Die Internationale Bodenseekonferenz vergibt jährlich Förderpreise in unterschiedlichen Sparten. Das Löbliche daran: Die Vergabe der mit je 10’000 Franken dotierten Preise ist grosszügig, sieben der jeweils rund zwanzig Nominierten bekommen einen Preis. Und das Einzugsgebiet ist riesig, es umfasst neben den Ostschweizer Kantonen inklusive Zürich und dem Fürstentum Liechtenstein auch die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg und das Vorarlberg. Das heisst: Bereits die Nomination ist eine Auszeichnung. Wer hier besteht, ist auch im internationalen Vergleich top.
2020 galt die Ausschreibung der Kuration. Gesucht waren experimentelle Formen und zukunftsträchtige Ansätze des Kuratierens. Und obenaus schwangen dabei auffälligerweise nicht Künstlerinnen oder Institutionen aus den Metropolen – gewonnen haben fast durchwegs Projekte im ländlichen Raum.
«Kuratieren heisst, Sorge zu tragen und Verantwortung zu übernehmen für das Zustandekommen und den Inhalt eines spezifischen Kulturangebots», sagt die Vorarlberger Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink. Ausgezeichnet würden Initiativen, welche in der Programmierung neue Wege gehen – «mit dem Mut zum Experiment, das auch scheitern kann».
Klangvoll im Moor
Viel beachtet (und auch von Saiten hier oder hier mehrfach besprochen): das Projekt «Klang Moor Schopfe» von Patrick Kessler. Der Kontrabassist lud 2017 und 2019 Klangforscherinnen aus der halben Welt ins Hochmoor von Gais ein und liess sie einen der dort stehenden, nicht mehr gebrauchten Schopfe bespielen. Die Jury überzeugte «die Verbindung von spezifischer Audioforschung mit Audiokunst, welche in die Landschaft dringt und situations- und ortsbezogene Installationen zeigt». 2021 ist die nächste Durchführung geplant.
Nomadisch interdisziplinär
In Liechtenstein wird der Verein Schichtwechsel ausgezeichnet, der seit 1989 existiert und seit 2011 von einem vierköpfigen Frauenteam an wechselnden Orten Projekte lanciert – stets interdisziplinär und mit experimentellem Charakter. Veranstaltungstitel wie «Wo das Gras grüner ist» oder «Über Religion und Politik wird nicht geredet – hier wird gearbeitet» zeugen nach dem Urteil der Jury «von einer intelligenten, pointierten und humorvollen Auseinandersetzung».
Literarisch grenzenlos
Gleich zweimal ist Vorarlberg unter den Preisträgern. Zum einen ist es das literatur:vorarlberg netzwerk, das in einem erst noch zu renovierenden Gebäude in Hohenems Literatur vermittelt. Auszug aus dem Jurybericht: «Wenn in ‚to be continued‘ über 100 SchülerInnen aus sechs europäischen Städten an einer fiktiven Fortsetzungsgeschichte schreiben, dann wird literarisches Schaffen als ein Tun erlebbar, das Grenzziehungen aller Art überwinden kann.»
In Tälern und Dörfern
Zum andern bekommt Dietmar Nigsch für das von ihm geleitete Festival Walser Herbst einen Förderpreis. «Der Walser Herbst bringt Leute zusammen – in abgelegenen Tälern und Dörfern. Das ist eine kuratorische Verpflichtung, die jenseits des urbanen Imperativs des ausschliesslich Neuen liegt, einem Engagement für Menschen und deren Geschichten», schreibt die Jury.
Sparten und Menschen verbindend
Ebenfalls abseits der Zentren betreibt die Thurgauer Künstlerin und Vermittlerin Judit Villiger ihr Haus zur Glocke. Es steht in Steckborn und füllt die kleinen Räume mit stets wechselnden Aktivitäten. «Als Aktionsraum, in dem gearbeitet, gekocht, gegessen und sich ausgetauscht wird, bietet das Haus zur Glocke Räume für offene Formen des Kunstschaffens als kollaborativen Prozess. Der Kunstraum wird so zum Ort des Aufeinandertreffens von Menschen, Räumen, Haltungen», heisst es im Jurybericht.
Neue und Alte Musik
Etwas weiter westlich, in Schaffhausen, wirkt die Camerata variabile, die sich die Vermittlung zeitgenössischer Klassik auf die Fahne geschrieben hat. «Die Camerata Variabile entdeckt vergessen gegangene Musikstücke und ermöglicht zugleich durch die präzise Setzung und Verflechtung der Themen, die Neue Musik im Kontext der Tradition, aber auch ihrer Zeitgenossenschaft zu verorten.»
Die Kunst des Zuhörens
Schliesslich, nominiert vom Kanton St.Gallen und in Zürich tätig: Anna Frei. Sie betreibt seit 2014 den OOR Records Laden in Zürich, einen genossenschaftlich-kollektiv organisierten Platten- und Kunstbuchladen. «Zentral ist dabei die Idee des Zuhörens als einer Praxis, als eines politischen Akts, als Spiegel von Machtstrukturen», schreibt die Jury.
Vergeben werden konnten die Preise coronabedingt nicht – die für den 4. November geplante Feier wurde abgesagt. Und der Anspruch der IBK, den grenzüberschreitenden Kulturaustausch rund um den Bodensee zu fördern, ist mit der Pandemie auf eine bis dahin unausdenkliche Art in Frage gestellt – zumindest vorübergehend.
Als Ersatz informiert eine Publikation über alle Preisträgerinnen und Preisträger, hier das pdf: IBK20-Broschuere-RZdigital-1.
Und Kurzporträts der Ausgezeichneten sind zu einem Film zusammengeschnitten worden:
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.