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Ein Glitch in St.Gallen

Delivrygirl performt am Glitch Festival (Bild: pd/Angelina Wegmann)

Delivrygirl performt am Glitch Festival (Bild: pd/Angelina Wegmann)

Das Glitch Festival für Pleasure versteht sich als Störmoment im System, eben als Glitch. Am Wochenende ging es in St.Gallen über die Bühne. Zwei Tage lang drehte sich alles um Sinnlichkeit und Sexualität. 

Die Säu­len im Pa­lace sind in Gold­fo­lie ge­hüllt, vom Bal­kon­ge­län­der bau­meln di­ver­se Ge­bil­de, die ir­gend­wie an Lie­bes­ku­geln er­in­nern. Und in der Gra­ben­hal­le geht es durch ei­nen Tor­bo­gen aus ro­sa-blau-me­lier­ten Papp­ma­ché in den Saal, wo links und rechts ne­ben der Büh­ne qual­len­ähn­li­che Ob­jek­te glit­zern.

Mit ei­ner sol­chen Sze­ne­rie fand am Wo­chen­en­de die zwei­te Aus­ga­be von Glitch statt, ei­nem au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­val für Plea­su­re, das im Pa­lace, in der Gra­ben­hal­le und an wei­te­ren Lo­ka­li­tä­ten in St.Gal­len zu Gast war. Be­sucht wer­den konn­ten zahl­rei­che Work­shops, Fil­me, Talks und Per­for­man­ces rund ums The­ma Plea­su­re. 

Den Fes­ti­val­auf­takt am Frei­tag macht die Drag-Show von Ray Bel­le aus Zü­rich im Pa­lace. Das Pu­bli­kum ist von der ers­ten Se­kun­de an da­bei und erst recht, als Bel­le im ko­rall­far­be­nen Glit­zer­bo­dy zu Ash­nik­kos Slum­ber Par­ty per­formt. Gleich im An­schluss er­klärt das FLIN­TA*-Kol­lek­tiv hin­ter dem Fes­ti­val sein Ziel: Man wol­le ein Stör­mo­ment im Sys­tem sein und Se­xua­li­tät und Sinn­lich­keit jen­seits gän­gi­ger Nor­men sicht­bar ma­chen – ein An­spruch, den das Pro­gramm an die­sem Wo­chen­en­de kon­se­quent ein­löst. 

Ani­ma­ti­on und Boss­fight

Wäh­rend es im Pa­lace mit ei­nem Talk über ero­ti­sche Ro­ma­ne, Dark Ro­man­ces und Ro­man­t­a­sy wei­ter­geht, star­tet in der Gra­ben­hal­le der ers­te Kurz­film­block, «En­ter Glitch Mo­de». Be­vor die sechs Fil­me be­gin­nen, weist die Mo­de­ra­ti­on auf ex­pli­zi­te In­hal­te hin und be­tont, dass man den Saal je­der­zeit ver­las­sen kön­ne. 

Die sechs fol­gen­den Fil­me sind äs­the­tisch und in­halt­lich sehr un­ter­schied­lich. Zwei Ani­ma­ti­ons­fil­me ver­han­deln Scham und das Pa­tri­ar­chat. In Crus­hed von El­la Roc­ca aus der Schweiz geht es ums Un­glück­lich-ver­liebt-Sein, wo­bei der Screen­li­fe-Film die Er­zäh­lung mit Me­mes oder dem de­mons­tra­ti­ven Zer­drü­cken von Ob­jek­ten il­lus­triert. Die bel­gi­sche Pro­duk­ti­on Funghi Boost von der Ban­de Ja­mes Bond ar­bei­tet dann mit ex­pli­zi­ten Sze­nen und Ele­men­ten aus Vi­deo­spie­len: Es gibt ei­ne Sam­mel­auf­ga­be und na­tür­lich ei­nen fi­na­len Boss­fight.

Im Kurzfilm Cottage Cheese gehts um Juckreiz und Scham (Bild: Angelina Wegmann)

Im Kurzfilm Cottage Cheese gehts um Juckreiz und Scham (Bild: Angelina Wegmann)

In Lau­ra Ja­na Lut­erbachs my love it’s time to re­con­nect ver­bin­det sich dann Sinn­lich­keit mit Hu­mor. Der öko-fe­mi­nis­ti­sche Film über Freund­schaft, In­ti­mi­tät und Na­tur be­glei­tet fast schon do­ku­men­ta­risch vier Freun­din­nen auf ei­ner Alp beim «re­con­nec­ten». Die häu­fi­ge Nackt­heit der Frau­en er­zeugt mit­un­ter ein voy­eu­ris­ti­sches Ge­fühl. Die­ses wird aber im­mer wie­der mit spie­le­ri­schen Brü­chen auf­ge­löst, et­wa ei­ner gel­ben Lö­wen­zahn­blü­te, die zwi­schen Po­ba­cken her­vor­lugt.

In der Gra­ben­hal­le gibt es der­weil den Do­ku­men­tar­film The Kin­ky Life of Tua zu se­hen, wäh­rend im Pa­lace New Kyd und Shuyue Miao Zhao, ge­hüllt in blau­es Licht, ei­nen mu­si­ka­lisch un­ter­leg­ten Aus­drucks­tanz per­form­ten. Und be­vor der Frei­tag zu Am­bi­ent-Sound aus­klingt, tritt noch De­li­vry­girl auf. Die Künst­le­rin macht ih­rem Na­men al­le Eh­re: Sie lie­fert ei­ne be­ein­dru­cken­de Po­le-Dance-Per­for­mance mit sinn­li­cher Akro­ba­tik und Feu­er­ele­men­ten. Das Pu­bli­kum be­dankt sich mit ei­nem lan­gen Ap­plaus.

Kein Drei-Schrit­te-Plan

Am Sams­tag geht es wei­ter mit dem um­fas­sen­den Pro­gramm. Am frü­hen Abend gibt es «Re­al Talk»: Das Trio Luscht und Lu­une, be­stehend aus zwei Sexolog:in­nen und ei­ner Psy­cho­lo­gin, lädt im Pa­lace zum Ge­spräch über «fe­mi­nis­ti­sches Fi­cken» ein. Den pro­vo­kan­ten Ti­tel re­flek­tiert die Run­de gleich zu Be­ginn. Reis­se­risch? Durch­aus. Aber eben auch pro­duk­tiv, weil er spe­zi­fi­sche Nor­men sicht­bar macht. Die Poin­ten sit­zen, das Pu­bli­kum lacht viel. Wer aber ei­nen Drei-Schrit­te-Plan zur Um­set­zung ei­ner fe­mi­nis­ti­schen Se­xua­li­tät er­war­tet, wird ent­täuscht. Statt­des­sen gibts die kla­re Bot­schaft: Se­xua­li­tät ist in­di­vi­du­ell – und braucht vor al­lem im­mer Kon­sens.

Das Trio Luscht und Luune (Bild: pd/Angelina Wegmann)

Das Trio Luscht und Luune (Bild: pd/Angelina Wegmann)

Kon­sens gibts dann auch im Kurz­film­block «Smash your norms» in der Gra­ben­hal­le. Den sechs Kurz­fil­men vor­an­ge­stellt ist dies­mal nicht nur ein Hin­weis auf ex­pli­zi­te In­hal­te, son­dern auch auf Blut, Na­deln und Sprit­zen. 

Auf dem Pro­gramm steht un­ter an­de­rem die Schwei­zer Pro­duk­ti­on Hu­man Cock­tail von Ja­de Escri­vá. Dar­in geht es um Kit­ten­play, den Ein­satz von Na­deln und ver­schie­de­ne Kör­per­flüs­sig­kei­ten. Die fort­wäh­ren­de Ein­ho­lung von Kon­sens ist hier Teil der In­sze­nie­rung. Und was auf­fällt: Im Film wird viel mit­ein­an­der ge­lacht. In der an­schlies­sen­den Ge­sprächs­run­de dar­auf an­ge­spro­chen, er­klä­ren zwei der Dar­stel­ler:in­nen, dass Se­xua­li­tät, egal wo, manch­mal auch et­was Um­ständ­li­ches sein kön­ne. Hu­mor ent­las­te im Um­gang mit sol­chen Si­tua­tio­nen und hel­fe, sich mit­ein­an­der zu ver­bin­den.

Wäh­rend der Film­block «Smash your norms» noch läuft, per­for­men im Pa­lace Lu­si­ja Ber­lin und Cla­ra Gil. Dann star­tet für al­le Nacht­eu­len die «plea­su­re-po­si­ti­ve Par­ty mit Dance­f­lo­or, glit­chi­ger De­ko, Er­wach­se­nen-Spiel­wie­se und Per­for­man­ces». 

Kon­sens, Kon­sens, Kon­sens

Vie­le der ge­zeig­ten Fil­me las­sen sich wohl am ehes­ten im Gen­re des Post­porn ver­or­ten – al­so mit mehr oder we­ni­ger ex­pli­zi­ten se­xu­el­len In­hal­ten, die ver­schie­de­ne For­men von In­ti­mi­tät sicht­bar ma­chen. Ty­pisch sind da­bei ei­ne kunst­vol­le Bild­spra­che so­wie ein Sto­rytel­ling, das nicht ge­rad­li­nig zum Or­gas­mus führt. Oft ent­hal­ten sie zu­dem hu­mo­ris­ti­sche Ele­men­te und ei­ne be­wuss­te Dar­stel­lung von Kon­sens. Und Kon­sens, das wird am Glitch-Fes­ti­val deut­lich, ist ein wich­ti­ger Be­stand­teil der Fes­ti­val­kul­tur.

Wäh­rend des Fes­ti­vals ist ein Awa­re­ness-Team prä­sent, auf das mehr­fach auf­merk­sam ge­macht wird. Bei den bei­den Film­blö­cken, die Sai­ten be­sucht hat, gibt es je­weils ei­ne so­ge­nann­te Con­tent No­te so­wie ei­ne an­schlies­sen­de Ge­sprächs­run­de. Die Con­tent No­tes las­sen dem Pu­bli­kum die Wahl, sich auf die In­hal­te ein­zu­las­sen, und zei­gen, dass Kon­sens eben auch beim Zu­schau­en zählt. Das An­ge­bot, den Saal zu ver­las­sen, nut­zen ver­ein­zel­te Per­so­nen, der Gross­teil des Pu­bli­kums scheint hin­ge­gen sehr an­ge­tan zu sein. In den Ge­sprächs­run­den mit Film­schaf­fen­den gibt es Hin­ter­grund­in­fos zu den Pro­duk­tio­nen, al­ler­dings kommt ei­ne ver­tie­fen­de Kon­tex­tua­li­sie­rung der Fil­me et­was zu kurz.

Denn ge­ra­de wenn es um Por­no­gra­fi­sches ge­he, feh­le in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung oft ei­ne sach­li­che Ein­ord­nung, er­klär­te die eta­blier­te Por­no­wis­sen­schaft­le­rin Ma­di­ta Oeming in ei­nem In­ter­view mit der «Frank­fur­ter Rund­schau». Wäh­rend man bei ei­nem Ac­tion­film ganz selbst­ver­ständ­lich da­von aus­ge­he, dass al­le Sze­nen ab­ge­spro­chen und in­sze­niert sei­en, wer­de in der Por­no­gra­fie schnell ei­ne Grenz­über­schrei­tung ver­mu­tet.

Mit dem Auf­grei­fen die­ser De­bat­te am Fes­ti­val hät­te man viel­leicht ein Stück weit den Weg ge­eb­net für ei­ne of­fe­ne Dis­kus­si­on über die­ses The­ma, das noch im­mer stark skan­da­li­siert und mo­ra­lisch auf­ge­la­den wird. Aber: Das Glitch-Fes­ti­val ist kei­ne päd­ago­gi­sche Ver­an­stal­tung, son­dern ver­steht sich eben als künst­le­ri­scher Stör­mo­ment. 

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
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Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

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Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

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Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

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Jock Kobels zweiter Fall

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