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Etwas Hoffnung in düsteren Zeiten

Auf dem Debütalbum I Think I Love The World Again ihres neuen Liveband-Projekts La Lowman experimentiert Marina Niedermann mit verschiedenen Genres, bleibt ihrem bedächtigen Sound und den leicht angezerrten Gitarren aber treu. Der Lo-Fi-Pop aus der Ostschweiz braucht den internationalen Vergleich nicht zu scheuen.
Von  Roman Hertler
Mit ihrem Bandprojekt La Lowman tauft Marina Niedermann am 23. November das Debütalbum. (Bilder: pd)

Vorbei sind die Zeiten, als sich Marina Niedermann alleine mit ihrer Gitarre und der Loop-Station die Bühnen der Region erkämpfte. «Irgendwann ist auch genug, ich brauchte musikalisch einen frischen Start», meint die 32-jährige Musikerin aus Wil. Allein unterwegs zu sein, bringt zwar viele Freiheiten mit sich, aber es ist eben auch einsam. Manchmal habe es sich eher so angefühlt, als steige man in einen Kampfring als auf eine Bühne. «Aber gell, find emol ä Band», hat sie 2019 in einem Gespräch mit Saiten gesagt.

Nun hat es geklappt mit der eigenen Band. Vor einigen Jahren ist Niedermann von Wil in ein Tiny House in Affeltrangen gezogen. Mit ihrem Nachbarn, einem «Musik-Crack» und Pianisten, und wechselnden Gastmusiker:innen hat sie sich während der Pandemie öfters in dessen grosszügiges Probelokal zurückgezogen. Einmal die Woche spielten sie «just for fun» Fusion, Jazz, Funk, Latin. Stilistisches Neuland für Niedermann, die sonst eher in der Pop- und Rock-Ecke zu Hause ist. «Es hat mir musikalisch gutgetan, einfach einmal die Leadsheets durchzuackern und Akkordfolgen zu pauken», erklärt Niedermann.

Von Harvey bis Eilish

Diese Horizonterweiterung schlägt sich auch in der Musik von La Lowman, ihrem aktuellen Bandprojekt, nieder. Nicht nur, weil sie jetzt da und dort Synth-Sprengsel einbaut. Die Stücke auf dem Debütalbum I Think I Love The World Again, das am 22. November ausschliesslich digital erscheint, haben das von Niedermann gewohnte Singer/Songwriter-Terrain verlassen. Sie wagt fein austarierte Ausflüge in rootigere Gefilde, Soul und Funk. Intro- und Outro-Refrain des Stücks Hot Head kommen als gospliger Choral daher. Und mit Garbage hat es eine veritable Blues-Schnulze auf das Album geschafft – inklusive Maulorgelsolo am Schluss.

La Lowman: I Think I Love The World Again erscheint am 22. November auf allen gängigen Onlineplattformen. Plattentaufe: Kopfhörerkonzert, 23. November, Hotel Säntispark, Anmeldung via lalowman.com

Doch der warme, melancholische Grundsound, der schon Marina&Guitar auszeichnete, bestimmt auch die Richtung, die jetzt La Lowman einschlagen. Und mit den leicht angezerrten Gitarren bleibt auch der typische 90er-Alternative-Rock-Vibe erhalten. So ist das Album auch eine wohlige Mischung, die man irgendwo zwischen PJ Harvey und Billie Eilish ansiedeln könnte. Letztere wird von ihr ohnehin hochgeschätzt, als Mensch wie als Musikerin, wie Niedermann sagt. Billie Eilish habe ihr gezeigt, dass man nicht – wie in den TV-Castingshows – laut, pathetisch und mit übersteigertem Vibrato singen müsse, um als Künstlerin ernst genommen zu werden. Das habe sie ziemlich entspannt und sie auch zu den stilistischen Ausflügen in unbekanntes Gebiet ermutigt.

Das ist der Musik von La Lowman anzuhören. Da steckt viel Soul und Gesangskunst in Niedermanns Stimme, und ja, auch mit einigem Vibrato, aber gut dosiert und ohne in den Kitsch abzufallen. Das klingt cool, eigenständig und entspricht wohl auch ihrem Wunsch, den sie sich mit diesem Album erfüllt hat: ihre eigene Handschrift zu finden.

Auf I Think I Love The World Again hat Marina Niedermann alle Instrumente selber eingespielt. Abgesehen von den minimalistischen Drumparts, die vom Produzenten des Albums, dem niederländischen Schlagzeuger Eddy Sloof stammen. Kennengelernt haben sich die beiden bei einer Session im Probekeller von Niedermanns Nachbar. Und offensichtlich hat es musikalisch sofort gefunkt zwischen den beiden.

Immer ein Schwenk ins Positive

Schon einmal wurde ein älterer Herr, der Wiler Bassist Jürg «Boots» Stiefel, zum Mentor für Niedermann. Die Frage, ob da ein Muster zu erkennen sei, lacht Niedermann beiseite. Eddy Sloof habe ihr einfach angeboten, in seinem Studio in Uster einen Song mit ihr aufzunehmen. Und zu diesem einen Song (Hometown, nicht auf dem aktuellen Album) kamen schliesslich weitere hinzu, bis ein Album geboren war.

«Ich war schon in ein, zwei Studios, aber irgendwie hat man da meine Sprache nie richtig verstanden», sagt Niedermann. «Eddy wusste immer sofort, was ich meinte, wenn an einer Stelle irgend ein Detail noch nicht ganz passte. Auf der anderen Seite hat er immer sofort gespürt, wenn ich zum Beispiel gesanglich an einer Stelle noch nicht mit Leib und Seele dabei war, mich unwohl fühlte oder herumdruckste.» Er sei manchmal ein strenger Lehrmeister gewesen, aber immer im Guten. «Wir funktionieren einfach gut zusammen.» Zusammen mit der Bassistin Debora Cammarota bilden die beiden die Liveband La Lowman.

Die Songs auf I Think I Love The World Again sind mehrheitlich neu. Zwei Stücke hingegen (I Don’t Know What Love Is und Afterthought) begleiten Niedermann schon länger. Sie handeln von schwierigen Momenten in ihrem Leben, emotionalen Altlasten und Geschichten, die sie mit den Aufnahmen habe abschliessen können, wie sie sagt. Auch der Rest des Albums ist bedächtig bis melancholisch, die neuen Stücke enden aber immer mit einem Schwenk ins Positive. In Niedermanns Musik schwingt mittlerweile so etwas wie Optimismus mit, wenn auch ein fragiler. Und etwas Hoffnung tut schliesslich uns allen gut, gerade in Zeiten wie diesen.

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