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«Die Wahrnehmung nicht bedienen, sondern schärfen»

(Bild: pd)

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Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.

Pa­trick Kess­ler reist mit leich­tem Ge­päck. Zu­min­dest, was sei­ne per­sön­li­chen Din­ge be­trifft. Die Zahn­bürs­te und ein paar Un­ter­ho­sen fin­den Platz in ei­ner klei­nen grü­nen Ta­sche. Viel wich­ti­ger und vor al­lem ge­wich­ti­ger ist sein Klang­ma­te­ri­al, das er eben­falls auf dem Rü­cken trägt. Acht Laut­spre­cher, acht Ver­stär­ker, acht Trei­ber, acht Mit­tel­stü­cke, acht Bam­bus­stän­der und acht Mal 25 Me­ter Ka­bel.

Kess­ler zeigt mir auf dem Han­dy ein Fo­to, das ihn am Bahn­hof Gais kurz vor der Ab­fahrt zeigt, voll­ge­packt mit den Sa­chen. Ganz al­lei­ne trans­por­tier­te er die Ge­rät­schaft kürz­lich mit dem Zug nach Wien. Er ist dort mit sei­nem Chuch­che­pa­ti Or­ches­tra vom Fes­ti­val Wien Mo­dern ein­ge­la­den wor­den, ei­ne In­stal­la­ti­on ein­zu­rich­ten und vor­zu­be­rei­ten. Wien Mo­dern, das seit 1988 eta­blier­te Fes­ti­val für Neue Mu­sik, be­ginnt En­de Ok­to­ber und läuft ei­nen Mo­nat. Kess­lers schwe­res Ge­päck ist dann als fer­ti­ge Klang­in­stal­la­ti­on «Flight of the Bum­ble­bee II» vom 30. Ok­to­ber bis 10. No­vem­ber im Wie­ner Kon­zert­haus zu hö­ren und zu se­hen.

Al­ler­dings kann er bei der Er­öff­nung am 30. Ok­to­ber sel­ber gar nicht da­bei sein, weil er am sel­ben Abend im Mu­se­um Folk­wang in Es­sen ein Kon­zert gibt. Erst am 2. No­vem­ber kehrt Kess­ler nach Wien zu­rück und be­spielt dort sei­ne In­stal­la­ti­on am Fes­ti­val Wien Mo­dern zu­sam­men mit dem Schlag­zeu­ger Ju­li­an Sar­to­ri­us und dem Wie­ner Klang­künst­ler Fa­bi­an Lanz­mei­er. Und ei­nen Tag dar­auf – am 3. No­vem­ber – fährt er wie­der zu­rück in die Schweiz. Denn schon ei­nen Tag spä­ter – am 4. No­vem­ber – reist er auch noch nach Ha­noi. Kess­lers Rei­se­plä­ne sind lo­gis­tisch an­spruchs­voll, aber da­für aben­teu­er­lich und ver­lo­ckend. Ich wür­de am liebs­ten gleich mit­fah­ren.

«Du hast Glück, mich zu er­wi­schen», sagt er beim Ge­spräch. Ab der kom­men­den Wo­che sei er bis De­zem­ber fast un­un­ter­bro­chen auf Rei­sen. Der 1967 in Schaff­hau­sen ge­bo­re­ne und in Ror­schach auf­ge­wach­se­ne Mu­si­ker lebt und ar­bei­tet seit Jah­ren in Gais, spielt Kon­tra­bass, kom­po­niert, un­ter­rich­tet und ku­ra­tiert. Er be­wegt sich zwi­schen Im­pro­vi­sa­ti­on, In­stal­la­ti­on und Per­for­mance, zwi­schen akus­ti­schem In­stru­ment, Elek­tro­nik und All­tags­ge­räusch. Da­bei wech­selt er nicht nur zwi­schen ver­schie­de­nen künst­le­ri­schen Aus­drucks­for­men, son­dern auch zwi­schen un­ter­schied­li­chen Auf­ga­ben. «Ich bin in ei­ner Dop­pel­rol­le, ich bin Mu­si­ker und Ku­ra­tor», sagt er.

Ausserrhoder Kulturpreis 2026

Der Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis wird Pa­trick Kess­ler die­sen Sams­tag über­reicht. Der Preis ist mit 25'000 Fran­ken do­tiert. Den mit 10'000 Fran­ken do­tier­ten kul­tu­rel­len An­er­ken­nungs­preis er­hält der Tanz­Raum He­ris­au.

Preis­ver­lei­hung Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis: Sams­tag, 19. Sep­tem­ber, 16 Uhr, Ca­si­no He­ris­au

Als künst­le­ri­scher Lei­ter von Klang Moor Schop­fe, dem zwei­jähr­li­chen in­ter­na­tio­na­len au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­val im Hoch­moor bei Gais, lädt er selbst Kunst­schaf­fen­de ein oder be­kommt Be­wer­bun­gen zu­ge­sandt und be­ur­teilt de­ren Pro­jek­te. Oft be­kommt er von Künst­ler:in­nen un­in­spi­rier­te Be­wer­bun­gen, die mit KI ge­schrie­ben sind. Sol­che Ein­rei­chun­gen klin­gen al­le gleich: «Das ist ein­fach nicht in­ter­es­sant.» Gleich­zei­tig kann er die Mü­he und den Auf­wand, den ein Pro­jekt mit sich bringt, ab­so­lut nach­voll­zie­hen. Kess­ler kennt die an­de­re Sei­te.

Bei Fes­ti­vals wie Wien Mo­dern ist er selbst der Künst­ler, der sein Werk er­klä­ren und Fra­gen vom Ku­ra­tor be­ant­wor­ten muss. Erst kürz­lich kam aus Wien ei­ne E-Mail mit Fra­gen, die der­art aka­de­misch und kom­pli­ziert for­mu­liert wa­ren, dass er zu­erst ein­zel­ne Be­grif­fe nach­schla­gen muss­te. An­fangs sei das stres­sig und ir­ri­tie­rend ge­we­sen. Aber es zwin­ge ihn da­zu, über das ei­ge­ne Schaf­fen nach­zu­den­ken und et­was in Wor­te zu fas­sen, das ihm beim Mu­si­zie­ren selbst­ver­ständ­lich er­scheint. «Man wird her­aus­ge­for­dert. Das ist ei­gent­lich ei­ne Chan­ce.»

Die Wahr­neh­mung schär­fen

Über das ei­ge­ne Schaf­fen zu spre­chen, fällt Kess­ler auch des­halb nicht so leicht, weil sei­ne Mu­sik we­ni­ger ei­ne ein­deu­ti­ge Aus­sa­ge ver­mit­telt, als viel­mehr ei­ne Er­fah­rung er­mög­li­chen soll. Er löst die kla­re Un­ter­schei­dung zwi­schen Mu­si­ker:in und Pu­bli­kum auf. «Das ist das­sel­be», sagt er. Wenn er ei­ne Sai­te sei­nes Kon­tra­bas­ses an­schlägt, nimmt er den Ton eben­so wahr wie wir, die ihm zu­hö­ren. Bei­de Sei­ten sind Teil des­sel­ben Hör­vor­gangs.

Kess­ler ver­sucht, die Men­schen aus ih­ren Hör­ge­wohn­hei­ten her­aus­zu­füh­ren und ih­re Wahr­neh­mung zu schär­fen. Das Pu­bli­kum muss da­bei nicht zwin­gend wis­sen, was ein Klang be­deu­tet oder wie er ent­stan­den ist. Das sei be­wusst: Zu vie­le Er­klä­run­gen und Kon­text könn­ten das Hö­ren be­reits im Vor­aus len­ken und da­mit je­ne Of­fen­heit ein­schrän­ken, die Kess­ler über­haupt er­mög­li­chen will. Er­klä­rung be­deu­tet im­mer auch ei­nen un­nö­ti­gen Fil­ter für das Pu­bli­kum. Zu­hö­rer:in­nen müs­sen sich nicht an­ge­strengt auf die Klän­ge ein­las­sen, son­dern ein­fach zu­hö­ren.

Ob­wohl Kess­ler ei­ne klas­si­sche Mu­sik­aus­bil­dung durch­lief, in­ter­es­siert er sich we­ni­ger für die klas­si­sche An­ord­nung mit ei­ner Büh­ne vor­ne und ei­nem Pu­bli­kum, das still da­vor sitzt. Sei­ne Kunst hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­stärkt in Rich­tung In­stal­la­ti­on und au­di­tive Wahr­neh­mung ver­än­dert. Sei­ne Ar­bei­ten sind be­geh­bar, je nach­dem, wo sich die Be­su­cher:in­nen be­fin­den, hö­ren sie et­was an­de­res.

Ein Klang­turm in Ha­noi

Wie weit Kess­ler die­ses Prin­zip treibt, zeigt sein nächs­tes Pro­jekt. An­fang No­vem­ber reist er nach Ha­noi, die Haupt­stadt von Viet­nam. Dort ver­wan­delt er ei­nen ehe­ma­li­gen Was­ser­turm am Rand der Alt­stadt in ei­ne be­geh­ba­re Klang­in­stal­la­ti­on. Dies­mal sind es neun Kof­fer à 23 Ki­lo­gramm Rei­se­ge­päck. Dar­in be­fin­den sich 24 Laut­spre­cher.

Die Laut­spre­cher, die Kess­ler nach Ha­noi mit­nimmt, möch­te er in die­sem Turm so in­stal­lie­ren, dass der Klang von oben kommt. Es gibt ei­nen höl­zer­nen Lauf­steg und die Be­su­cher:in­nen kön­nen bar­fuss dar­in her­um­lau­fen.

Der kreis­för­mi­ge, sehr ho­he Bau be­steht aus acht Räu­men und wirkt im In­nern wie ein La­by­rinth. Aus den Laut­spre­chern wer­den die Klän­ge von In­sek­ten zu hö­ren sein. Oder ge­nau­er ge­sagt: die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen In­sek­ten. «In­sek­ten kom­mu­ni­zie­ren nicht wie wir über die Luft, son­dern trom­meln auf Pflan­zen und brin­gen so die Grä­ser zum Wa­ckeln. Von ei­nem Blatt zum Nächs­ten, kom­mu­ni­zie­ren sie über wei­te Di­stan­zen», weiss Kess­ler. 

In der In­stal­la­ti­on sind ins­ge­samt 59 Auf­nah­men von kom­mu­ni­zie­ren­den In­sek­ten zu hö­ren. Sie stam­men von rund 20 Wis­sen­schaft­ler:in­nen, die welt­weit auf die­sem Ge­biet for­schen und die Schwin­gun­gen mit spe­zi­el­len Mess­ge­rä­ten auf­ge­zeich­net ha­ben. Der Klang­künst­ler Lud­wig Ber­ger hat die­se Samm­lung ku­ra­tiert. Das noch jun­ge For­schungs­feld nennt sich Bio­tre­mo­lo­gie.

Auf den Auf­nah­men sind rhyth­mi­sche Pat­tern zu hö­ren, ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­ter von In­sek­ten, die teil­wei­se im­mer gleich klin­gen. Selbst für ei­nen ver­sier­ten Schlag­zeu­ger sei es enorm schwie­rig, die­se Mus­ter zu re­pro­du­zie­ren, so Kess­ler. Sein Be­glei­ter nach Ha­noi, der Schlag­zeu­ger und Per­kus­sio­nist Ju­li­an Sar­to­ri­us, wer­de je­den­falls her­aus­ge­for­dert, ist Kess­ler über­zeugt.

Das ei­gent­li­che Haupt­pro­jekt der Rei­se nach Viet­nam, zu der Kess­ler von der Stadt Ha­noi gross­zü­gig ein­ge­la­den wur­de, ist ei­ne Auf­trags­kom­po­si­ti­on für ei­ne drei­stö­cki­ge Markt­hal­le. Un­ter dem Ti­tel «Chơi Chợ – Play the Mar­ket» be­spielt er ge­mein­sam mit drei Mu­si­ke­rin­nen aus Ha­noi so­wie Ju­li­an Sar­to­ri­us und Lud­wig Ber­ger das Ge­bäu­de nach La­den­schluss. 

Das Spe­zi­el­le: Ei­ne Wo­che lang sam­meln sie zu­erst im Ein­kaufs­zen­trum Klän­ge, Stim­men, Schrit­te, Roll­trep­pen, Durch­sa­gen, Händ­ler:in­nen. Und sie hal­ten ih­re Mi­kro­fo­ne auch tief in ver­schie­de­nen Ab­tei­lun­gen. Bei den Fi­schen, beim Ge­mü­se und Tex­ti­li­en. «Al­les wird auf­ge­nom­men», sagt Kess­ler. Auf der Grund­la­ge die­ser ge­sam­mel­ten Auf­nah­men ent­wi­ckeln die drei Ha­noie­rin­nen und Kess­lers En­sem­ble ei­ne Kom­po­si­ti­on. Beim Kon­zert wer­den die Fiel­dre­cor­dings mit dem live ge­spiel­ten Klang der Mu­si­ker:in­nen ver­bun­den und über 16 Laut­spre­cher in der ge­sam­ten Mall ver­teilt. Zwar sind die ein­zel­nen Ge­schäf­te dann wäh­rend des Kon­zerts ge­schlos­sen, das Ge­bäu­de bleibt für das Pu­bli­kum je­doch ge­öff­net.

Kess­ler er­zählt be­geis­tert von sei­nen Pro­jek­ten, hört aber selbst eben­so ger­ne zu; be­son­ders bei Mu­si­ker:in­nen, die ihn in­spi­rie­ren. Zwar steht in sei­nem Wi­ki­pe­dia-Ein­trag an pro­mi­nen­ter Stel­le, er ha­be in New York ei­ne «Mas­ter­class» beim le­gen­dä­ren Kon­tra­bas­sis­ten Ron Car­ter be­sucht. Aber das ist nur die hal­be Ge­schich­te. «In die­se Mas­ter­class bin ich per Zu­fall ge­ra­ten, nach­dem ich in ei­nem rie­si­gen Kon­tra­bass-Ge­schäft da­von ge­le­sen ha­be», er­klärt Kess­ler.

In dem Work­shop bei Car­ter muss­ten die Teil­neh­men­den auf dem Kon­tra­bass ei­ne Ton­lei­ter rauf und run­ter spie­len, wäh­rend ein Me­tro­nom den Takt vor­gab. Ron Car­ter hör­te ge­nau auf zwei Din­ge: Ti­ming und Klang. Traf ein Ton den Me­tro­nom­schlag nicht prä­zi­se, un­ter­brach er: «No, you’re too la­te.» Klang ein Ton un­sau­ber oder leb­los, frag­te er: «What’s that sound?»

Im­mer wie­der be­geg­ne­te Kess­ler in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten Meis­ter:in­nen ih­res Fachs. Kon­tra­bas­sist:in­nen, mit de­nen er sich aus­tau­schen und vor al­lem ler­nen konn­te. Ent­we­der durch das ge­mein­sa­me Spie­len oder ein­fach durch ein län­ge­res Ge­spräch. In Ös­ter­reich be­geg­ne­te er ei­ner Mu­sik­kul­tur, in der die gros­sen Kom­po­nis­ten fast kör­per­lich an­we­send schie­nen. Die Or­ches­ter­ar­beit mit Ki­rill Pe­tren­ko oder dem Cel­lis­ten Hein­rich Schiff präg­ten nach­hal­tig. Bei Rai­ner Hon­eck, dem Kon­zert­meis­ter der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker, ging es nicht nur um die rich­ti­gen No­ten, son­dern dar­um, wie Mo­zart zu klin­gen ha­be: «Mo­zart spielt man so und nicht so», er­in­nert sich Kess­ler.

In ei­nem Bünd­ner Berg­dorf ku­ra­tier­te er ein Fes­ti­val, an dem der ame­ri­ka­ni­sche Kon­tra­bass-Pio­nier Bar­re Phil­lips spiel­te. Nach dem Kon­zert kam Phil­lips auf ihn zu, und die bei­den spra­chen stun­den­lang über den Kon­tra­bass. «Das war für mich auch ei­ne Mas­ter­class.» Die fran­zö­si­sche Bas­sis­tin und Im­pro­vi­sa­to­rin Jo­ël­le Lé­and­re sag­te für ei­nen Auf­tritt un­ter ei­ner Be­din­gung zu: Weil sie nicht mehr gut zu Fuss sei, brau­che sie ei­nen Chauf­feur. Kess­ler hol­te sie spon­tan in Zü­rich ab und fuhr drei Ta­ge lang mit ihr durch die Schweiz. Vor al­lem aber re­de­ten sie mit­ein­an­der. Auch das war für ihn ei­ne Meis­ter­klas­se.

Mit dem bri­ti­schen Bas­sis­ten Bar­ry Guy ent­stand so­gar ei­ne lang­jäh­ri­ge Freund­schaft. Kess­ler hat­te ihn mit 18 Jah­ren erst­mals in Ba­sel live ge­se­hen. Noch heu­te tref­fen sich die bei­den hin und wie­der zum Es­sen. «Von sol­chen Mu­si­ker:in­nen kannst du im­mer ler­nen», schwärmt Kess­ler.

Die Gi­tar­re in der Ecke

Bei­na­he wä­re Kess­ler Gi­tar­rist ge­wor­den. Er wuchs bei sei­ner al­lein­er­zie­hen­den Mut­ter auf. Das Geld war eher knapp, doch den Gi­tar­ren­un­ter­richt er­mög­lich­te sie ihm im­mer. «Sie muss­te mich auch nie zwin­gen zu üben, ich spiel­te täg­lich min­des­tens ei­ne Stun­de.» Als jun­ger Gi­tar­rist ge­riet er je­doch mit ei­nem Gi­tar­ren­leh­rer in ei­nen Streit dar­über, wie ein Stück zu in­ter­pre­tie­ren sei. Ob­wohl Kess­ler auf Hoch­schul­ni­veau spiel­te und mehr­mals in der Wo­che in den Un­ter­richt ging, be­harr­te der Leh­rer dar­auf, wo er lau­ter oder lei­ser spie­len soll­te. Es war ei­ne rei­ne In­ter­pre­ta­ti­ons­sa­che, wie bei ei­nem Thea­ter­stück oder ei­nem Buch. Kess­ler woll­te selbst ent­schei­den, wie er das Stück in­ter­pre­tiert. «Da war ich ra­di­kal und ha­be die Gi­tar­re in die Ecke ge­stellt.» Kess­ler wech­sel­te zum Kon­tra­bass und spiel­te da­mit zu­nächst in der Punk­band Ero­tic Marv, der Na­me soll­te ei­ne Re­fe­renz an die Sex Pis­tols sein und So­nic Youth wa­ren ih­re gros­sen Vor­bil­der.

Ir­gend­wann hat­te Kess­ler das Ge­fühl, aus dem Kon­tra­bass mehr ma­chen zu müs­sen, als nur in ei­ner Punk­band zu spie­len. Er nahm Un­ter­richt und be­schloss, Mu­sik zu stu­die­ren. Par­al­lel ab­sol­vier­te er die Auf­nah­me­prü­fun­gen an der Jazz­schu­le St.Gal­len und am Vor­arl­ber­ger Lan­des­kon­ser­va­to­ri­um in Feld­kirch.

Das Dum­me: Die theo­re­ti­sche Auf­nah­me­prü­fung in St.Gal­len ver­pass­te Kess­ler, weil die Nacht da­vor et­was lang war. «Ich dach­te, das ist doch Jazz, die­ser fin­det in der Nacht statt», sagt Kess­ler la­chend. Die Schu­le liess nicht mit sich re­den. Da­mit war ihm die Ent­schei­dung, ob Klas­sik oder Jazz von aus­sen ab­ge­nom­men: Kess­ler stu­dier­te klas­si­schen Kon­tra­bass bei Pro­fes­sor Fran­cis­co Obieta in Ös­ter­reich. Punkt.

Im Nach­hin­ein ist er froh dar­über. «Beim Jazz reicht der Ho­ri­zont et­was mehr als 100 Jah­re zu­rück, die Klas­sik hin­ge­gen be­ginnt be­reits bei den al­ten Grie­chen, al­so ei­ne Ge­schich­te von ei­ni­gen Tau­send Jah­ren.»

Zwi­schen Kunst und Wis­sen­schaft

Erst viel spä­ter be­geg­ne­te Kess­ler sei­nen Meis­ter:in­nen Ron Car­ter, Jo­ël­le Lé­and­re, Bar­re Phil­lips und Bar­ry Guy. Aus die­sen Be­geg­nun­gen ent­wi­ckel­te er sei­nen ei­ge­nen Sound und ei­nen ei­gen­wil­li­gen Zu­gang zur Mu­sik. Die klas­si­schen Re­geln hat er da­bei nicht ver­ges­sen. Viel­mehr nutzt er sie als Aus­gangs­punkt, um sie zu er­wei­tern, zu hin­ter­fra­gen oder be­wusst zu durch­bre­chen. Die­se Of­fen­heit prägt heu­te nicht nur sei­ne Mu­sik, son­dern auch sei­ne Ar­beit als Ku­ra­tor.

Kess­ler sucht nicht den gros­sen Ef­fekt, son­dern ver­sucht, das Fi­li­gra­ne – et­wa die Kom­mu­ni­ka­ti­on von In­sek­ten – hör­bar zu ma­chen. Wie bei Klang Moor Schop­fe, geht es ihm auch in Wien und Ha­noi dar­um, den Raum selbst als Re­so­nanz­kör­per, hör- und er­fahr­bar zu ma­chen.

Der Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis wür­digt da­mit ein Schaf­fen, das sich nicht auf ein ein­zel­nes Werk re­du­zie­ren lässt. Aus­gangs­punkt ist seit Jah­ren sein Kon­tra­bass. Mitt­ler­wei­le bil­det aber auch sein Netz­werk aus Künst­ler:in­nen und Wis­sen­schaft­ler:in­nen ei­nen wich­ti­gen Teil sei­ner Ar­beit. Ge­mein­sam mit ih­nen ent­wi­ckelt Kess­ler Pro­jek­te, in de­nen sich Mu­sik, For­schung und Raum ver­bin­den und der Öf­fent­lich­keit spie­le­risch ver­mit­telt wird. Sei­ne Kunst be­steht aus Kon­zer­ten, In­stal­la­tio­nen, Fes­ti­vals, Un­ter­richt und Be­geg­nun­gen – und reicht von Gais über Wien bis nach Ha­noi. Es sind so vie­le Fa­cet­ten, Aspek­te und Sai­ten, die auch nicht in neun Kof­fer Platz fin­den.

bas­si­li­kum.ch
chuch­che­pa­ti.ch
klang­moor­schop­fe.ch
wien­mo­dern.at

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

Von Larisa Baumann,
House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
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Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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