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«Manchmal fehlt die Wertschätzung»

Randsteine setzen, Gruben ausheben, Leitungen legen – Tag für Tag, bei jedem Wetter: Seit drei Monaten ist das Alltag für Noam Fels aus St.Gallen. Andri Bösch hat mit ihm über die
Lehre als Strassenbauer gesprochen.
Von  Gastbeitrag
«Für seine Rechte zu kämpfen, ist wichtig», sagt Noam Fels. (Bild: Andri Bösch)

«Bis jetzt gefällt es mir gut. Es war jedoch schon eine ziemliche Umstellung», sagt Noam Fels. In orange leuchtenden Warnschutzhosen wartet er am Marktplatz, mit Zigarette im Mundwinkel grinst er mich an.

Der 16-jährige St.Galler hat im vergangenen August die Lehre als Strassenbauer im Tiefbau begonnen, davor besuchte er ein Semester lang die Wirtschaftsmittelschule Informatik WMI an der Kanti am Brühl und ein halbes Jahr das «rheinspringen», ein Überbrückungsangebot für junge Menschen zwischen Schule und Ausbildung.

Körperarbeit en masse

Wir gehen in Richtung Schwarzer Engel, draussen trifft Noam auf einen ersten Bekannten. Im Garten des Innenhofs das gleiche Bild nochmals. «Eigentlich konnte ich mir nie vorstellen, etwas Handwerkliches zu meinem Beruf zu machen», meint er lachend. Darum war nach der obligatorischen Schulzeit auch die WMI mit Informatikschwerpunkt seine erste Wahl, «aber als ich dort die Probezeit nicht bestand und dann auf dem Bau schnupperte, änderte sich meine Meinung.»

Jetzt steht er jeweils morgens um halb sieben im Magazin des Familienbetriebs Dieziger im Osten der Stadt St.Gallen, von wo aus das Team zur Baustelle fährt. Andere in Noams Alter schlummern so früh am Morgen noch selig im Bett. Pro Tag wird etwa neun Stunden lang gearbeitet, bis abends um halb sechs. Die Berufsschule findet blockweise statt, zwei, manchmal drei Wochen am Stück. «Die Schule ist zwar schon easy», grinst er schelmisch, «aber man sitzt halt einfach dort und macht eigentlich nichts.»

Wie geht man mit einem Beruf um, der den eigenen Körper bis auf das äusserste fordert? «Der erste Monat war schon echt hart. Ich bin nach der Arbeit nach Hause gekommen, habe kurz gegessen, geduscht, und dann musste ich schlafen. Mittlerweile geht es einigermassen», sagt Noam und trinkt einen Schluck seines Feierabendbiers.

«Theoretisch würde ich auch noch Handball spielen, aber ich war schon länger nicht mehr im Training. Um genau zu sein, seit dem Beginn der Lehre nicht mehr.» Er lacht. Irgendwann werde das dann schon wieder gehen, es sei alles eine Sache der Gewöhnung. Man will es ihm glauben. Der in Oberhofstetten Aufgewachsene hat jetzt schon einen Körperbau, von dem manche Fitnessversessene träumen.

Von links und rechts

Bei der Baufirma Dieziger verdienen Lernende 1300 Franken brutto pro Monat. Der Mindestlohn bei abgeschlossener Ausbildung beträgt 5500 Franken. «Die ersten drei Jahre nach der LAP kann der Arbeitsgeber jedoch bis zu 20 Prozent weniger bezahlen, was mit fehlender Erfahrung begründet wird», erklärt Noam. Kritisch könnte man fragen, wieso es denn überhaupt Mindestlöhne gibt.

Am Nachbartisch im Restaurantgarten sitzen wieder zwei Bekannte. Man kennt sich in einer der traditionellen linken Beizen der Gallusstadt. «Auf dem Bau erlebte ich bisher zwar nicht, dass die Politik viel Raum einnimmt, aber ich würde die Mehrheit der Arbeitenden schon eher rechts der Mitte einordnen», schätzt Noam. «Ab und an fallen Sprüche, die mir nicht gefallen.»

Er selbst ist seit kurzem Mitglied der Gewerkschaft Unia. Ein Lerncoach des Brückenprojekts «rheinspringen», der ebenfalls Strassenbauer lernte, hat ihm das empfohlen. «Meine Arbeitsbedingungen sind zwar ziemlich gut, der Chef und die Kollegen behandeln mich nett, aber Mitglied einer Gewerkschaft zu sein, kann nicht schaden. Für seine Rechte zu kämpfen, ist wichtig», findet Noam. Der angehende Tiefbauer wirkt sehr ruhig und bedacht, seine Sätze prägnant.

Die Qual der (Berufs-)Wahl

Seine Eltern hätten seinen Berufswunsch stets unterstützt, sagt Noam. «Meine Mutter hakte zwar kritisch nach, ob ich diese Lehre wirklich machen möchte, ansonsten war das Ganze aber keine Frage.»

Keine Selbstverständlichkeit in Zeiten, in denen der Bildungswettbewerb von Politik und Wirtschaft derart euphorisch angekurbelt wird und einem die Leistungsgesellschaft suggeriert, dass Maturität und Studium ein Muss sind. Kantone wie Basel-Stadt überlegen sich bereits, die Gymnasiums-Aufnahmeprüfungen schwieriger zu gestalten, weil 60 Prozent der Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit an die Kantonsschule wollen.

Fühlt man sich eigentlich ernstgenommen als Lernender eines Bauberufs? «Was vielleicht manchmal fehlt, ist die Wertschätzung gewisser Berufe durch die Gesellschaft», erwidert Noam. «Als wir mal einen Kanalanschluss an einer Strasse legten, fuhr jemand vorbei und schrie aus dem Auto, wir sollten uns doch verpissen. Aber ansonsten spüre ich, gerade in meinem Umfeld, keine Abwertung oder ähnliches. Und sowieso übt heutzutage kaum mehr jemand sein Leben lang den gleichen Beruf aus.»

Voraussichtlich auch Noam nicht. «Nach der Lehre möchte ich die Berufsmaturität absolvieren und dann studieren», sagt er, «vielleicht soziale Arbeit oder sonst etwas mit Jugendlichen. Das scheint mir eine sinnvolle Aufgabe.»

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

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