Im Figurentheater sind die Spieler:innen üblicherweise unauffällig schwarz gekleidet. So, dass sie auf der Bühne im Hintergrund verschwinden. Sebastian Ryser und Lars Wolfer tun das Gegenteil. In extravaganten Kostümen, grossen Perücken und einer dicken Schicht Schminke multiplizieren die beiden als Dragqueens Freda Din und Notre Dame jeden Lichtstrahl, der auf sie fällt.
Sie haben an diesem Donnerstagabend die gesamte Aufmerksamkeit im gefüllten Saal des Palace St.Gallen. Ihr Stück Game Over Play Forever feiert Premiere. Nachdem das Kleid zurechtgezupft wurde, gehts auch gleich los – Opern-Ikone Maria Callas erwacht.
Wir sind in Paris im Jahr 1977, ihrem Todesjahr. Vom Glamour ist nicht mehr viel übrig: Sie hat ihre bezaubernde Sopranstimme verloren und ihre Bettwäsche wurde schon ewig nicht mehr gewechselt. Eine Diva ist sie dennoch geblieben, sie kommandiert herum und weiss, dass sie mit Lippenstift tausendmal reizender aussieht. Ihr zahnloses Lächeln zeigt sie jedoch nie.
Ikonen der Unmoral
Unanständig, unchristlich und auch etwas anrüchig: Das waren die queeren Ikonen des 20. Jahrhunderts – und wurden deswegen gefeiert. Sie lebten ein Leben abseits von konservativen Moralvorstellungen und waren damit Vorbild für alle, die nicht in einem familiären Reproduktionsapparat landen wollen. Diven wie Marlene Dietrich oder Judy Garland wurden von der queeren Community unsterblich gemacht.
So soll es nun auch Maria Callas ergehen. Sie landet in einer schrägen Gameshow, wo sie Madonna, Dolly Parton und Andy Warhol trifft. Dieser singt All By Myself, die Powerballade, die eigentlich auch nur dank Céline Dions Cover gross wurde.
Zweite und letzte Vorstellung in St.Gallen: 26. April, 20 Uhr, Palace St.Gallen
palace.sg
Dolly versteckt sich in einer Kiste, ihr Gesicht ist aufgedunsen und die Perücke sitzt etwas schief. «Bei mir ist nichts echt, aber alles kommt von Herzen», scherzt sie. Es ist ihr etwas ruppiger Humor aus Tennessee, den die Country-Sängerin nebst ihren Liedern so beliebt machte – in den konservativen Gegenden der USA genauso wie in der queeren Community. Dolly Parton Lookalike-Wettbewerbe werden ja auch meist von Dragqueens gewonnen.
Video und 3D-Druck
Der Abend ist voller Lacher und Szenenapplause. Die Puppen, anscheinend aus dem 3D-Drucker, lassen keine Zweifel zu, so klar sind die Persönlichkeiten bei allen erkennbar. Mit einer raffinierten Videoprojektion und einem simplen Bühnenbild kreieren Sebastian Ryser als Freda Din und Lars Wolfer als Notre Dame stimmige Bilder. Manchmal enden die sie im Exzess, andere werden rasch von der nächsten Diva unterbrochen.
Maria Callas ist jedenfalls noch nicht fertig. Auch wenn ihr Ende sicher ist, Ihr Erbe steht in den Sternen. Dort, wo alle anderen Ikonen noch immer leuchten.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.