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Erinnerung an einen möglichen See

Die in der Schweiz aufgewachsene argentinische Regisseurin Milagros Mumenthaler erzählt in ihrem zweiten Spielfilm «La idea de un lago» die Geschichte der Fotografin Inés, die ein Fotobuch über ihre Kindheit macht. Ein Film über ein zerrissenes Argentinien und zerrissene Familien.
Von  Frédéric Zwicker
Bilder: Filmstills

Ein einziges Foto gibt es von Inés und ihrem Vater. Als kleines Mädchen steht sie da an der Hand ihres grossen, schlanken Vaters, der als «Peronista», als Anhänger des 1974 verstorbenen Juan Perón, im Jahr 1977 getötet wurde. Auf seine Spur begibt sie sich mit ihrem Buch, jetzt, wo sie selber schwanger und nicht sicher ist, ob sie mit dem Vater ihres Kindes zusammenleben will. Inés‘ Biographie ist typisch für viele junge Argentinierinnen.

Die Militärjunta, die sich 1976 in einem von Gewalt und Korruption geprägten Land an die Macht putschte, setzte in der Folge zu einer Säuberungsaktion an, die mit anderen rechtsgerichteten Regierungen in den Nachbarländern koordiniert war und als «dreckiger Krieg» in die Geschichte einging.

Kurz nach der Machtübernahme kündigte General Luciano Benjamín Menéndez an: «Wir werden 50’000 Menschen töten müssen. 25’000 Subversive, 20’000 Sympathisanten, und wir werden 5’000 Fehler machen.» Die Opfer des dreckigen Krieges wurden meist als verschwunden gemeldet und deshalb später «Desaparecidos» genannt.

Schwimmen mit dem Renault 4

Ein Desaparecido ist auch Inés‘ Filmvater. Einer, der immer weiter verschwindet, der aus der Erinnerung seiner Hinterbliebenen erlischt. Die Fotografie von Inés mit ihrem Vater wurde an einem See im Süden Argentiniens aufgenommen, wo sie mit ihrer Familie jahrelang den Sommer verbrachte. Dorthin kehrt der Film immer wieder zurück.

Einmal schwimmt die kleine Inés im See. Sie plantscht und spritzt und lacht. In ihre Erinnerung hat sie sich eine Vaterfigur hinein imaginiert. Er schwimmt mit ihr in Form eines grasgrünen Renault 4, als jenes Auto also, das die Familie früher von der Stadt zum See transportiert hat und das Inés klarer sieht als die fleischliche Vaterfigur. Diese verschwimmt in der Gegenwart am Bildschirm, als Inés den Vater auf der Fotografie vergrössert, bis nur noch eine verpixelte Augenpartie zu sehen ist.

Und er droht endgültig zu verschwinden. Denn über einen DNA-Test, für den Inés und ihr Bruder einen Tropen Blut vergiessen müssen, kann der Vater möglicherweise als eine der Leichen in gefundenen Massengräbern identifiziert werden. Die Tränen der Mutter zeigen, dass sie noch immer von einem Wiedersehen träumt. Ihre Tochter sagte ihr schon als Kind: «Ich weiss nicht, warum du immer noch wartest.» Mutter und Tochter gehören zwei argentinischen Generationen an, die durch politische Wirren weit auseinandergedrängt wurden.

Viel Raum für wortloses Schauspiel

La idea de un lago ist inspiriert vom Foto- und Gedichtbuch Pozo de aire der Argentinierin Guadalupe Goana, deren Vater ebenfalls von der Militärdiktatur beseitigt wurde. Sowohl das Poetische wie auch die zentrale Bedeutung von Bildern prägen La idea de un lago.

La idea de un lago: ab 13. Juli, Kinok St.Gallen
kinok.ch

Obschon die Zeitebenen sich unaufhörlich verschieben, bleibt der Film unaufgeregt und lässt viel Raum für wortloses Schauspiel und das Wirken kunstvoller und berührender Bilder. Vieles dreht sich um Inés (Carla Crespo) und ihre Mutter Tessa (Rosario Bléfari). Beides sind grossartig geschriebene und besetzte Rollen. Die ganze Zerrissenheit, der Schmerz, die Liebe und die Gewalt werden zwischen den Bildern und Dialogen erfahrbar, sie zeigen sich in einem tanzenden Taschenlampenreigen im dunklen Wald, als Inés und ihr Bruder mit ihren Cousins Verstecken spielen, in einem zu Boden krachenden Ast und in Augen und Zügen von Carla Crespo und Rosario Bléfari.

La idea de un lago zeigt eine ruhige Oberfläche, aber darunter spürt man eine gewaltige Anspannung. Zwischen den berührenden Bildern und starken Frauen, in diesem Argentinien der 70er- und 80er-Jahre und der Gegenwart, ist ein permanentes, bedrohliches Summen wie von Starkstromleitungen bei hoher Luftfeuchtigkeit zu hören.

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

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Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

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Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
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Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

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Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

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In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
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«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
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Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
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Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
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Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
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Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi