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Eintauchen in eine mysteriöse Welt

Cruise Ship Misery haben ein faszinierendes, aber auch verstörendes Album geschaffen. Brutto Inland Netto Super Clean animiert richtiggehend dazu, sich intensiv mit ihm zu beschäftigen – textlich wie musikalisch. Und sich darin zu verlieben.
Von  David Gadze , 
Cruise Ship Misery sind neuerdings ein Trio: Sarah Elena Müller, Johannes Werner und Milena Krstić (von links). (Bild: David Fürst)

Faszinierend, facettenreich, fesselnd – und verstörend. Das neue Album des Spoken-Pop-Duos Cruise Ship Misery ist eine Herausforderung. Das fängt schon beim Titel an: Brutto Inland Netto Super Clean. Brutto was? Und es geht bei den oftmals kryptischen oder zumindest mehrdeutigen Songtexten weiter: «Ds isch mis Läbe / ds isch mi Job / fahret vrbi / löht mi lasii / (…) / wenn nötig häufe / wenn nötig häreluege / u wenn müglech / mit Charte zahle», heisst es beispielsweise in Brutto, so etwas wie der Schlüsselsong des Albums. Typisch helvetische Gepflogenheiten, möglichst nicht auffallen, für ein reines Gewissen anderen ein bisschen helfen, aber nur wenns wirklich nötig ist. Die Texte handeln von Gesellschaftskritik und Randfiguren, lassen aber viel Raum für Interpretationen.

 

Natürlich, man kann das Werk einfach oberflächlich hören und sich um solche Fragen foutieren. Doch erst, wenn man richtig darin eintaucht, eröffnet sich einem diese mysteriöse Welt aus Worten, Klängen und Gefühlen. Brutto Inland Netto Super Clean dauert zwar nur knapp 26 Minuten. Das Album ist jedoch sehr dicht. Und es gibt unglaublich viel zu entdecken. Man kann sich darin leicht verlieren. Und verlieben.

Vielschichtiger Spoken-Pop

Im Vergleich zum 2019 veröffentlichten Debüt Urteil bringen Schriftstellerin und Multimediakünstlerin Sarah Elena Müller, die in Amden aufgewachsen ist und via Zürich vor zehn Jahren nach Bern kam, und die Berner Künstlerin Milena Krstić ihren selbsternannten Spoken Pop – eine Mischung aus retrofuturistischem Elektropop und Spoken Word – noch besser auf den Punkt. Bei jedem Hördurchgang entdeckt man neue Details.

Brutto Inland Netto Super Clean überzeugt vor allem durch seine Vielschichtigkeit. Die Songs reichen von sanftem Lounge-Pop (Dini Meinig, Porca Miseria) bis zu harten, maschinell pulsierenden, technoiden Elektrosounds (Brutto, Dr letscht Ort).

Ein Gesamtkunstwerk mit Kurzgeschichten und Bildern

Der Zauber beinhaltet jedoch mehr als nur die musikalische Vielfalt: Das Album ist als Gesamtkunstwerk konzipiert. Sarah Elena Müller hat zu jedem der sieben Songs – oder eher Kapitel – eine Kurzgeschichte verfasst, die das jeweilige Thema aus anderer Perspektive aufgreift und so gewissermassen ergänzt. Die Geschichten finden sich, zusammen mit den Songtexten, im Begleitbuch zum Album (oder ist das Album, das man beim Kauf des Buchs als Downloadcode bekommt, bloss die musikalische Begleitung zum Buch?). Illustrationen von Luca Scherardi runden die Geschichten ab. Seine Bilder verstärken die ohnehin schon fiebrig-hypnotische Grundstimmung der Stücke, aber auch deren Bildhaftigkeit.

Müller und Krstić bauen von Song zu Song, aber auch innerhalb der Stücke eine grosse Spannung auf. Dies hat zum einen mit der Musik zu tun, in der ständig etwas passiert, ohne nervig zu sein. Zum anderen hängt es mit Krstić’ Stimme zusammen: Sie wechselt munter von Gesang zu Spoken Word und zurück, sie variiert Tempo, Sprachmelodie, Lautstärke, Stimmfarbe. Nur schon ihr zuzuhören, ist ein Erlebnis. Beispielsweise in Bestätigung, aufgebaut auf einer sanften Pianomelodie, unterlegt mit wummernden Bässen und getragen vom eindringlichen Gesang.

 

Das selbstproduzierte Album war bereits seit Herbst 2021 fertig. Den Release haben Cruise Ship Misery jedoch wegen verschiedener anderer Projekte der beiden Künstlerinnen mehrmals verschoben: Sarah Elena Müller veröffentlichte 2021 Culturestress – Endziit isch immer scho inbegriffe, eine Sammlung ihrer Kolumnen aus dem «Bund», und 2023 ihren Debütroman Bild ohne Mädchen, der für den Schweizer Buchpreis nominiert war; von Milena Krstić alias Milena Patagônia erschien im vergangenen Jahr der Film Kapi padaju po betonu (Tropfen fallen auf Beton), eine fiktionale Doku, die während ihres Atelieraufenthalts in Belgrad entstanden ist und in der sie sich mit ihrer serbischen Herkunft auseinandersetzt, sowie die dazugehörige EP Kapi.

Hochdeutsche Gedichte in berndeutsche Songtexte übersetzen

Auch auf Album Nummer 2 haben Cruise Ship Misery ihre Arbeitsweise beibehalten: Als Ghostwriterin gibt Sarah Elena Müller teils fertige, teils unfertige, auf hochdeutsch verfasste Gedichte an Milena Krstić. Diese übersetzt und singt sie anschliessend auf Berndeutsch, während Müller die Musik und die Beats dazu liefert. Die deutsche Syntax und der deutsche Sprachrhythmus bleiben dabei in einzelnen Passagen erkennbar, ebenso Teutonismen. Es sind bewusst platzierte kleine Irritationen, manchmal kaum wahrnehmbar, aber effektiv.

Cruise Ship Misery: Brutto Inland Netto Super Clean, erschienen am 16. Februar als Buch mit Download, Kurztexten und Illustrationen bei Der gesunde Menschenversand sowie auf den gängigen Onlineplattformen.

Live: 19. April, Bogen F Zürich;
3. Mai, Alte Fabrik Rapperswil.

Über die Inhalte tauschen sich die beiden Musikerinnen kaum aus: «Milena soll die Texte so interpretieren, wie sie sie versteht und wie es für sie stimmt. Ich will ihr keine Regieanweisungen geben, sonst wird sie zur Schauspielerin. Mir gefällt es, wenn sie die Texte so frei präsentiert als wäre sie an einer Gala», sagt Sarah Elena Müller.

Dennoch kann die Transformation vom hochdeutschen Gedicht zum schweizerdeutschen Songtext durchaus ihre Tücken haben. Etwa dann, wenn Krstić hinter einzelnen Ausdrücken oder ganzen Passagen nicht stehen kann – oder wenn sie diese so abändert, dass Müller ihr Veto einlegt, weil der Text seinen Sinn verliert. Dann braucht es eine gemeinsame Lösung. Krstić von Anfang an das Texten zu überlassen, ist für Müller keine Option: «Diese gesplittete Autorinnenschaft eröffnet mehr Verschiebungen und Irritationen, als wenn die Deutungsgebiete klar abgegrenzt sind.»

Inzwischen als Trio unterwegs

Mittlerweile sind Cruise Ship Misery zu einem Trio angewachsen. Schlagzeuger Johannes Werner ist zur Gruppe gestossen, die Beat-Maschine wird vorerst eingemottet. Er begleitet Sarah Elena Müller und Milena Krstić künftig bei Konzerten. Dadurch bekommen die Stücke eine neue klangliche Ebene. Die Zusammenarbeit könnte sogar über gemeinsame Auftritte hinausgehen. «Die neuen Songs, die wir jetzt mit ihm schreiben, sind viel organischer und lösen sich vom Maschinellen», sagt Sarah Elena Müller. Man darf also gespannt sein, in welche Welt einen Cruise Ship Misery mit ihrem nächsten Album entführen werden.

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