«Gut … wie’s einem an einem solchen Tag eben geht», antwortet Joana Obieta. Ihre Fassungslosigkeit ist durchs Telefon spürbar. Es ist der Tag, an dem Donald Trump zum zweiten Mal zum amerikanischen Präsidenten gewählt worden ist. Die 32-jährige Sängerin ist mit ihrer Band Dejàn gerade unterwegs von München nach Rotterdam, wo sie einen Tag später auftreten werden. Doch in dem Moment ist New York näher, die Teilzeit-Heimat von Obieta. Seit fünf Jahren hat die Ausserrhoderin dort eine Wohnung, aber wie lange noch, sei plötzlich ungewiss, sagt sie. Wie so vieles, das mit dieser Wahl einhergeht.
Dabei hat Joana Obieta eigentlich allen Grund, sich zu freuen: Heute Freitag erscheint die erste Platte von Dejàn, die Gruppe ist gerade auf einer kleinen Konzertreise und macht am Sonntag Halt in St.Gallen.
Mehr als die Summe der Teile
Of The Soul heisst das Album. Der Titel ist die Übersetzung des Bandnamens: «De» bedeutet «von» oder «aus» auf Spanisch, und «Jan» steht im Aserbaidschanischen für «Seele» oder «Familie». Gewissermassen ist es auch die Übersetzung der Musik. Denn man hört ihr an, dass sie aus dem Herzen kommt. Und man spürt, dass sie mehr ist als die Summe ihrer Teile.
Dejàn spielen das, was man als sogenannte Weltmusik zusammenfasst. In ihren Songs vereinen sich lateinamerikanische Stile und Jazz, nahöstliche Klänge und elektronische Sounds. Und hier trifft der Begriff Weltmusik tatsächlich zu: Pianist Aníbal Cruz und Schlagzeuger Keisel Jiménez stammen aus Kuba, Bassist Han Beyli hat aserbaidschanische Wurzeln und Perkussionist Kan Yanabe kommt aus Japan. Diese verschiedenen kulturellen und musikalischen Wurzeln fliessen in der Musik ineinander und brechen Grenzen auf, auch sprachliche. Die meisten Songs sind auf Spanisch, einige auf Englisch und einer auf Mundart.
Das Album haben Dejàn bereits vor fünf Jahren im TLMT-Studio in Rorschach aufgenommen. Auch wegen der Coronapandemie erscheint es erst jetzt, fast unverändert. Ausser ein paar Overdubs und zwei neuen Songs handelt es sich um die Aufnahmen von damals.
Die Musik in die Wiege gelegt bekommen
Joana Obieta ist in Eggersriet aufgewachsen, später zog die Familie nach Rehetobel. Die Musik war vom ersten Tag an ein Teil ihres Lebens. Die Eltern sind klassisch ausgebildete Profimusiker: der argentinische Komponist und Kontrabassist Francisco Obieta, der unter anderem jahrelang am Theater St.Gallen spielte, und die Schweizer Cembalistin Marie-Louise Dähler. «Sie waren nie besonders streng, ausser dass ich immer ein Instrument spielen musste, auch wenn das als Teenager nicht meine erste Priorität war», sagt Obieta mit einem Lachen. Sie spielte Blockflöte, Saxofon und Kontrabass, mit elf Jahren nahm sie Gesangsunterricht.
Den Wunsch, Musikerin zu werden, hatte sie damals noch nicht. Sie liebte die lateinamerikanische und insbesondere die kubanische Musik, reiste während der Semesterferien ihres Studiums in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich jeden Sommer für zwei Monate auf die Karibikinsel und nahm dort Tanzunterricht. Nach ihrem Bachelorabschluss 2015 setzte sie ihre musikalische Ausbildung am Berklee College of Music in Boston fort. 2019 schloss sie das Studium in den Hauptfächern Gesang und Musikbusiness ab.
Mitstudierende als Dozenten
Ein Jahr wollte sie eigentlich dort bleiben, «doch ich war zu motiviert, um gleich wieder heim zu gehen». Ausserdem sei der Austausch mit den Mitstudierenden sehr befruchtend gewesen. «Ich habe fast mehr von ihnen gelernt als von den Dozent:innen», sagt Obieta. Vor allem lernte sie dort auch die anderen Bandmitglieder kennen. Und auch zur Liebe fand sie über die Musik: Keisel Jiménez ist ihr Lebenspartner. Sie traf ihn 2014 in Zürich an einem Konzert ihrer Lieblingsband Havana D’Primera, in der er damals spielte. Er zog nach New York, als sie in Boston studierte.
Der Startschuss für die Band war eine gemeinsame Reise 2018, die sie in die Schweiz führte. «Wir dachten, wir könnten doch gleich auch ein paar Konzerte spielen», erzählt Obieta. Dejàn nahmen den kubanischen Klassiker El Cuarto de Tula mit eigenem Arrangement auf, drehten ein Video dazu und bewarben sich damit für Auftritte. Diese ersten Konzerte bestärkten sie darin, weiterzumachen.
Für die Musik leben, nicht von ihr
2019, nach dem Studium, zog Obieta zu Jiménez nach New York. Dann kam die Pandemie, Obieta reiste nach Hause in die Schweiz – und konnte plötzlich während Monaten nicht mehr nach New York zurückkehren. Nicht nur privat eine Herausforderung, sondern auch für die Band. «Ich weiss nicht, was mich dazu motiviert hat, immer weiterzumachen», erzählt sie. Doch als Dejàn später wieder vereinzelte Konzerte spielen konnten, habe sie gespürt, dass da mehr sei als nur die Musik, die sie verbinde.
Inzwischen wohnt Joana Obieta «halb-halb» in den USA und in der Schweiz, genauer: in Basel und Rehetobel. Seit zwei Jahren arbeitet sie für Swiss Music Export, die Organisation für den Export aktueller Schweizer Popmusik. Ganz auf die Musik will sie immer noch nicht setzen. Für sie sei es ein Vorteil, neben der Band einen anderen Job zu haben, der ihr Spass mache: «Wenn man den Druck hat, von der eigenen Musik leben zu müssen, und deshalb Sachen macht, die nicht von Herzen kommen, kann das die Beziehung zur Musik extrem schädigen», sagt Obieta.
Und auch heute noch ist es eine Herausforderung, die Band zusammenzuhalten: Yanabe ist nach Japan zurückgekehrt, Beyli lebt in Miami und darf aus den USA nicht ausreisen. Seine Familie war einst aus Aserbeidschan in die Ukraine geflüchtet, inzwischen hat er in den USA die Aufenthaltsbewilligung beantragt und darf bis zum Entscheid nicht ausreisen. Während der Tour ersetzt ihn Guy Bernfeld, ein israelischer Musiker, der in Los Angeles lebt. Doch mit Dejàn soll es auf jeden Fall weitergehen. Sie hätten schon ein paar neue Songs, die sie bald aufnehmen und veröffentlichen möchten, sagt Joana Obieta. Das Ziel sei, zwei- bis dreimal pro Jahr zusammenzukommen. Und so die Seele der Band zu bewahren. Daran soll auch Trump nichts ändern.
Dejàn: Of The Soul ist am 8. November auf CD und digital erschienen. Live: 10. November, Grabenhalle St.Gallen; 11. November, Helsinki-Club Zürich; 12. November, Kult-X Kreuzlingen.
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