Kategorie
Autor:innen
Jahr

Fast-Forward – bis zum Absturz

Der erste Dokumentarfilm des in Berlin lebenden Filmemachers Marcel Gisler läuft ab Mittwoch im Kinok: Electroboy ist die Geschichte von Florian Burkhardt.
Von  Andreas Kneubühler

Ende Januar 2013 hatte Rosie die Solothurner Filmtage eröffnet. Die Premiere bedeutete das Ende einer 15-jährigen Drehpause des im Rheintal aufgewachsenen Filmemachers Marcel Gisler. Er wolle nun kontinuierlich weiterarbeiten, kündigte er damals an. Gesagt getan: Am Festival von Locarno lief im August 2014 Electroboy in der renommierten Reihe «Semaine de la Critique» als Weltpremiere. Nun ist Marcel Gislers erster Dokumentarfilm in den Kinos zu sehen.

Identitäten wie Anzüge

Electroboy ist die Geschichte von Florian Burkhardt: Möchtegern-Schauspieler in Hollywood, Model für Gucci, Prada oder David LaChapelle, Internet-Werbe-Pionier, Partyveranstalter – und seit acht Jahren IV-Rentner. Der facettenreiche Stoff wurde Gisler 2008 zuerst für einen Spielfilm angeboten. Er lehnte ab. Zwei Jahre später folgte die nächste Anfrage, nun für einen Dokumentarfilm. Gisler recherchierte zwei Jahre lang ein Leben, das mit viel Feuerwerk begann, dann aber von einer schwierigen Vergangenheit eingeholt wurde. «Er hat verschiedene Identitäten wie Anzüge ausprobiert, aber keiner wollte ihm richtig passen, bis ihm am Ende nicht anders übrig blieb, als sich nackt im Spiegel zu sehen», beschreibt Gisler seinen Protagonisten in den Materialien zum Film.

Florian Burkhardt wuchs in den 70er-Jahren in der Innerschweiz in einem katholisch-moralischen Elternhaus auf. Mit 21 Jahren beendete er das Lehrerseminar – und hatte bis dahin keine Erfahrungen gesammelt. Dies holte er nach und zwar in einem Tempo, als hätte jemand auf die Fast-Forward- Taste gedrückt: Er sah sich selber als Star, als Schauspieler in Hollywood – und fand überall sofort Leute, die dasselbe glaubten. Er inszenierte sich in ein paar Filmstills und reiste direkt nach Los Angeles. Prompt nahm ihn ein Agent unter Vertrag.

Das war nur der Anfang: In Mailand startete er aus dem Stand eine Karriere als Model und wurde von exklusiven Agenturen unter Vertrag genommen. Dann schmiss er alles hin und arbeitete in Zürich im Internet-Business der frühen 90er-Jahre. Burkhardt war bei Kampagnen für Diax, Migros Bank oder Bank Leu dabei. Erneut stieg er aus und begann unter dem Label «Electroboy» eine Karriere als Partyorganisator – natürlich im grossen Stil. Damals litt Burkhardt aber bereits unter Angstpsychosen, die Klinikaufenthalte nötig machten und seither seinen Alltag bestimmen und seine Bewegungsfreiheit radikal einschränken.

Eine süffige und eine schwierige Story

Für Gisler gab es zwei Stoffe: Eine süffige Hochstaplerstory mit Locations wie Hollywood, Milano oder New York. Und die schwierige Entwicklungsgeschichte eines schwulen Jugendlichen im rigid-katholischen Milieu. Er erzählt sie beide. Und zwar mit einer Leichtigkeit, die bei der Premiere in Locarno immer wieder für Heiterkeit im Publikum sorgte – ohne dass dadurch die Schicksalsschläge in der Familie und die psychische Krankheit an Gewicht verloren hätten.

Gezeigt werden über weite Strecken 1:1-Situationen: Die Kamera ist auf eine Person gerichtet. Auf den Vater, auf die Mutter, auf den Mentor Urs Fidji Keller. Ein Interviewer (Gisler) stellt Fragen, bleibt aber selbst unsichtbar. Diese klassische Konstellation eines Dokumentarfilms löst sich immer mehr auf: Gisler fragt mit hörbarer Verwunderung nach, beantwortet Fragen und rückt am Schluss selber ins Bild. Die Kamera bleibt geduldig auf die Gesichter fokussiert – auch wenn die Frage schon lange beantwortet scheint. Sie bricht die Szene aber auch abrupt ab, wenn nichts Lohnendes mehr gezeigt werden kann. Das Kopfschütteln des Vaters ist aber so lange zu sehen, bis ihm das Nein niemand mehr glaubt.

Dass der schwierige Spagat mit den beiden unterschiedlichen Plots gelingt, hat auch mit der Hauptfigur zu tun. Florian Burkhardt erzählt seine eigene Geschichte vor der Kamera mit viel Lakonie, wie von einem steten inneren Kopfschütteln begleitet. Dieses Interview habe er erst am Schluss gedreht, erzählte Marcel Gisler nach der Premiere. «Wir hatten Angst, dass er emotional verschlossen bleibt.» Doch dann sei Burkhardt vor der Kamera so offen gewesen, wie nie zuvor. «Wir mussten unser Konzept umstellen, denn danach war klar, dass das Interview mit ihm im Film der rote Faden sein wird.»

 

 

«Electroboy» von Marcel Gisler läuft ab Mittwoch, 26. November im Kinok St.Gallen.
Spieldaten und weitere Infos auf kinok.ch.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Ein er­staun­li­ches Werk

Her­bert Rauch (1929–2012) war Brief­trä­ger und Künst­ler. In den Schwarz-Weiss-Fo­to­gra­fien des Rank­wei­lers er­schei­nen Ob­jek­te wie Stei­ne und Fe­dern als abs­trak­te, gra­fi­sche Ge­bil­de. Nun ist ein Fo­to­band zu sei­nem Spät­werk er­schie­nen, und im Schau­raum Re­né Dal­pra in Alt­ach sind sei­ne Ar­bei­ten aus­ge­stellt.

Von  Ariane Grabher
2 HR M Steine 2009 124x154 r duplex WG5 RGB

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene

Mehr Platz für Bü­cher und Ma­te­ri­al­mus­ter

Ei­nes der vie­len Ge­bäu­de des Sit­ter­werks, die vor ge­nau 100 Jah­ren er­bau­te Schwarz­fär­be­rei, be­her­bergt heu­te die Kunst­bi­blio­thek und die Ma­te­ri­al­mus­ter­schrän­ke. Ei­ne Auf­sto­ckung soll künf­tig mehr Platz schaf­fen.

Von  René Hornung
Sittwerwerk Aufstockung Bibliothek

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen