«Mit jedem Satz, den ich für Bezahlung schreibe, erlischt in mir ein kleiner, lieber Stern. Lohnarbeit ist Demütigung, immer und ausnahmslos. Ich möchte nicht arbeiten, ich möchte meine Zeit mit Nichtstun verbringen […]. Ich möchte lieber Gelehrte sein, nur ohne die anstrengende Leserei oder ich möchte Asketin sein, aber ohne den ganzen Verzicht.» Das schreibt Stefanie Sargnagel in ihrem Text Penne vom Kika, mit dem sie den Bachmann-Publikumspreis hinter einer riesigen Sonnenbrille und unter ihrem roten Baskenhut souverän abräumte. Ihr Sieg sei auch kein Wunder, so die 31-jährige Wienerin bescheiden, schliesslich habe sie dank Social Media auch die grösste Reichweite. Den eingereichten Text findet sie selbst gar nicht so toll.
Auch ein Understatement ist ein Statement – und diese sind Sargnagels Métier. Im Juli wird ihr mittlerweile viertes Buch erscheinen, eine weitere Sammlung von Facebook-Statusmeldungen Sargnagels, die mittlerweile wegen der Klarnamenpflicht auf besagter Plattform wieder Sprengnagel heisst. Wenn sie nicht grad Posts absetzt, engagiert sie sich in der satirischen «Burschenschaft Hysteria», malt Cartoons für den «Falter» oder träumt von einer Karriere als Battlerapperin. Angefangen hat das Sargnagel-Epos in Daniel Richters Meisterklasse an der «Akad» in Wien, wo sie «eher die Bodenständige» war und «trashige Fanzines» machte. Diese wurden in der Szene bald gesammelt, worauf sie mit «Binge Living: Callcenter-Monologe» ihr Debut gab. Der Rest ist Social Media-Geschichte.
Back 2 irony
«Mein Humanismus verleitet mich immer wieder dazu, unreflektierten Volltrotteln irgendwas erklären zu versuchen. Back 2 irony», so ein Facebookstatus aus dem letzten Sommer. Solche Ansagen provozieren Reaktionen: Einerseits gibt es wenige Autorinnen oder Kunstschaffende, die derart unverblümt, treffend und vielfältig das Leben und Denken einer ganzen Generation vermitteln. Andererseits wird sie dafür auch immer wieder übel angefeindet. Identitären und anderen Strache-Fans will es partout nicht den Hals runter, dass eine junge Frau für Sprüche wie diesen gefeiert wird: «Wenn die ösi rechten toleranz und multikultur deshalb für gescheitert erklären weil es in andern kulturen genauso aggressive chauvinistische nationalistische holzköpfe gibt wie sie selbst. Alright.»
Stefanie Sargnagel liest am 22. Februar im Palace St.Gallen und am 23. Februar im Kammgarn Hard, unterstützt von Puneh Ansari.
Reaktionen auf Sargnagels Sargnägel sind, wie in den Sozialen Medien leider alltäglich, teilweise zutiefst sexistisch. Die sonst an jeder Ecke eine Verschwörung «politischer Korrektheit» wittern, reagieren auf Sargnagel geradezu wehleidig, weil diese, derart herausgefordert, nicht nur intelligent, sondern auch hochgradig unkorrekt zurückschiesst. Trollt der Schriftsteller Thomas Glavinic seine jüngere Kollegin unter der Gürtellinie in chauvinistischer Stammtischmanier, so findet er in dieser die Übertrollfuckingmeisterin: «Diese rechten misogynen männer sind so eeekilik. mir tun die rechten Frauen iwie leid. wissen die nicht, dass es gute, liebe männer gibt?» schreibt sie in einem ihrer Statements. Gemessen daran, dass diesem übelste Beleidigungen und Gewaltandrohungen vorangingen, ist es sogar freundlich geraten.
«refugee gang bang»
Die in diesen Fragen kompromisslose Feministin will aber nicht darauf reduziert werden. Fragt beispielsweise «Die Zeit», ob Sargnagel wie Lena Dunham Körpernormen infrage stellt, antwortet sie mit einer massiven Gesichtspalme: «Warum sagen das die Leute? Weil ich mehr als 50 Kilo wiege? Das ist eine komische Reduktion, denn ich komme in meinen Texten auf noch ganz andere Themen: Prekariat, das Schöne im Hässlichen, Kneipengeschichten, Gossenpoesie, schwarzer Humor.» Sie trifft damit einmal mehr ins Schwarze: Hiesse es bei einem älteren Herrn mit ähnlicher Vulgärpoesie: «Aah, Bukowski!», so muss sie zum x-tausendsten Mal Fragen zu ihrem Körper beantworten.
Ihre Kernkompetenz wird dabei noch immer krass unterschätzt. Weil sie neben ihren erfreulichen Skandalen sehr empathisch und schön formuliert aus einer postfordistischen Lebenswelt berichtet, die für so viele Alltag ist. Sargnagel berichtet von wichtigen Themen wie Klassismus und Sexismus, hat aber das Gespür für nette Kleinigkeiten nie verloren. Zum Beispiel für Strassenbahnengonzo: «ganz vergessen mich hat heut eine 80 jährige frau mit der österreich zeitung geschlagen, weil ich sie in der straßenbahn liegen gelassen hab. dabei wars gar nicht meine. hab auch gesagt: ‹das ist nicht meine, hab nur für instagram fotografiert, dass die österreicher immer mehr waffen kaufen›. und sie: ‹sie drecksau. sie arschloch›». Oder nach Van der Bellens Wahl, back 2 irony: «Geil die wahlparty! Koks, champagner, chlorhendl vom grill und refugee gang bang!»
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.