Die feuilletonistische Standardfrage, was denn für ihn Kunst heisst, stellt sich und beantwortet der Künstler gleich selbst: «Jeder kann es, manche machen es, niemand versteht es». Der sich in der oberen Hälfte der unteren Mitte seiner Zwanziger befindende Sohn einer Künstlerin und eines Künstlers antwortet wohlüberlegt, aber keineswegs zurückhaltend. Seine Äusserungen provozieren Rückfragen: so ist man erst mal ziemlich baff, stellt dieser axiomatisch «Kunst ist keine Arbeit» in den Raum. Was darunter nicht zu verstehen ist: ein währschafter antiintellektualistischer Arbeitsbegriff, der im postfordistischen Metropolitanraum eher wie ein romantisches Ballenberg-Märchen anmuten müsste. Kunst ist hingegen für Widmer keine klassische Lohnarbeit, sondern wenn, dann eine zu propagierende Arbeitsform, die der Seele Freiheit gibt, und einen daher weder in Muster zwängen noch sonst wie einschränken darf.
Einengend wäre für den Photographie-Studenten auch der grassierende Equipement-Fetischismus in den knipsenden Künsten. Seine Bilder schiesst er mit der inzwischen wohl meist verbreiteten aller Kameras: dem Smartphone. Zwar habe er auch schon auf die Finger gekriegt wegen der formalen Vernachlässigung – so will er sich auch lieber Künstler nennen als Photograph – für ihn zählt aber die Seele eines Werks, und da gewinnt die formale Photographie nicht prinzipiell. Vergleichbar sei dies mit der Musik: Kommt etwas von Herzen, wirkt ein Stück weit besser als eine perfekte Studioaufnahme.
Die Frage nach einer Krise der Photographie verjeint Widmer: Sie ist für ihn die Lehre davon, Bilder oder ein Motiv zu erkennen, und damit ein Weg, künstlerischen Ausdruck überhaupt zu erlernen. Die Krise wiederum liegt offensichtlich in der allgegenwärtigen Bilderflut, dem zwanghaften Bilderkonsum, doch ist dies auch eine Demokratisierung der Photographie. Jede und jeder kann sich heute bildnerisch ausdrucken, doch kommt genau darin das Künstlerische als etwas Rares wieder zum Vorschein.
Das Problem an «der Kunst» sei heutzutage vor allem, dass diese sich zu ernst nehme. Statt dem pseudophilosophischen Diskursgebot sei eben Schlichtes auch schön, nicht alles müsse doppelt und dreifach verpackt sein. Humor ist manchmal tiefgängiger als manche hegemonialen Gemeinplätze des zeitgenössischen Kunstschaffens. Der expressiv arbeitende Künstler nennt sich folglich «ultramedial», da er eine mediale oder disziplinäre Beschränkung prinzipiell als Zumutung empfindet. Wird es immer normaler, prekär zu arbeiten, Bohémien oder Hipster zu sein, gälte es erst recht, «der Kunst das normale Leben wieder zu erklären».Aufgewachsen ist Widmer im konservativ empfundenen Gais, eines dieser typischen Appenzeller Dörfli, wo man sich charakterlich zu fügen hat und oms verrode versucht, nicht aussergewöhnlich zu sein. Eine Sozialisierung gerade als Künstler passiert daher nicht in erster Linie in einem solchen Umfeld, sondern so wie es vermutlich alle anderen auch gemacht hätten: Orientierungspunkt ist St.Gallen, zumindest bis zum Abschluss der Mittelschule, fürs Kunststudium muss man das Weite suchen. Befreiend seien die Gespräche im Studienumfeld der ZHdK, allerdings brauche es das Alte immer wieder auch: wiedermal blöd zu tun und wie früher im Kugl die Nacht durchzutanzen.
Als nächstes will Wassili Widmer ausstellungsmässig mal was Eigenes, Grösseres aus dem Boden stampfen. Seit einigen Jahren partizipiert er an der Postkartenausstellung in der Haltestelle Strahlholz, war Teil einer Gruppenausstellung in der Chamber of Fine Arts in Winti und verschiedenen Ausstellungsformaten im Hochschulkontext. Dieses Wochenende zeigt er eine audiovisuelle Installation «mit Blick auf die eigene Polyvalenz» im Krematorium Sihlfeld im Rahmen der Ausstellung «Empire State of Mind», kuratiert von Sofia Bempeza und Maria Loboda.
Bilder © Wassili Widmer
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