Kategorie
Autor:innen
Jahr

Die Übertrollfuckingmeisterin

Ohne Sargnagels Schmäh wäre Social-Media urfad – eine Lobrede auf die österreichische Autorin. Am Mittwoch liest sie im Palace St.Gallen, am Donnerstag im Kammgarn Hard.
Von  Michael Felix Grieder
Stefanie Sargnagel macht Rechtsextreme traurig, weil sie ihnen bei Demos gerne Fahnen klaut. (Bild: Fb)

«Mit jedem Satz, den ich für Bezahlung schreibe, erlischt in mir ein kleiner, lieber Stern. Lohnarbeit ist Demütigung, immer und ausnahmslos. Ich möchte nicht arbeiten, ich möchte meine Zeit mit Nichtstun verbringen […]. Ich möchte lieber Gelehrte sein, nur ohne die anstrengende Leserei oder ich möchte Asketin sein, aber ohne den ganzen Verzicht.» Das schreibt Stefanie Sargnagel in ihrem Text Penne vom Kika, mit dem sie den Bachmann-Publikumspreis hinter einer riesigen Sonnenbrille und unter ihrem roten Baskenhut souverän abräumte. Ihr Sieg sei auch kein Wunder, so die 31-jährige Wienerin bescheiden, schliesslich habe sie dank Social Media auch die grösste Reichweite. Den eingereichten Text findet sie selbst gar nicht so toll.

Auch ein Understatement ist ein Statement – und diese sind Sargnagels Métier. Im Juli wird ihr mittlerweile viertes Buch erscheinen, eine weitere Sammlung von Facebook-Statusmeldungen Sargnagels, die mittlerweile wegen der Klarnamenpflicht auf besagter Plattform wieder Sprengnagel heisst. Wenn sie nicht grad Posts absetzt, engagiert sie sich in der satirischen «Burschenschaft Hysteria», malt Cartoons für den «Falter» oder träumt von einer Karriere als Battlerapperin. Angefangen hat das Sargnagel-Epos in Daniel Richters Meisterklasse an der «Akad» in Wien, wo sie «eher die Bodenständige» war und «trashige Fanzines» machte. Diese wurden in der Szene bald gesammelt, worauf sie mit «Binge Living: Callcenter-Monologe» ihr Debut gab. Der Rest ist Social Media-Geschichte.

Back 2 irony

«Mein Humanismus verleitet mich immer wieder dazu, unreflektierten Volltrotteln irgendwas erklären zu versuchen. Back 2 irony», so ein Facebookstatus aus dem letzten Sommer. Solche Ansagen provozieren Reaktionen: Einerseits gibt es wenige Autorinnen oder Kunstschaffende, die derart unverblümt, treffend und vielfältig das Leben und Denken einer ganzen Generation vermitteln. Andererseits wird sie dafür auch immer wieder übel angefeindet. Identitären und anderen Strache-Fans will es partout nicht den Hals runter, dass eine junge Frau für Sprüche wie diesen gefeiert wird: «Wenn die ösi rechten toleranz und multikultur deshalb für gescheitert erklären weil es in andern kulturen genauso aggressive chauvinistische nationalistische holzköpfe gibt wie sie selbst. Alright.»

Stefanie Sargnagel liest am 22. Februar im Palace St.Gallen und am 23. Februar im Kammgarn Hard, unterstützt von Puneh Ansari.

Reaktionen auf Sargnagels Sargnägel sind, wie in den Sozialen Medien leider alltäglich, teilweise zutiefst sexistisch. Die sonst an jeder Ecke eine Verschwörung «politischer Korrektheit» wittern, reagieren auf Sargnagel geradezu wehleidig, weil diese, derart herausgefordert, nicht nur intelligent, sondern auch hochgradig unkorrekt zurückschiesst. Trollt der Schriftsteller Thomas Glavinic seine jüngere Kollegin unter der Gürtellinie in chauvinistischer Stammtischmanier, so findet er in dieser die Übertrollfuckingmeisterin: «Diese rechten misogynen männer sind so eeekilik. mir tun die rechten Frauen iwie leid. wissen die nicht, dass es gute, liebe männer gibt?» schreibt sie in einem ihrer Statements. Gemessen daran, dass diesem übelste Beleidigungen und Gewaltandrohungen vorangingen, ist es sogar freundlich geraten.

«refugee gang bang»


Die in diesen Fragen kompromisslose Feministin will aber nicht darauf reduziert werden. Fragt beispielsweise «Die Zeit», ob Sargnagel wie Lena Dunham Körpernormen infrage stellt, antwortet sie mit einer massiven Gesichtspalme: «Warum sagen das die Leute? Weil ich mehr als 50 Kilo wiege? Das ist eine komische Reduktion, denn ich komme in meinen Texten auf noch ganz andere Themen: Prekariat, das Schöne im Hässlichen, Kneipengeschichten, Gossenpoesie, schwarzer Humor.» Sie trifft damit einmal mehr ins Schwarze: Hiesse es bei einem älteren Herrn mit ähnlicher Vulgärpoesie: «Aah, Bukowski!», so muss sie zum x-tausendsten Mal Fragen zu ihrem Körper beantworten.

Ihre Kernkompetenz wird dabei noch immer krass unterschätzt. Weil sie neben ihren erfreulichen Skandalen sehr empathisch und schön formuliert aus einer postfordistischen Lebenswelt berichtet, die für so viele Alltag ist. Sargnagel berichtet von wichtigen Themen wie Klassismus und Sexismus, hat aber das Gespür für nette Kleinigkeiten nie verloren. Zum Beispiel für Strassenbahnengonzo: «ganz vergessen mich hat heut eine 80 jährige frau mit der österreich zeitung geschlagen, weil ich sie in der straßenbahn liegen gelassen hab. dabei wars gar nicht meine. hab auch gesagt: ‹das ist nicht meine, hab nur für instagram fotografiert, dass die österreicher immer mehr waffen kaufen›. und sie: ‹sie drecksau. sie arschloch›». Oder nach Van der Bellens Wahl, back 2 irony: «Geil die wahlparty! Koks, champagner, chlorhendl vom grill und refugee gang bang!»

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von  Vera Zatti
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Von  Pius Frey  und  David Gadze
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von  Mia Nägeli

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von  Vera Zatti
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor