Zum ersten Mal fiel sie mir auf, als ich am Montag in der Morgendämmerung in einer der heissen Quellen von Santa Fé de Granada badete und langsam wieder runterkam. Die Schönheit der Welt fiel noch immer wuchtig in mich ein, auch wenn die allfarbigen Fibonacci-Fraktalmuster in jedem einzelnen Rhombus des Maschendrahtzauns vor mir nicht mehr sichtbar waren. Ich hatte am Sonntagmittag die Zunge rausgestreckt, als einer am Feuer vorschlug, den Rave mit LSD ausklingen zu lassen. Im Nachhinein erstaunt es nicht, dass ich irgendwann begonnen hatte, mir Vorhaltungen wegen meines Lebensstils zu machen. Ich fühlte mich vergiftet. Nicht vom LSD, sondern vom Mischkonsum aus Pilzen, Kokain, Alkohol, Tabak, Haschisch, MDMA und Speed. Und so kam es, dass mir im etwas zu heissen Wasser, worin ich mich nicht ganz entspannen konnte – denn ich war allein, niemand hielt mich fest, ich würde Wasser einatmen, und meine Freunde von der Tschechen-Mafia, die ich genau genommen gar nicht kannte, waren bereits wieder in die Stadt gefahren – plötzlich auffiel, dass ich eine beachtliche Krampfader an der rechten Wade habe. Und das, obwohl ich erst Anfang zwanzig war.
Das war im Frühjahr 2008 in Andalusien, zwei Wochen nach Beginn meiner ersten Reise. Um mich herum Olivenplantagen, schnurgerade Linien von Bäumen in alle Richtungen, bis zum Horizont. Ich kullerte, wach wie ausgeschüttetes Quecksilber, über die trocken gepresste, mit Abfall übersäte Erde. Jetzt würde sie wohl nicht platzen, doch ich spürte sie.
Ich habe die Krampfadergene von Vater und Mutter geerbt. Wir vererben der nächsten Generation ein geschändetes Paradies.
Als es eindunkelte, war ich mit meinem Rucksack unterwegs, ermuntert von einer alten Hexe und ihrem jungen Liebhaber, die mich in ihrem Wohnmobil aufgepäppelt hatten. Ich würde es schaffen. Verloren in Baumreihen und Abfall. Leider ohne Wasser. Stacheldraht, gelbe Fässer mit Totenköpfen. Zunehmende Panik, ich könnte stürzen, Beinbruch, sterben, vergiftet wie die Erde um mich herum. Endlich fand ich das Dorf, kaufte Wasser, der Bus wartete schon. Am nächsten Tag ging ich in die Notaufnahme. Es war eine Krampfader. Daran würden auch die Arztbesuche in Ecuador und Kolumbien in den folgenden Monaten nichts ändern.
Bis heute lerne ich, das Leben und die eigene Sterblichkeit zu lieben, bis heute muss ich rauchen. Die Krampfadern und Besenreiser wachsen langsam, manchmal gehen sie auch leicht zurück, vor allem, wenn ich die Beine morgens und abends in die Luft halte.
Dieser Text ist ein Erbstück. Noch mehr davon gibts in der Septemberausgabe von Saiten. Jonas Bischof raucht seit der Sommersonnenwende 2018 keinen Tabak mehr. Es war dann einfach vorbei. Noch zwei Züge, die Dose ins Feuer gekippt. Asche rein gefüllt. Bei Bedarf aufs Haupt.
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.