«Wir wollen keine Militaria zeigen, sondern wie die Schweiz von diesem Krieg betroffen worden ist, obwohl sie nicht direkt daran teilgenommen hat», sagt Roman Rossfeld vom Verein «Die Schweiz im Ersten Weltkrieg» bei der Ausstellungspräsentation im Historischen Museum. Zwei regional ausgerichtete Ausstellungsteile, die sich auf die Ostschweiz und den Kanton St.Gallen beziehen, umrahmen eine Kernausstellung, die bereits in Zürich und Basel gezeigt worden ist.
Vereidigungszeremonie 1914 auf der St.Galler Kreuzbleiche. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde)
Am Ende die «nationale Zerrüttung»
Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Völkerschlacht rund um das Land herum sind die Schwerpunkte der Ausstellung. In der Schweizer Bevölkerung herrschten je nach Sprachzugehörigkeit unterschiedliche Sympathien für die deutschen und französischen Kriegsteilnehmer. Das Land war einer Zerreissprobe ausgesetzt.
Die Abhängigkeit vom Import und Export im Warenverkehr wurde durch den Krieg zur Existenzbedrohung. Vor allem Nahrungsmittel, die zu rund 50 Prozent eingeführt werden mussten, verknappten sich dramatisch. Auf dem Titelbild: der Klosterhof St.Gallen als Kartoffelacker in einer Aufnahme von Otto Rietmann aus dem Jahr 1918. In der Folge entstanden soziale Spannungen, die 1918 zum Landesstreik führten. Auf der anderen Seite hatte der Krieg auch wirtschaftliche Vorteile, zumindest für einen Teil der schweizerischen Industrie, die durch den Export von Rüstungsgütern satte Gewinne einstrich.
Am Anfang habe sich das Land über die Geistige Landesverteidigung noch zusammenraufen können, am Schluss sei es aber völlig zerrüttet gewesen, sagt Rossfeld. Nur mit neuen Lösungsansätzen hätten die entstandenen Konflikte schliesslich bewältigt werden können. Als positive Auswirkungen des Ersten Weltkrieges nennt Rossfeld die Jahrzehnte später eingeführte AHV, die bereits beim Landesstreik gefordert worden sei. Weiter habe die Schweiz durch die Erfahrung mit der Lebensmittelverknappung nachträglich Massnahmen getroffen, welche die Landesversorgung sicherten und noch heute Gültigkeit hätten.
Nachtwache im Grippespital, Kaserne St.Gallen 1918 (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde)
Grenzwächter anstatt Soldaten
Die beiden regional ausgerichteten Teile der Ausstellung zeigen unter anderem, wie stark die Schweiz den kriegsbeteiligten Mächten Deutschland, Österreich und Ungarn vertraute und wie Kunstmaler ihre Aktivdienstzeit ins Bild setzten.
Beispielsweise sei die St.Galler Grenze zu Österreich zwischen 1915 und 1917 nur von Grenzwächtern und keinen Soldaten besetzt gewesen,erklärt Kuratorin Monika Mähr. Erst als Schmuggel und Spionage überhand genommen hätten, sei Militär zur Grenzsicherung aufgezogen worden. Ein in der Ausstellung gezeigtes Gemälde des St.Gallers Augustin Meinrad Bächtiger stellt eine verschneite Gebirgswelt am Umbrailpass dar. Es suggeriere Wintersportidylle – wenn da nicht der einsame Wachsoldat im Vordergrund stünde und im Bildhintergrund Stacheldrahtverhaue zu sehen wären, sagt Kuratorin Christine Odermatt. Am Umbrail hatten die Aktivdienstsoldaten die ganze Brutalität des Krieges aus nächster Nähe beobachten können, weil auf der anderen Seite der Grenze eine erbarmungslos geführte Hochgebirgsschlacht tobte, bei der auch Giftgas eingesetzt wurde.
Die geschickt mit audiovisuellen Mitteln aufgebaute Ausstellung ist auf dem neusten Stand der Forschung und hat sich aus einer riesigen Menge von Material entwickelt, auf das zurückgegriffen werden konnte. Das Militär schimmert immer wieder durch mit Fotos, Filmen, Waffen, Uniformen und persönlichen Ausrüstungsgegenständen, dominiert aber nie, weil das zivile Leben aus dieser Zeit ebenso stark vertreten ist, beispielsweise mit den Frauenverbänden, von denen einige in der Not entstanden sind und die im Sozialen und in der Arbeitswelt einen grossen Teil der nationalen Ausnahmesituation bewältigten. Es konnte aber auch ein grosser Fundus an persönlichen Aufzeichnungen und biografischen Angaben ausgewertet werden.
Stickereikrise als Kriegsfolge
Der St.Galler Aspekt des Ersten Weltkrieges wird eindrücklich an der durch die damaligen Ereignisse mitverursachten Stickereikrise aufgezeigt. Es sei ganz bewusst mit vertiefenden Elementen gearbeitet worden, um den Krieg verständlicher zu machen, sagt Museumsleiter Daniel Studer. Obwohl wegen der zeitlichen Distanz nicht auf noch lebende Zeitzeugen zurückgegriffen werden konnte, vermittelt die Ausstellung grosse Authentizität.
«14/18 – Die Schweiz und der Grosse Krieg»: bis 28. Februar 2016 Vernissage: Freitag, 8. Mai, 18.30 Uhr, Familienführung: Sonntag, 10. Mai, 11 Uhr Weitere Infos: hvmsg.ch
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