, lächelt nur müde über die Ermahnungen der Gewerkschafter, regelmässig die Hände zu waschen und darauf Acht zu geben, dass sich die Leute möglichst an die Abstandsregel halten. Eine improvisierte Waschstation inklusive Händedesinfektion wurde zwar eingerichtet, aber der Boden unter dem Wasserhahn ist komplett trocken.

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Walter Brunner,  

Danke für diese ausgezeichnete Reportage. Wir haben in letzter Zeit viel von Home Office und gelangweilten Zuhausebleibern und Alpsteinwanderern gehört, aber wenig von den Arbeiter*innen, wie es ihnen geht, und wo hier die Interessengegensätze verlaufen, nämlich zwischen Geld und Gesundheit.

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