Wie ich diesen Donnerstag aus den Bädern kam und einen Blick aufs Handy warf, entdeckte ich eine Nachricht von der Saitenredaktion: Ob ich Lust hätte, Dobet Gnahorés Konzert am St.Galler Kulturfestival zu besuchen und darüber zu schreiben. Nun, der Fall war klar, denn im Ruheraum der Sauna Blumenwies hatte ich gerade das Gedicht Frauen aus Ghayath Almadhouns Poesieband Ein Raubtier namens Mittelmeer (aus dem Arabischen von Larissa Bender; Arche, Zürich / Hamburg 2018) gelesen:
Frauen, die seit Anbeginn der Zeit Weintrauben zertreten. Frauen, die in Europa mit dem Keuschheitsgürtel verschlossen wurden. Hexen, die man im Mittelalter verbrannte. Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts, die unter Männerpseudonymen schrieben, um veröffentlicht zu werden. Teepflückerinnen in Ceylon. Frauen Berlins, die die Stadt nach dem Krieg wiederaufbauten. Baumwollpflückerinnen in Ägypten.
Algerische Frauen, die ihre Körper mit Kot beschmierten, um nicht von den französischen Soldaten vergewaltigt zu werden. Zigarrenjungfrauen in Kuba. Kämpferinnen der Black Diamonds in Liberia. Sambatänzerinnen in Brasilien. Frauen, die ihr Gesicht durch Säure in Afghanistan verloren. Meine Mutter. Es tut mir leid.
Wer würde da auf die Anfrage, ob er nicht Lust hätte, ein Konzert der ivorischen Sängerin Dobet Gnahoré zu besprechen, noch Nein sagen können? Zumal diese auf ihrem neusten Album Miziki (LA Café, Indigo 2018) die Stärke, die Kultur und das Bewusstsein afrikanischer Frauen feiert?
Also machte ich mich im langsam ausklingenden Sommerabend auf zum Innenhof des Historischen und Völkerkundemuseums, wo auch dieses Jahr wieder das Kulturfestival steigt. Und kam voll auf meine Rechnung.
Selten habe ich eine Frau auf der Bühne gesehen, die ein solch hohes Mass an Bannkraft entwickelt. Dobet Gnahoré ist voll im Saft, ein Energiebündel sondergleichen. In ihren tänzerischen Einlagen schwingt sie die Füsse auf Kopfhöhe, vollführt Sprünge von über einem Meter Höhe, ahmt Vögel nach, Raubtiere, setzt ihre teils blond gefärbten Haare als choreografisches Element ein, auch Masken und eine Kalebasse, trommelt, geht auf die Knie, schnellt hoch, sprüht vor explosiver Erotik.
Perlkunst aus Afrika: bis 21. Oktober, Museum Rietberg rietberg.ch
Dabei geht ihre charismatische Stimme unter die Haut, wenn sie zu melodischen Bögen ausholt, haucht, faucht, schmeichelt, ululiert… Selbst die Plaudertaschen, die in meiner Nähe standen, wurden still, so mitreissend performte die Ivorin, die einen kurzen schwarzen Lederrock, afrikanische Perlkunst an Ohren, Hals und Armen sowie – aufgrund ihres athletischen Höchsteinsatzes – schwarze Knieschoner trug.
Gnahoré erreichte jeden und jede. Alt und Jung begann zu tanzen, sich rhythmisch zu wiegen, mitzusingen gar. Leuchtende, glückliche Gesichter im Publikum, als das Konzert nach halb elf endete. – Afrika tut der Ostschweiz gut.
Die Sängerin wurde 1982 als Tochter des afrikanischen Perkussionisten Boni Gnahoré geboren. Sie wuchs in dem von ihm mitbegründeten Künstlerdorf Ki-Yi M’Bock in Abidjan auf, einer Inspirationsquelle für die panafrikanische Vision dieser Musikerin. 1999 vertrieb sie der Bürgerkrieg aus der Côte d’Ivoire nach Marseille. Noch heute lebt sie, die wie Angélique Kidjo, Nawal oder Khadja Nin zu den grossen afrikanischen Sängerinnen der Gegenwart zählt, in Frankreich.
Entsprechend tischt Dobet Gnahoré dem Schweizer Publikum immer mal wieder eine Handvoll französische Brocken zwischen den Songs auf, mischt auch einmal humorig und urkomisch die Dominanz der Lingua franca Englisch auf, singt aber fast ausschliesslich in afrikanischen Dialekten – auf dem neusten Album Miziki vornehmlich in ihrer Muttersprache Bété. Bété wird von ca. 900‘000 Menschen an der Elfenbeinküste gesprochen. Eine vokalreiche, ungemein wohlklingende Sprache, die, wäre sie im Europa des 18. Jahrhunderts bekannt gewesen, locker dem Italienischen als singbarste Opernsprache den Rang hätte ablaufen können.
Auf dem Nachhauseweg ging ich meine Eindrücke noch einmal durch und fragte mich nach den zentralen Botschaften dieser singenden Powerfrau. Natürlich: «Love!» Und Zuversicht, Hoffnung, Vertrauen verströmte sie. Und pure Lebensfreude. Und sicher: «Liberté!» Freiheit für alle, Freiheit für das Individuum, die Frauen, die Männer, Freiheit in Afrika, Europa, überall.
Diese Forderung muss gestellt werden. Sie ist wichtig, denn, wie Carolin Emcke in ihrem langen Essay Gegen den Hass (Fischer, Frankfurt am Main 2016) festhielt: Noch «nie galten wirklich a l l e Menschen als Freie und Gleiche.»
Buchtipp: Al Imfeld (Hrsg): Afrika im Gedicht
Die Emanzipation der afrikanischen Frau, des afrikanischen Kontinents, Emanzipation aber auch im vollumfänglichen Wortsinn – die Befreiung von allen Autoritäten, die uns Menschen sinnlos niederhalten und einschränken –, dies ist eine klare Stossrichtung von Dobet Gnahorés Kunst. Und Kunst ist die Verkörperung dieser Freiheit, die Zone ihrer höchsten und vollkommensten Umsetzung. Schliesslich ist mir auch diese engagierte Message des tanzenden Singwunders im Ohr hängen geblieben: «éducation for our children!» (sic!) Bildung ist d e r Schlüssel zur Emanzipation, Wissen ist Macht.
Zu Hause angekommen, dachte ich mir, dass Dobet Gnahorés Musik aktiv zur Völkerverständigung beiträgt, zur Integration, die heute auf den verschiedensten Ebenen – politisch, sozial, kulturell etc. – so intensiv, so widersprüchlich und zum Teil enorm menschenverachtend diskutiert wird; der grundlegende Wert der Gastfreundschaft, durch die der Feind zum Freund wird, wird immer prekärer. In dem Lyrikband Um Haus und Hof von Hans Georg Bulla (San Marco Handpresse, Neustadt 2014) hatte ich zu diesem Kontext wenige Tage zuvor ein Gedicht gelesen, dessen Sinn für die Gastfreundschaft, dessen menschliche Geste ich nicht vergessen hatte:
Vor dem Haus
Einen Platz halten wir frei für den späten Gast der bei Dunkelheit vor dem Haus steht mit wirrem Haar und verdrecktem Mantel als Gepäck seine Angst als Geschenk seine Hoffnung sein Platz bleibt gedeckt sein Bett werden wir machen und uns erinnern in wessen Bett wir schliefen das haben wir uns vorgenommen
Nach Mitternacht las ich es noch einmal und ging spät zu Bett. Körper und Seele pulsierten noch lange von Dobet Gnahorés atemberaubender Darbietung, von den Rhythmen der Drums, den Gitarrenlicks, den sphärischen Klängen und Basslinien des Keyboarders. All dies zusammen mündete schliesslich in die murmelnden Wasser des Schlafs. – Danke Dobet!
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