Was braucht die städtische Kultur in den nächsten Jahren am dringendsten? Oder am wenigsten?
Kristin Schmidt: Einen starken Rückhalt bei den St.Gallerinnen und St.Gallern und in der Politik braucht die städtische Kultur ebenso sehr wie eine stabile finanzielle Grundlage. Was sie am wenigsten braucht sind Resignation oder Argwohn angesichts von Sparmassnahmen, denn finanzielle Mittel sind nicht alles, Handlungsspielräume eröffnen sich mitunter an ungeahnter Stelle, so etwa mit einem Nordeingang beim KuGl.
Barbara Affolter: Das Bewusstsein in der Öffentlichkeit, dass sie – auch in finanzpolitisch schwierigen Zeiten – eine Notwendigkeit ist, dass ihre Förderung und Unterstützung selbstverständlich sind. Die städtische Kultur braucht gute Rahmenbedingungen und Offenheit, damit auch kleinere, unerwartete kulturelle Entwicklungen nicht schon im Keim erstickt werden. Weitere Kulturbudgetkürzungen wären natürlich sehr schmerzlich und würden die heute leider teilweise schon spürbare Resignation unter Kulturschaffenden noch verstärken.
Falls es am 28. September ein Ja zur Reithallen-Initiative gibt: Was soll in der neuen Halle passieren?
Kristin Schmidt: In der Reithalle passiert bereits jetzt so einiges. Über der ganzen Debatte geht manchmal unter, dass die Reithalle schon ein Kulturort ist. Gut zu spüren war dies bei den diesjährigen Fünfstern-Ateliertagen: Alle Künstlerinnen und Künstlerin öffneten hier ohne Ausnahme ihre Ateliers und zeigten ihre Arbeit – Qualität Tür an Tür und von Fotografie über Malerei bis zu Installation. Einen Stimmungsbericht gab es ja hier online.
Barbara Affolter: Ich persönlich beobachte, dass St.Gallen vom Tourneeplan der nationalen und internationalen Theatergruppen verschwindet. Die freie Szene im Theaterbereich in der Stadt ist zwar vorhanden, aber dürfte ruhig stärker sein. Es gibt – so die Rückmeldungen einzelner Theaterschaffenden – zu wenig geeignete Räume in der Stadt – vielleicht wäre es sinnvoll, auch in diese Richtung nach einem JA zu denken.
Und, unvermeidlich, das kleine Kulturquiz: Welches Buch liegt ungelesen auf Ihrem Nachttisch?
Kristin Schmidt: Keines, denn für den nächtlichen Literaturgenuss habe ich mich ganz aufs Hörbuch verlegt.
Barbara Affolter: John Kennedy Toole «Die Verschwörung der Idioten» und Terézia Mora «Das Ungeheuer».
Welche Ausstellung haben Sie verpasst?
Kristin Schmidt: Die Architekturbiennale, schon wieder. Sie dauert zwar noch bis Ende November, aber nun hat die Fachstelle Kultur erste Priorität.
Barbara Affolter: Das Gemeinschaftsprojekt im Nextex von Thomas Blumenberg, David Berweger, Felix Stickel und Miriam Sturzenegger.
Ihr Kinoheld?
Kristin Schmidt: Die zwei Peter: Liechti und Greenaway.
Barbara Affolter: Ich mag die kleinen, unscheinbaren Alltagshelden, die irgendwie Ihr Dasein meistern. Kauzige Typen wie sie Bill Murray verkörpert oder Lars Eidingers Charaktere. Nicht zu vergessen Max im Animationsfilm «Mary & Max». Gleichzeitig habe ich aber auch eine Schwäche für exzentrische Figuren, wie sie Kevin Spacey darstellt …
Ihre Musikheldin?
Kristin Schmidt: Da das Musikprogramm derzeit von den Kindersitzen aus diktiert wird, gibt es Marius & die Jagdkapelle rauf und runter, so bleiben die Heldinnen gerade auf der Strecke, wenn sie nicht gerade Lise heissen und eine Kuh sind.
Barbara Affolter: In den letzten Wochen haben mich Eleni Mandell und Fiona Apple musikalisch begleitet. Grundsätzlich mag ich vor allem Sängerinnen mit starken und eher tiefen Stimmen, wie Marianne Faithfull oder Amanda Palmer.
Und schliesslich: Ihr liebster Kultur-Ort in der Stadt?
Kristin Schmidt: Ganz St.Gallen ist mein liebster Kulturort, es gibt zwar so manches Quartier, dass bisher etwas abseits steht im Kulturbetrieb, aber Initiativen wie beispielsweise der Unraum zeigen, dass das nicht so sein muss.
Barbara Affolter: Ich fühle mich wohl an Orten – drinnen wie draussen –, an denen ich offene und neugierige Menschen antreffe. Wenn ich dabei noch Musik hören, einen Film, ein Theaterstück oder Kunst anschauen kann – umso besser. Es gibt zum Glück in St.Gallen viele Orte, an denen diese Kombination möglich ist. Schön finde ich, dass solche Orte auch ausserhalb der Innenstadt, wo vorwiegend die grösseren Kulturstätten sind, vermehrt wahrgenommen werden.
Barbara Affolter ist Historikerin und bisher in der Kulturförderung beim Amt für Kultur des Kantons St.Gallen tätig. Kristin Schmidt ist Kunsthistorikerin, freie Journalistin und u.a. regelmässige Saiten-Autorin.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
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