Immer mehr 20- bis 29-Jährige verlassen den Kanton St.Gallen – und kehren nicht zurück. Vor gut einem halben Jahr hat der Kanton Zahlen zur zunehmenden Abwanderung junger Erwachsener präsentiert, und seither wird über die Gründe spekuliert. An einem Palace-Podium im vergangenen November sagte ein Teilnehmer, es liege an den «eingeschränkten Studienmöglichkeiten», die Kunst fehle.
Claudia Bühler teilt diese Meinung. «Viele angehende Künstlerinnen und Künstler ziehen zum Studieren und Wohnen weg», sagt die 27-jährige St.Gallerin, die selber ihrer Heimat den Rücken gekehrt hat, um in Berlin Fotografie zu studieren. Und sie geht noch einen Schritt weiter. «Für Kunstschaffende im Alter zwischen 20 und 30 Jahren gibt es in der Ostschweiz nur sehr wenig Möglichkeiten, um zu arbeiten oder sich zu präsentieren. Deshalb bleiben sie oft weggezogen.»
Um genau dies zu ändern, organisiert sie zusammen mit Raphael Reichert, Felix Stöckle und Saskia Haas das erste Ostschweizer Kunstfestival (OKF), das an diesem Wochenende von Freitag bis Sonntag im Jugendkulturraum flon stattfindet.
Frauen stark untervertreten
«Entstanden ist die Idee eines Ostschweizer Kunstfestivals bei einem Bier an der letztjährigen jungen Kunst-Veranstaltung im flon», erzählt Claudia Bühler. «Junge ambitionierte Künstlerinnen und Künstler, die ausserhalb von St.Gallen studieren und arbeiten, sollen die Gelegenheit bekommen, in ihrer Heimat auszustellen.» Gleichzeitig soll es ein Anreiz für eine spätere Rückkehr in die Ostschweiz sein. Mit dem Festival möchten die jungen Organisatoren aber auch die überkantonale Vernetzung und den Austausch innerhalb der hiesigen Kunstszene fördern.
Für die erste Ausgabe wurden sechs Kunstschaffende eingeladen; geschlechtermässig ausgeglichen, was nicht ganz einfach war, wie Claudia Bühler feststellen musste. «In der freien bildenden Kunst sind vor allem in der Ostschweiz die Frauen stark untervertreten.» Die Suche gestaltete sich denn auch schwierig. Umso glücklicher ist sie nun, mit Cheyenne Oswald und Selina Buess zwei weitere Künstlerinnen gefunden zu haben, die nebst ihr am OKF aktuelle Arbeiten präsentieren werden.
Die sechs Kunstschaffenden
Cheyenne Oswald wuchs im thurgauischen Buhwil auf und studiert nun Kunst in Basel. Die 23-Jährige beschäftigt sich gemäss Pressetext mit Themen, die ihr Leben bisher ziemlich beeinflusst haben: «der Umgang mit dem eigenen Körper und dem damit verbundenen gesellschaftlichen, politischen Umfeld, sowie das Existieren an sich in einer sich rasant verändernden Zeit». Sie sei fasziniert von vielen Dingen, immer auf der Suche und im ständigen Austausch.
Cheyenne Oswald
Selina Buess hat nach ihrer Ausbildung zur Gestalterin an der Schule für Gestaltung in St.Gallen Kunst und Vermittlung in Luzern studiert. Mittlerweile arbeitet die 30-Jährige als Grafikerin beim «St.Galler Tagblatt». In ihren Videoarbeiten beschäftigt sie sich nach eigenen Angaben mit «natürlichen und digitalen Abläufen». Ihre Arbeit sei eine «Reise zwischen Realem und Virtuellem und eine Suche nach dem darin liegenden Selbstverständnis».
Die gebürtige St. Gallerin Claudia Bühler hat ihre Karriere im Schweizer Bankwesen aufgegeben, um Fotografie an der Ostkreuzschule in Berlin zu studieren. Die 27-Jährige setzt ihren Fokus auf gesellschaftliche und politische Themen wie Nahrungsmittelverschwendung, Rüstungsexporte in Krisengebiete oder die Identitätsfindung in den sozialen Medien.
Aufgewachsen im St.Galler Schoren-Quartier, studiert Fabian Gemperle, Jahrgang 1991, Bildende Kunst an der HGK in Basel. Sein künstlerisches Schaffen begreift er «als nie endenden Prozess, eine Art Kreislauf». Für seine Malereien und Skulpturen bedient er sich an wiederkehrenden Sujets und Techniken wie Schichtung und Zerstörung, Wiederaufbau und Chaos. Dieses Repertoire erweitert er stetig, «ohne Rücksicht auf Verluste».
Die Malerei des 24-jährigen Flavio Hodel ist von «gesellschaftlichen und psychologischen Themen durchzogen». Dennoch sollen sich seine Bilder einer klaren Deutung entziehen, heisst es im Pressetext. Der Jungkünstler ist im st.gallischen Berg aufgewachsen. Nach seinem Kunststudium in Luzern zog es ihn wieder zurück in die Ostschweiz, wo er heute lebt und arbeitet.
Flavio Hodel
Aufgewachsen in Los Angeles und St.Gallen, erforscht Bill Bühler, Jahrgang 1996, in seinen Video- und Soundarbeiten seine «subjektive Wahrnehmung von Realität». Er interessiert sich für die Frage, wie sich unsere Realität durch Medienkonsum verändert. Von Social Media und Popkultur-Ästhetik inspiriert, studiert er im zweiten Semester Kunst und Medien an der ZhdK.
Nicht die letzte Ausgabe
Das Kunstfestival im Flon öffnet am Freitag, 19 Uhr, mit der Vernissage seine Türen. Am Samstag ist die Ausstellung ab 12 Uhr geöffnet, am Sonntag von 12 bis 19 Uhr. Am Sonntag gibt es zusätzlich um 15 Uhr eine Diskussionsrunde zum Thema «Perspektiven der jungen Kunst- und Kulturszene in St.Gallen», zu der Vertreter von Politik, Kunst und Gesellschaft eingeladen wurden. Für musikalische Stimmung sorgen am Freitag Törs (ab 22 Uhr) und am Samstag DJ Paa-Tee (ab 21 Uhr) sowie DJ-Duo Mojo (ab 23 Uhr).
Ostschweizer Kunstfestival: 25. bis 27. Mai, Jugenkulturraum flon St.Gallen
Die erste Ausgabe des Ostschweizer Kunstfestivals soll nicht die letzte bleiben. «Es ist ein Anfang», sagt Claudia Bühler. «Für künftige Ausgaben haben wir bereits weitere Ideen, etwa einen öffentlichen Open Call, so dass sich unter Aufsicht einer Jury jeder Ostschweizer Künstler bewerben kann. Ausserdem möchten wir künftig bestehende Kunst- respektive Projekträume mit ihrem eigenen Programm einbinden.»
Zwei der sechs Jungkünstlerinnen und -künstler sind bereits wieder in die Ostschweiz zurückgekehrt. Kann sich Claudia Bühler nach ihrem Studium in Berlin eine Rückkehr nach St.Gallen ebenfalls vorstellen? «Auf jeden Fall», sagt sie ohne zu zögern.
Bill Bühler
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.