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Es gibt kein schlechtes Wetter

Die Kinder entwickeln draussen ihre Wahrnehmung wie nirgends drinnen. Mag der Wald auch noch so stadtnah und domestiziert sein, er bleibt ein komplexer Erfahrungsort. Und manchmal ist er auch anstrengend. Der Bericht einer Waldmutter. von Kristin Schmidt
Von  Gastbeitrag
Werk eines Waldkindes. (Bild: Waldkinder St.Gallen)

Vogelmorgen bei den Waldkindern St.Gallen: Das heisst einmal im Jahr im Frühsommer den Vögeln beim Erwachen zuzuhören, die Morgendämmerung unter freiem Himmel zu erleben, sich gemeinsam mit den eignen Kindern im dunklen Wald in Schlafsäcke und unter Decken zu kuscheln und auf den ersten Laut zu warten.

Das heisst aber auch, die Kinder um vier Uhr morgens zu wecken, um pünktlich Viertel vor fünf am Waldrandtreff im Notkersegg erscheinen zu können, das heisst vorher Sack und Pack parat gemacht und die müden Kinder eingemummelt zu haben gegen die Kälte. Das heisst für die meisten auch, das Auto nehmen zu müssen, denn nur wenige Waldkinder wohnen in Velo- oder Fussdistanz zum Waldrand – das erste Trogener Bähnli fährt erst Viertel vor sechs.

Aber bereits der Weg durch den stillen, noch nächtlichen Wald und die aufgekratzten, zugleich um Ruhe bemühten Kinder entschädigen für das frühe Aufstehen. Die raschelnde Suche nach einem Platz für Plache und Schlafsack, das gemeinsame Lager unter den himmelhohen Buchen sorgen ebenso für nachhaltige Familienerlebnisse wie die leichte Verschlafenheit von Gross und Klein, das Flüstern und natürlich das Lauschen.

Zu hören ist … die Autobahn. Kurz nach Fünf. Die ersten Pendler und Pendlerinnen verlassen die Stadt in Richtung Osten, LKWs sind unterwegs. Die Stadt rauscht schon früh am Morgen lauter als der Wald. Sie bringt sich permanent in Erinnerung.

Wald als Stadtgürtel

Der Wald im Notkersegg ist kein unberührter Naturraum. Er ist ein Stück des grünen Stadtgürtels. Er ist von Fahr- und Spazierwegen durchschnitten. Er ist aufgeräumt und vielseitig genutzt. Eher sind Hunde zu sehen als Fuchs, Dachs oder Igel, eher Nordic-Walkerinnen als Greifvögel, eher Jogger als Rehe. So stammt auch der erste Vogellaut an jenem Maimorgen nicht von Amsel, Drossel, Fink oder Star, sondern von einer Krähe. Macht nichts.  Bald tschilpen und zwitschern die Singvögel aus allen Wipfeln. Die Autobahn ist vergessen, die Krähe auch. Das Fenster zur Natur ist wieder offen. Für die Waldkinder öffnet es sich beinahe täglich für einige Stunden.

Die meisten der Waldkinder leben in der Stadt, sie wachsen in gestalteten, mehr oder weniger funktionierenden Räumen auf. Aber sie lernen das Gegenteil kennen – und schätzen. In der Stadt folgt alles gesellschaftlichen Bedürfnissen, hier lenken Architektur und Infrastruktur das Verhalten der Individuen, hier erlaubt der gebaute Raum bestimmte Bewegungen, andere behindert er. Das setzt sich fort bis in den Innenraum. In Kindertagesstätten und Kindergärten stehen Stühlchen, Tischlein, kleine Bänke und Schemel bereit.

Zwar gibt es inzwischen drinnen auch Klettergerüste, Mattenlager und Miniaturzelte. Aber alles hat eine Bestimmung und eine feste Grösse. Die Räume und ihr Mobiliar sind definiert. Der Wald hingegen gibt den Kindern nichts vor, sondern lässt sich als Angebot lesen. Freilich ist er im Falle des Hasenwäldli und seiner Nachbarn ein längst domestiziertes Stück Natur, dennoch steht er in deutlichem Kontrast zur Lebensrealität in der Stadt.

Hier ist der Boden niemals eben. Jeder einzelne Baum ist mit seiner Rinde haptisch interessanter als die allermeisten Gebäudehüllen. Gerüche wechseln ebenso wie Geräusche. Und statt einer Decke überwölbt das Blätterdach das Geschehen.

Nie schlechtes Wetter

Im März geben die unbelaubten Äste den Blick in den Himmel frei. Von dort kommen weitere Eindrücke – je nach Wetter. In St. Gallen gibt es regelmässig Tage, an denen ist es drinnen vor allem deshalb so behaglich, weil es draussen umso ungemütlicher ist, Tage, an denen es aus Eimern schüttet, Tage mit nasser Kälte, mit Nebel oder Nieselregen. Aber was heisst schon ungemütlich?

Wenn die Gummistiefel dicht sind – das sollten sie unbedingt sein – und die wasserfeste Kleidung sitzt, kann nicht mehr viel schief gehen. Höchstens, dass der Gunten doch tiefer ist als angenommen, und das Nass in die Stiefel schwappt. Die Schafthöhe der Stiefel und trockene Füsse sind Waldkindern jedoch weit weniger wichtig als ein schönes Stück aufgeweichter  Boden. Da darf das Pfützenwasser auch knietief sein oder eine Matschrutsche hineinführen. Genau so sollten Kinder die Natur erleben.

Schwierig wird es erst,wenn sie vollständig schlammbedeckt auf dem Heimweg in Bus und Bähnli steigen. Schlechtes Wetter gibt es jedenfalls nie. Manchmal lohnt es sich eine ganze Woche lang kaum, die Regenkleider in die Waschmaschine zu stecken. Aber sie sind ja auch nicht dreckig, sondern höchstens voller Erde – Waldboden eben mit ein paar Lehmklumpen.

Erst nach zwei Wochen Dauerregen hat fast jedes Waldkind wieder Lust auf Sonne. Aber dann weiss es selbst, warum. Auch klirrender Frost ist kein Grund zum Drinnenbleiben.

In jenem Februar vor einigen Jahren, als zwei Wochen lang Temperaturen im zweistelligen Minusbereich herrschten,war die Erleichterung jedes Mal gross,wenn die Drei- und Vierjährigen mit warmen Händen aus dem Wald kamen. Den Zvieri hatten sie im Laufen gegessen, sie waren müde, aber nie quengelig, denn der Wald gibt die Energie zurück, die die Kälte nimmt.

Die Steckensammlung vor der Tür

Die Kinder entwickeln ein Gespür für ihre Umgebung. Sie erfahren, wie sich etwas anfühlt. Das fängt bei der Nässe an und hört bei der Temperatur nicht auf. Auch die Weite des Raumes gehört dazu. In der Grosszügigkeit desWaldes finden die dynamischen Kinder ebenso ausreichend Platz wie die stillen, denen es in der Kinderkrippe schon zu laut war.

Während die einen von Rufen begleitet jeden Hügel hinauf- und wieder hinunterjagen, finden die anderen zur gleichen Zeit ein ruhiges Fleckchen und richten ihre Aufmerksamkeit auf die kleinen Dinge.

Viele davon werden gerne mit nach Hause genommen: Moos in den Jackentaschen, getrocknete, zerbröselte Blätter in der Hose, Steine im Rucksack (viel zu schwere,wenn man an die Diskussionen um das Gewicht des Schultheks denkt) und natürlich Stecken.

Waldkinderfamilien besitzen innert kürzester Zeit eine ansehnliche Stocksammlung. Zwar sollten die Kinder ins Bähnli nur Stecken mitnehmen, die nicht grösser sind als sie selber, aber wenn doch jeder Stecken heiss und innig geliebt und für etwas ganz Bestimmtes gebraucht wird… So liegen sie denn irgendwann im Dutzend vor der Tür. Jede Postbotin kann vermutlich genau sagen, wo in St.Gallen die Waldkinder wohnen.

Im Wald brauchen die Kinder keine Sammelkarten, kein Spielzeug, hier gibt es Material genug und ist jedes Kind am richtigen Ort. Das verleiht Selbstvertrauen. Da können die Bäume noch so gross sein und der Nebel noch so dicht.

Neben elementaren Erlebnissen bietet der Alltag unter freiem Himmel eine permanente Wahrnehmungsschulung: Was umgibt uns? Welche Grösse hat es? Welche Materialität Welche Haptik? Tut es mir gut? Wie verändert es sich? Der grosse Wert dieser reichen, sinnlichen Eindrücke für die Kinder ist unbestritten, und er ist nachhaltig. Denn der Erfahrungsschatz aus dem Wald wird den Kindern erhalten bleiben, wenn sie sich dereinst mehrheitlich in gebauten Räumen bewegen. Er wird es ihnen ermöglichen, die Psychogeografie der Stadt bewusst wahrzunehmen und Stadträume vielleicht sogar mitzugestalten.

Rechnen mit Steinen

Der nächste Schritt nach dem Waldkindergarten oder der Waldbasisstufe führt fast alle Kinder in die Hausschule, die nicht so heisst, weil sie zuhause ist, sondern weil sie sich in einem Haus befindet und eben nicht im Wald. Die Waldkinder kommen mit einem gut geschnürten Rucksack in die öffentliche Schule, auch wenn es manche Grosseltern irritiert haben mag, als das Waldkind auf die häufigen Fragen, was es heute gemacht habe, jeweils erstaunt antwortete: «gespielt» – was denn sonst?

Zum Beispiel «Kronenladen»: Mädchen und Buben flechten aus Lärchenzweigen Kronen, schreiben Preise dazu, bauen eine Ladentheke, verhandeln und rechnen dasWechselgeld in Steinen aus. Fast ohne es zu bemerken haben sie gerechnet, geschrieben, gestaltet und ihre Sprachkompetenz geschult. Sie haben ihre Materialien selbst gewählt und miteinander gearbeitet, sie haben Handlungen mit Wissen verknüpft und praktisch angewendet und haben all dies aus eigenem Antrieb getan.

Was für ein Glück, dass es die Waldkinder gibt!

Wie schade, dass nicht die gesamte Primarstufe im Wald stattfindet.

Kristin Schmidt, 1971, ist Kunsthistorikerin und Mutter zweier Waldkinder im Alter von acht und zehn Jahren. Das eine davon ist bereits in der Hausschule, aber: einmal Waldkind, immer Waldkind.

Dieser Text erschien im Märzheft von Saiten.

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