Ende Januar 2013 hatte Rosie die Solothurner Filmtage eröffnet. Die Premiere bedeutete das Ende einer 15-jährigen Drehpause des im Rheintal aufgewachsenen Filmemachers Marcel Gisler. Er wolle nun kontinuierlich weiterarbeiten, kündigte er damals an. Gesagt getan: Am Festival von Locarno lief im August 2014 Electroboy in der renommierten Reihe «Semaine de la Critique» als Weltpremiere. Nun ist Marcel Gislers erster Dokumentarfilm in den Kinos zu sehen.
Identitäten wie Anzüge
Electroboy ist die Geschichte von Florian Burkhardt: Möchtegern-Schauspieler in Hollywood, Model für Gucci, Prada oder David LaChapelle, Internet-Werbe-Pionier, Partyveranstalter – und seit acht Jahren IV-Rentner. Der facettenreiche Stoff wurde Gisler 2008 zuerst für einen Spielfilm angeboten. Er lehnte ab. Zwei Jahre später folgte die nächste Anfrage, nun für einen Dokumentarfilm. Gisler recherchierte zwei Jahre lang ein Leben, das mit viel Feuerwerk begann, dann aber von einer schwierigen Vergangenheit eingeholt wurde. «Er hat verschiedene Identitäten wie Anzüge ausprobiert, aber keiner wollte ihm richtig passen, bis ihm am Ende nicht anders übrig blieb, als sich nackt im Spiegel zu sehen», beschreibt Gisler seinen Protagonisten in den Materialien zum Film.
Florian Burkhardt wuchs in den 70er-Jahren in der Innerschweiz in einem katholisch-moralischen Elternhaus auf. Mit 21 Jahren beendete er das Lehrerseminar – und hatte bis dahin keine Erfahrungen gesammelt. Dies holte er nach und zwar in einem Tempo, als hätte jemand auf die Fast-Forward- Taste gedrückt: Er sah sich selber als Star, als Schauspieler in Hollywood – und fand überall sofort Leute, die dasselbe glaubten. Er inszenierte sich in ein paar Filmstills und reiste direkt nach Los Angeles. Prompt nahm ihn ein Agent unter Vertrag.
Das war nur der Anfang: In Mailand startete er aus dem Stand eine Karriere als Model und wurde von exklusiven Agenturen unter Vertrag genommen. Dann schmiss er alles hin und arbeitete in Zürich im Internet-Business der frühen 90er-Jahre. Burkhardt war bei Kampagnen für Diax, Migros Bank oder Bank Leu dabei. Erneut stieg er aus und begann unter dem Label «Electroboy» eine Karriere als Partyorganisator – natürlich im grossen Stil. Damals litt Burkhardt aber bereits unter Angstpsychosen, die Klinikaufenthalte nötig machten und seither seinen Alltag bestimmen und seine Bewegungsfreiheit radikal einschränken.
Eine süffige und eine schwierige Story
Für Gisler gab es zwei Stoffe: Eine süffige Hochstaplerstory mit Locations wie Hollywood, Milano oder New York. Und die schwierige Entwicklungsgeschichte eines schwulen Jugendlichen im rigid-katholischen Milieu. Er erzählt sie beide. Und zwar mit einer Leichtigkeit, die bei der Premiere in Locarno immer wieder für Heiterkeit im Publikum sorgte – ohne dass dadurch die Schicksalsschläge in der Familie und die psychische Krankheit an Gewicht verloren hätten.
Gezeigt werden über weite Strecken 1:1-Situationen: Die Kamera ist auf eine Person gerichtet. Auf den Vater, auf die Mutter, auf den Mentor Urs Fidji Keller. Ein Interviewer (Gisler) stellt Fragen, bleibt aber selbst unsichtbar. Diese klassische Konstellation eines Dokumentarfilms löst sich immer mehr auf: Gisler fragt mit hörbarer Verwunderung nach, beantwortet Fragen und rückt am Schluss selber ins Bild. Die Kamera bleibt geduldig auf die Gesichter fokussiert – auch wenn die Frage schon lange beantwortet scheint. Sie bricht die Szene aber auch abrupt ab, wenn nichts Lohnendes mehr gezeigt werden kann. Das Kopfschütteln des Vaters ist aber so lange zu sehen, bis ihm das Nein niemand mehr glaubt.
Dass der schwierige Spagat mit den beiden unterschiedlichen Plots gelingt, hat auch mit der Hauptfigur zu tun. Florian Burkhardt erzählt seine eigene Geschichte vor der Kamera mit viel Lakonie, wie von einem steten inneren Kopfschütteln begleitet. Dieses Interview habe er erst am Schluss gedreht, erzählte Marcel Gisler nach der Premiere. «Wir hatten Angst, dass er emotional verschlossen bleibt.» Doch dann sei Burkhardt vor der Kamera so offen gewesen, wie nie zuvor. «Wir mussten unser Konzept umstellen, denn danach war klar, dass das Interview mit ihm im Film der rote Faden sein wird.»
«Electroboy» von Marcel Gisler läuft ab Mittwoch, 26. November im Kinok St.Gallen. Spieldaten und weitere Infos auf kinok.ch.
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