, 22. März 2017
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Die unsichtbare Seite der Stadt

Damit eine Stadt lebt, braucht es Reibung, Platz für Geheimnisse, sichtbare und unsichtbare Räume. Die Ostschweizer Sozialraumtagung gab rund 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Einblick in St.Galler Orte und Organisationen, die sonst eher im Hintergrund wirken – vom Solihaus bis zum Fanlokal. von Nina Rudnicki

Beim Schlussreferat in der Jugendbeiz Talhof. (Bilder: FHS)

Was, wenn man plötzlich von heute auf morgen erblindet? Vor dem Gebäude der Obvita in St.Gallen, der Organisation des Ostschweizerischen Blindenfürsorgevereins, verteilt Christoph Popp, Gesamtleiter Wohnen, Dunkelbrillen. Dann geht es in Einerkolonnen los, die Hand auf die Schulter der Person vor einem gelegt. Dass man sich im einem überdachten Durchgang befindet, merkt man etwa daran, dass der Wind auf einmal nicht mehr weht. Und dass man sich dem Haupteingang nähert, erkennt man daran, dass sich eine grosse Schiebetür öffnet. Sie klingt ausserordentlich laut.

Blind durch die Stadt.

Auf diese neue Welt und Wahrnehmung einlassen musste sich Virgil Desax, blinder Mitarbeiter bei der Obvita, im Alter von 22 Jahren. Nach einer Tumorentfernung aus seinem Kopf war er blind erwacht. Heute sagt er: «Es ist eine gute Zeit, um blind zu sein. Es gibt so viele Hilfsmittel wie nie zuvor.» Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern stellt er seine Lieblings-Apps mit Licht-, Farb- und Texterkennung vor.

Für das städtische Leben unerlässlich

Der Workshop bei der Obvita war Teil der Ostschweizer Sozialraumtagung, die das Kompetenzzentrum Soziale Räume der FHS St.Gallen in diesem Jahr zusammen mit dem Netzwerk Gemeinwesenarbeit Deutschschweiz organisiert hat. Die rund 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer betrachteten und erkundeten die Stadt St.Gallen in zehn Gruppen. Es gehe einerseits darum, Dinge sichtbar zu machen, die man sonst nicht sieht oder nur vage kennt, sagte Projektleiter und FHS-Dozent Dani Fels. «Andererseits besuchen wir Orte, die bewusst im Hintergrund bleiben.»

Im Solidaritätshaus St.Gallen

Ein solcher Ort ist das Solidaritätshaus in St.Gallen: ein offenes Haus und Rückzugsort für Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten, aber auch Schweizerinnen und Schweizer. Asylbewerber führten durch die Aufenthaltsräume, das Lernzimmer, den Spielraum, die Büros und die Küche, wo im Ämtlidienst täglich für bis zu 60 Personen gekocht wird. In der anschliessenden Diskussion ging es um den Alltag der oftmals abgewiesenen Asylsuchenden. «Das Unsichtbare, das schwierige Leben dieser Menschen, sehen wir normalerweise nicht», sagte Ursula Surber vom Solidaritätshaus.

Eine andere Station war die Herberge zur Heimat, die Menschen in schwierigen Lebenssituationen eine kostengünstige Unterkunft anbietet. Zudem gab es Workshops bei der Pro Senectute oder bei der Fachstelle für aufsuchende Sozialarbeit der Stiftung Suchthilfe. In den Workshops «IG Brache Lachen» und «Eisenbahner-Baugenossenschaft im Schoren» stand im Vordergrund, wie die heutige Quartierbevölkerung Freiraum nutzt oder wie vor über 100 Jahren versucht wurde, günstigen Wohnungsbau auf genossenschaftlicher Basis zu verwirklichen.

Was sich im Verborgenen abspielt

In einen unsichtbaren Raum – in die Welt von Ultragruppierungen –  führte der Workshop der Fanarbeit St.Gallen. Zusammen mit den Fanarbeitern «entwarfen» die Teilnehmenden zunächst den sichtbaren Fussballfan, der beispielsweise am Schal erkennbar ist. Doch wie äussern sich zentrale Aspekte wie Maskulinität, triumphaler Erfolg, Solidarität, Protest und Rebellion? Und was spielt sich alles im Verborgenen ab?

Mittagsrast in der Espenmoos-Garderobe

Unsichtbare Räume sind beispielsweise der Extrazug und das Fanlokal von innen, die Kurve im Stadion, die Garderobe sowie der geheime Ort, an dem die Fans ihre Choreografien üben. Wichtiger als der Cupsieg sei für die Ultragruppierungen die Choreografie, sagte Fanarbeiter Thomas Weber. Jede Fackel, jeder Schal, jedes Banner, die Gesänge, die Trommeln, alles sei im Stadion bewusst platziert, um damit die gegnerischen Fans zu übertrumpfen.

Auch im Nachtleben ist vor allem eine Seite sichtbar. Es ist jene der Partys, Konzerte und der Menschen, die unterwegs sind. Dadurch entstehen Probleme wie Lärmklagen. Im Workshop des Vereins NachtGallen, der Interessengemeinschaft von Gastronomie- und Kulturbetrieben sowie Veranstaltern, gestalteten die Teilnehmenden daher einen Überbauungsplan für eine zentralliegende Industriebrache. Es zeigte sich schnell, wie schwierig es ist, ein Quartier mit Platz und Raum für Junge, Senioren, Familien, Arme, Reiche, Bars und Clubs zu konzipieren und darauf zu achten, dass möglichst wenige Reibungspunkte entstehen.

In der Talhofbeiz, sitzend Projektleiter Dani Fels

Wie man ein Quartier optimal nutzen kann, darüber diskutierten die Teilnehmenden auch am Workshop des «Tisches hinter den Gleisen»: jener Gruppe junger St.Gallerinnen und St.Galler, die sich regelmässig treffen, um öffentlich über die Zukunft des Quartiers Bahnhof Nord zu diskutieren und damit Raum für einen partizipativen Dialog zu schaffen.

Das Recht auf Sicht- und Unsichtbarkeit

Zum Abschluss der Tagung sprach Christian Reutlinger, Leiter des Instituts für Soziale Arbeit an der FHS, in der Jugendbeiz Talhof über die Herausforderung, Unsichtbares sichtbar zu machen. Unter dem Titel «Eyes wide shut» benannte er aktuelle und historische Beispiele und Methoden, mit denen es der Sozialen Arbeit gelang, im Schatten Stehende(s) ins Licht zu führen.

Reutlinger betonte das Recht der Individuen sowohl auf Sichtbarkeit als auch auf Unsichtbarkeit und verwies auf die Möglichkeiten der Gemeinwesen- und Sozialraumarbeit, die Grenzen zwischen Sicht- und Unsichtbarkeit auszuloten.

Im Ivy.

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