«Die Wahrnehmung nicht bedienen, sondern schärfen»
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
(Bild: pd)
Patrick Kessler reist mit leichtem Gepäck. Zumindest, was seine persönlichen Dinge betrifft. Die Zahnbürste und ein paar Unterhosen finden Platz in einer kleinen grünen Tasche. Viel wichtiger und vor allem gewichtiger ist sein Klangmaterial, das er ebenfalls auf dem Rücken trägt. Acht Lautsprecher, acht Verstärker, acht Treiber, acht Mittelstücke, acht Bambusständer und acht Mal 25 Meter Kabel.
Kessler zeigt mir auf dem Handy ein Foto, das ihn am Bahnhof Gais kurz vor der Abfahrt zeigt, vollgepackt mit den Sachen. Ganz alleine transportierte er die Gerätschaft kürzlich mit dem Zug nach Wien. Er ist dort mit seinem Chuchchepati Orchestra vom Festival Wien Modern eingeladen worden, eine Installation einzurichten und vorzubereiten. Wien Modern, das seit 1988 etablierte Festival für Neue Musik, beginnt Ende Oktober und läuft einen Monat. Kesslers schweres Gepäck ist dann als fertige Klanginstallation «Flight of the Bumblebee II» vom 30. Oktober bis 10. November im Wiener Konzerthaus zu hören und zu sehen.
Allerdings kann er bei der Eröffnung am 30. Oktober selber gar nicht dabei sein, weil er am selben Abend im Museum Folkwang in Essen ein Konzert gibt. Erst am 2. November kehrt Kessler nach Wien zurück und bespielt dort seine Installation am Festival Wien Modern zusammen mit dem Schlagzeuger Julian Sartorius und dem Wiener Klangkünstler Fabian Lanzmeier. Und einen Tag darauf – am 3. November – fährt er wieder zurück in die Schweiz. Denn schon einen Tag später – am 4. November – reist er auch noch nach Hanoi. Kesslers Reisepläne sind logistisch anspruchsvoll, aber dafür abenteuerlich und verlockend. Ich würde am liebsten gleich mitfahren.
«Du hast Glück, mich zu erwischen», sagt er beim Gespräch. Ab der kommenden Woche sei er bis Dezember fast ununterbrochen auf Reisen. Der 1967 in Schaffhausen geborene und in Rorschach aufgewachsene Musiker lebt und arbeitet seit Jahren in Gais, spielt Kontrabass, komponiert, unterrichtet und kuratiert. Er bewegt sich zwischen Improvisation, Installation und Performance, zwischen akustischem Instrument, Elektronik und Alltagsgeräusch. Dabei wechselt er nicht nur zwischen verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen, sondern auch zwischen unterschiedlichen Aufgaben. «Ich bin in einer Doppelrolle, ich bin Musiker und Kurator», sagt er.
Der Ausserrhoder Kulturpreis wird Patrick Kessler diesen Samstag überreicht. Der Preis ist mit 25'000 Franken dotiert. Den mit 10'000 Franken dotierten kulturellen Anerkennungspreis erhält der TanzRaum Herisau.
Preisverleihung Ausserrhoder Kulturpreis: Samstag, 19. September, 16 Uhr, Casino Herisau
Als künstlerischer Leiter von Klang Moor Schopfe, dem zweijährlichen internationalen audiovisuellen Festival im Hochmoor bei Gais, lädt er selbst Kunstschaffende ein oder bekommt Bewerbungen zugesandt und beurteilt deren Projekte. Oft bekommt er von Künstler:innen uninspirierte Bewerbungen, die mit KI geschrieben sind. Solche Einreichungen klingen alle gleich: «Das ist einfach nicht interessant.» Gleichzeitig kann er die Mühe und den Aufwand, den ein Projekt mit sich bringt, absolut nachvollziehen. Kessler kennt die andere Seite.
Bei Festivals wie Wien Modern ist er selbst der Künstler, der sein Werk erklären und Fragen vom Kurator beantworten muss. Erst kürzlich kam aus Wien eine E-Mail mit Fragen, die derart akademisch und kompliziert formuliert waren, dass er zuerst einzelne Begriffe nachschlagen musste. Anfangs sei das stressig und irritierend gewesen. Aber es zwinge ihn dazu, über das eigene Schaffen nachzudenken und etwas in Worte zu fassen, das ihm beim Musizieren selbstverständlich erscheint. «Man wird herausgefordert. Das ist eigentlich eine Chance.»
Über das eigene Schaffen zu sprechen, fällt Kessler auch deshalb nicht so leicht, weil seine Musik weniger eine eindeutige Aussage vermittelt, als vielmehr eine Erfahrung ermöglichen soll. Er löst die klare Unterscheidung zwischen Musiker:in und Publikum auf. «Das ist dasselbe», sagt er. Wenn er eine Saite seines Kontrabasses anschlägt, nimmt er den Ton ebenso wahr wie wir, die ihm zuhören. Beide Seiten sind Teil desselben Hörvorgangs.
Kessler versucht, die Menschen aus ihren Hörgewohnheiten herauszuführen und ihre Wahrnehmung zu schärfen. Das Publikum muss dabei nicht zwingend wissen, was ein Klang bedeutet oder wie er entstanden ist. Das sei bewusst: Zu viele Erklärungen und Kontext könnten das Hören bereits im Voraus lenken und damit jene Offenheit einschränken, die Kessler überhaupt ermöglichen will. Erklärung bedeutet immer auch einen unnötigen Filter für das Publikum. Zuhörer:innen müssen sich nicht angestrengt auf die Klänge einlassen, sondern einfach zuhören.
Obwohl Kessler eine klassische Musikausbildung durchlief, interessiert er sich weniger für die klassische Anordnung mit einer Bühne vorne und einem Publikum, das still davor sitzt. Seine Kunst hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt in Richtung Installation und auditive Wahrnehmung verändert. Seine Arbeiten sind begehbar, je nachdem, wo sich die Besucher:innen befinden, hören sie etwas anderes.
Wie weit Kessler dieses Prinzip treibt, zeigt sein nächstes Projekt. Anfang November reist er nach Hanoi, die Hauptstadt von Vietnam. Dort verwandelt er einen ehemaligen Wasserturm am Rand der Altstadt in eine begehbare Klanginstallation. Diesmal sind es neun Koffer à 23 Kilogramm Reisegepäck. Darin befinden sich 24 Lautsprecher.
Die Lautsprecher, die Kessler nach Hanoi mitnimmt, möchte er in diesem Turm so installieren, dass der Klang von oben kommt. Es gibt einen hölzernen Laufsteg und die Besucher:innen können barfuss darin herumlaufen.
Der kreisförmige, sehr hohe Bau besteht aus acht Räumen und wirkt im Innern wie ein Labyrinth. Aus den Lautsprechern werden die Klänge von Insekten zu hören sein. Oder genauer gesagt: die Kommunikation zwischen Insekten. «Insekten kommunizieren nicht wie wir über die Luft, sondern trommeln auf Pflanzen und bringen so die Gräser zum Wackeln. Von einem Blatt zum Nächsten, kommunizieren sie über weite Distanzen», weiss Kessler.
In der Installation sind insgesamt 59 Aufnahmen von kommunizierenden Insekten zu hören. Sie stammen von rund 20 Wissenschaftler:innen, die weltweit auf diesem Gebiet forschen und die Schwingungen mit speziellen Messgeräten aufgezeichnet haben. Der Klangkünstler Ludwig Berger hat diese Sammlung kuratiert. Das noch junge Forschungsfeld nennt sich Biotremologie.
Auf den Aufnahmen sind rhythmische Pattern zu hören, ein Kommunikationsmuster von Insekten, die teilweise immer gleich klingen. Selbst für einen versierten Schlagzeuger sei es enorm schwierig, diese Muster zu reproduzieren, so Kessler. Sein Begleiter nach Hanoi, der Schlagzeuger und Perkussionist Julian Sartorius, werde jedenfalls herausgefordert, ist Kessler überzeugt.
Das eigentliche Hauptprojekt der Reise nach Vietnam, zu der Kessler von der Stadt Hanoi grosszügig eingeladen wurde, ist eine Auftragskomposition für eine dreistöckige Markthalle. Unter dem Titel «Chơi Chợ – Play the Market» bespielt er gemeinsam mit drei Musikerinnen aus Hanoi sowie Julian Sartorius und Ludwig Berger das Gebäude nach Ladenschluss.
Das Spezielle: Eine Woche lang sammeln sie zuerst im Einkaufszentrum Klänge, Stimmen, Schritte, Rolltreppen, Durchsagen, Händler:innen. Und sie halten ihre Mikrofone auch tief in verschiedenen Abteilungen. Bei den Fischen, beim Gemüse und Textilien. «Alles wird aufgenommen», sagt Kessler. Auf der Grundlage dieser gesammelten Aufnahmen entwickeln die drei Hanoierinnen und Kesslers Ensemble eine Komposition. Beim Konzert werden die Fieldrecordings mit dem live gespielten Klang der Musiker:innen verbunden und über 16 Lautsprecher in der gesamten Mall verteilt. Zwar sind die einzelnen Geschäfte dann während des Konzerts geschlossen, das Gebäude bleibt für das Publikum jedoch geöffnet.
Kessler erzählt begeistert von seinen Projekten, hört aber selbst ebenso gerne zu; besonders bei Musiker:innen, die ihn inspirieren. Zwar steht in seinem Wikipedia-Eintrag an prominenter Stelle, er habe in New York eine «Masterclass» beim legendären Kontrabassisten Ron Carter besucht. Aber das ist nur die halbe Geschichte. «In diese Masterclass bin ich per Zufall geraten, nachdem ich in einem riesigen Kontrabass-Geschäft davon gelesen habe», erklärt Kessler.
In dem Workshop bei Carter mussten die Teilnehmenden auf dem Kontrabass eine Tonleiter rauf und runter spielen, während ein Metronom den Takt vorgab. Ron Carter hörte genau auf zwei Dinge: Timing und Klang. Traf ein Ton den Metronomschlag nicht präzise, unterbrach er: «No, you’re too late.» Klang ein Ton unsauber oder leblos, fragte er: «What’s that sound?»
Immer wieder begegnete Kessler in den vergangenen Jahrzehnten Meister:innen ihres Fachs. Kontrabassist:innen, mit denen er sich austauschen und vor allem lernen konnte. Entweder durch das gemeinsame Spielen oder einfach durch ein längeres Gespräch. In Österreich begegnete er einer Musikkultur, in der die grossen Komponisten fast körperlich anwesend schienen. Die Orchesterarbeit mit Kirill Petrenko oder dem Cellisten Heinrich Schiff prägten nachhaltig. Bei Rainer Honeck, dem Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, ging es nicht nur um die richtigen Noten, sondern darum, wie Mozart zu klingen habe: «Mozart spielt man so und nicht so», erinnert sich Kessler.
In einem Bündner Bergdorf kuratierte er ein Festival, an dem der amerikanische Kontrabass-Pionier Barre Phillips spielte. Nach dem Konzert kam Phillips auf ihn zu, und die beiden sprachen stundenlang über den Kontrabass. «Das war für mich auch eine Masterclass.» Die französische Bassistin und Improvisatorin Joëlle Léandre sagte für einen Auftritt unter einer Bedingung zu: Weil sie nicht mehr gut zu Fuss sei, brauche sie einen Chauffeur. Kessler holte sie spontan in Zürich ab und fuhr drei Tage lang mit ihr durch die Schweiz. Vor allem aber redeten sie miteinander. Auch das war für ihn eine Meisterklasse.
Mit dem britischen Bassisten Barry Guy entstand sogar eine langjährige Freundschaft. Kessler hatte ihn mit 18 Jahren erstmals in Basel live gesehen. Noch heute treffen sich die beiden hin und wieder zum Essen. «Von solchen Musiker:innen kannst du immer lernen», schwärmt Kessler.
Beinahe wäre Kessler Gitarrist geworden. Er wuchs bei seiner alleinerziehenden Mutter auf. Das Geld war eher knapp, doch den Gitarrenunterricht ermöglichte sie ihm immer. «Sie musste mich auch nie zwingen zu üben, ich spielte täglich mindestens eine Stunde.» Als junger Gitarrist geriet er jedoch mit einem Gitarrenlehrer in einen Streit darüber, wie ein Stück zu interpretieren sei. Obwohl Kessler auf Hochschulniveau spielte und mehrmals in der Woche in den Unterricht ging, beharrte der Lehrer darauf, wo er lauter oder leiser spielen sollte. Es war eine reine Interpretationssache, wie bei einem Theaterstück oder einem Buch. Kessler wollte selbst entscheiden, wie er das Stück interpretiert. «Da war ich radikal und habe die Gitarre in die Ecke gestellt.» Kessler wechselte zum Kontrabass und spielte damit zunächst in der Punkband Erotic Marv, der Name sollte eine Referenz an die Sex Pistols sein und Sonic Youth waren ihre grossen Vorbilder.
Irgendwann hatte Kessler das Gefühl, aus dem Kontrabass mehr machen zu müssen, als nur in einer Punkband zu spielen. Er nahm Unterricht und beschloss, Musik zu studieren. Parallel absolvierte er die Aufnahmeprüfungen an der Jazzschule St.Gallen und am Vorarlberger Landeskonservatorium in Feldkirch.
Das Dumme: Die theoretische Aufnahmeprüfung in St.Gallen verpasste Kessler, weil die Nacht davor etwas lang war. «Ich dachte, das ist doch Jazz, dieser findet in der Nacht statt», sagt Kessler lachend. Die Schule liess nicht mit sich reden. Damit war ihm die Entscheidung, ob Klassik oder Jazz von aussen abgenommen: Kessler studierte klassischen Kontrabass bei Professor Francisco Obieta in Österreich. Punkt.
Im Nachhinein ist er froh darüber. «Beim Jazz reicht der Horizont etwas mehr als 100 Jahre zurück, die Klassik hingegen beginnt bereits bei den alten Griechen, also eine Geschichte von einigen Tausend Jahren.»
Erst viel später begegnete Kessler seinen Meister:innen Ron Carter, Joëlle Léandre, Barre Phillips und Barry Guy. Aus diesen Begegnungen entwickelte er seinen eigenen Sound und einen eigenwilligen Zugang zur Musik. Die klassischen Regeln hat er dabei nicht vergessen. Vielmehr nutzt er sie als Ausgangspunkt, um sie zu erweitern, zu hinterfragen oder bewusst zu durchbrechen. Diese Offenheit prägt heute nicht nur seine Musik, sondern auch seine Arbeit als Kurator.
Kessler sucht nicht den grossen Effekt, sondern versucht, das Filigrane – etwa die Kommunikation von Insekten – hörbar zu machen. Wie bei Klang Moor Schopfe, geht es ihm auch in Wien und Hanoi darum, den Raum selbst als Resonanzkörper, hör- und erfahrbar zu machen.
Der Ausserrhoder Kulturpreis würdigt damit ein Schaffen, das sich nicht auf ein einzelnes Werk reduzieren lässt. Ausgangspunkt ist seit Jahren sein Kontrabass. Mittlerweile bildet aber auch sein Netzwerk aus Künstler:innen und Wissenschaftler:innen einen wichtigen Teil seiner Arbeit. Gemeinsam mit ihnen entwickelt Kessler Projekte, in denen sich Musik, Forschung und Raum verbinden und der Öffentlichkeit spielerisch vermittelt wird. Seine Kunst besteht aus Konzerten, Installationen, Festivals, Unterricht und Begegnungen – und reicht von Gais über Wien bis nach Hanoi. Es sind so viele Facetten, Aspekte und Saiten, die auch nicht in neun Koffer Platz finden.
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