Was für ein prächtiger Elch, der da am Waldrand liegt und wiederkäut. Als er uns beäugt und aufsteht, wird einem etwas bang. Bald merkt man, dass der Riese nicht auf die Kamera und also uns Zuschauer zugeht, sondern auf einen Nebenbuhler. Am Ende des Films werden die beiden mit ihren mächtigen Geweihen aufeinanderprallen. Wir haben in der Zwischenzeit andere Tiere beobachtet: eine Schnecke, die in einer erstaunlichen Grossaufnahme ihre Fühler ausstreckt; Raben, Bisons oder Lachse, die in der Gischt eines Wasserfalls fliegen.
Ein Tierfilm? Nicht wirklich, trotz wunderbarer Tieraufnahmen, einmal sogar mit einer Rabenflugkamera. Denn wir Menschen sind stets mitgemeint; die Zweibeiner, «human animals», gehören wie die «anderen Tiere» selbstverständlich zur Welt. Eigentlich, aber immer weniger. Weil immer mehr Technik zwischen uns Menschen und die anderen Tiere gekommen ist. Und weil wir mit unserer Sprache zwar vieles benennen und uns untereinander verständigen können, aber die anderen Sinne zur Wahrnehmung der Welt verkümmern liessen.
Die anderen Tiere hingegen sind mit ihrer sinnlichen Umgebung ständig und ungebrochen im Kontakt – und erst noch mit ihrem ganzen Körper. Das lehrt der amerikanische Anthropologe und Philosoph David Abram, der mit seinen Vorträgen und Büchern die «mehr-als-menschliche Welt» vorstellt und das ökologische (und politische) Bewusstsein schärfen hilft.
Der Hauch einer Ahnung
Einer ähnlichen Wahrnehmungsschule und der Suche nach einem anderen, umfassenden Bewusstsein verbunden ist Peter Mettler, der kanadisch-schweizerische Filmemacher, der schon im Atelierhaus der Schlesinger-Stiftung im Birli in Wald AR gearbeitet und sich seit 2016 dort eingemietet hat, sozusagen als Ostschweizer Zweitwohnsitz. In seinen filmischen Entdeckungsreisen wie Gambling, Gods and LSD oder End Of Time will er «das Unsichtbare sichtbar machen» (gemäss einem Buchtitel von 1995). Nun liess sich Mettler von Abrams Werk, namentlich dem jüngsten, noch nicht auf Deutsch übersetzten Buch Becoming Animal zu einem Filmessay zum Verhältnis von Tier und Mensch inspirieren.
Zusammen mit der schottischen Filmemacherin Emma Davie (I am Breathing) begleitet er den Sinnes- und Umweltforscher Abram in den Grand Teton National Park in Wyoming; in gebirgiger Landschaft, auf üppigen Wiesen oder an heissen Quellen nähern sie sich dem unergründlichen Kommunikatonsnetzwerk von Tieren, Pflanzen, Steinen und anderen Elementen der Biosphäre, von deren Zusammenwirken wir Menschen nur den Hauch einer Ahnung haben. In der Nacht durchdringt das Röhren der Elche die Tiefen der Wälder, ein unglaublicher Gesang fast wie jener der Wale, der himmelwärts hoch ausschlägt und dann wieder grollend die Erde grüsst, wie David Abram lautmalerisch erklärt – als wäre der Elchgesang die Grundlage unseres gesamten Musikschaffens.
Premiere in Anwesenheit des Regisseurs: 27. Oktober, 19 Uhr, Kinok St.Gallen, weitere Vorstellungen im November.
kinok.ch
Die animistische Sinneswahrnehmung einer «Allbeseeltheit der Natur» ist – paradox genug – dank moderner Spitzentechnik möglich. Aber Achtung, «please check surrounding for safety»: Die Warnung des Auto-Computers gilt nicht dem Bär, den Mettlers Regiekollegin Emma Davie zu hören glaubt, sondern nur der Distanz zum nächsten Baum. Immer wieder bricht das Filmteam das scheinbar unmittelbare Naturerlebnis, um die Technik bewusst zu machen oder ironisch zu kommentieren. Etwa bei einer Tankstelle, die ihre Sparangebote auf einer bewegten Leuchttafel mit rennenden Büffeln anpreist – ein typischer, irrwitziger Mettler-Moment, sagenhafte Wechselwirkungen von Natur und Technik; man mag sich an den Schuss in die Motelwand erinnern, der in Picture Of Light eine Schneewehe im Zimmer entstehen lässt.
Die meisten Touristen, die im Naturpark von Wyoming die Natur bestaunen, tun dies aus ihrem Autofenster, safari-mässig, auch diese «anderen Tiere» bevölkern den Film. Und geben Anlass zu Fragen, etwa nach dem Grund für unseren manischen Trieb, alles festzuhalten in einer Zeit zügelloser Verschwendung. «Könnte es sein, dass sich künftige Zweibeiner wundern, was ihre Vorgänger mit der Welt anstellten?»
Hassliebe zur Technik
Am kleinen, aber stets sehr feinen Bildrausch-Festival in Basel, wo Becoming Animal am ersten Juni-Wochenende seine Schweizer Premiere feierte, war es Jean Perret, der langjährige Direktor des Dokumentar lmfestivals Visions du reel in Nyon, der die Fragen stellte. Und Mettler und Davie für ihre «fantastische Naivität» dankte. «Wir sind nicht viel anders als die Touristen», meinten die Filmemacher und bekannten ihre «Hassliebe zur Technik», die diesen filmischen «Tanz mit der Modernität» ermöglicht.
Das Schauerlebnis verstärkt, wie gewohnt bei Mettler, eine grandiose Tonspur mit eigenen elektronischen Sounds, aber auch Choralgesängen und Arvo Pärt. Sie dient dem Eintauchen, nicht um das Bewusstsein zu verlieren, sondern um es zu erweitern. Ein Wermutstropfen ist vielleicht die Länge – nur 78 Minuten, man würde gern eine halbe oder ganze Stunde länger hinschauen. Aber sie «konnten nicht anders», wie Mettler schmunzelt: «Wie auch immer wir den Film schnitten, am Ende kamen immer 76 bis 78 Minuten heraus, seltsam genug.» Die Verlängerung passiert im Kopf des Zuschauers.
Dieser Beitrag erscheint auch im Novemberheft von Saiten.
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