Fragen an das neue St.Galler Kulturduo

Die Fachstelle Kultur der Stadt St.Gallen ist neu besetzt, im Doppel: Kristin Schmidt (links) und Barbara Affolter folgen auf Madeleine Herzog. Fragen an die zwei neuen, im städtischen Kulturbetrieb aber altbekannten Kulturfrauen.
Von  Peter Surber

Was braucht die städtische Kultur in den nächsten Jahren am dringendsten? Oder am wenigsten?

Kristin Schmidt: Einen starken Rückhalt bei den St.Gallerinnen und St.Gallern und in der Politik braucht die städtische Kultur ebenso sehr wie eine stabile finanzielle Grundlage. Was sie am wenigsten braucht sind Resignation oder Argwohn angesichts von Sparmassnahmen, denn finanzielle Mittel sind nicht alles, Handlungsspielräume eröffnen sich mitunter an ungeahnter Stelle, so etwa mit einem Nordeingang beim KuGl.

Barbara Affolter: Das Bewusstsein in der Öffentlichkeit, dass sie – auch in finanzpolitisch schwierigen Zeiten – eine Notwendigkeit ist, dass ihre Förderung und Unterstützung selbstverständlich sind. Die städtische Kultur braucht gute Rahmenbedingungen und Offenheit, damit auch kleinere, unerwartete kulturelle Entwicklungen nicht schon im Keim erstickt werden. Weitere Kulturbudgetkürzungen wären natürlich sehr schmerzlich und würden die heute leider teilweise schon spürbare Resignation unter Kulturschaffenden noch verstärken.

Falls es am 28. September ein Ja zur Reithallen-Initiative gibt: Was soll in der neuen Halle passieren?

Kristin Schmidt: In der Reithalle passiert bereits jetzt so einiges. Über der ganzen Debatte geht manchmal unter, dass die Reithalle schon ein Kulturort ist. Gut zu spüren war dies bei den diesjährigen Fünfstern-Ateliertagen: Alle Künstlerinnen und Künstlerin öffneten hier ohne Ausnahme ihre Ateliers und zeigten ihre Arbeit – Qualität Tür an Tür und von Fotografie über Malerei bis zu Installation. Einen Stimmungsbericht gab es ja hier online.

Barbara Affolter: Ich persönlich beobachte, dass St.Gallen vom Tourneeplan der nationalen und internationalen Theatergruppen verschwindet. Die freie Szene im Theaterbereich in der Stadt ist zwar vorhanden, aber dürfte ruhig stärker sein. Es gibt – so die Rückmeldungen einzelner Theaterschaffenden – zu wenig geeignete Räume in der Stadt – vielleicht wäre es sinnvoll, auch in diese Richtung nach einem JA zu denken.

Und, unvermeidlich, das kleine Kulturquiz: Welches Buch liegt ungelesen auf Ihrem Nachttisch?

Kristin Schmidt: Keines, denn für den nächtlichen Literaturgenuss habe ich mich ganz aufs Hörbuch verlegt.

Barbara Affolter: John Kennedy Toole «Die Verschwörung der Idioten» und Terézia Mora «Das Ungeheuer».

Welche Ausstellung haben Sie verpasst?

Kristin Schmidt: Die Architekturbiennale, schon wieder. Sie dauert zwar noch bis Ende November, aber nun hat die Fachstelle Kultur erste Priorität.

Barbara Affolter: Das Gemeinschaftsprojekt im Nextex von Thomas Blumenberg, David Berweger, Felix Stickel und Miriam Sturzenegger.

Ihr Kinoheld?

Kristin Schmidt: Die zwei Peter: Liechti und Greenaway.

Barbara  Affolter: Ich mag die kleinen, unscheinbaren Alltagshelden, die irgendwie Ihr Dasein meistern. Kauzige Typen wie sie Bill Murray verkörpert oder Lars Eidingers Charaktere. Nicht zu vergessen Max im Animationsfilm «Mary & Max». Gleichzeitig habe ich aber auch eine Schwäche für exzentrische Figuren, wie sie Kevin Spacey darstellt …

Ihre Musikheldin?

Kristin Schmidt: Da das Musikprogramm derzeit von den Kindersitzen aus diktiert wird, gibt es Marius & die Jagdkapelle rauf und runter, so bleiben die Heldinnen gerade auf der Strecke, wenn sie nicht gerade Lise heissen und eine Kuh sind.

Barbara Affolter: In den letzten Wochen haben mich Eleni Mandell und Fiona Apple musikalisch begleitet. Grundsätzlich mag ich vor allem Sängerinnen mit starken und eher tiefen Stimmen, wie Marianne Faithfull oder Amanda Palmer.

Und schliesslich: Ihr liebster Kultur-Ort in der Stadt?

Kristin Schmidt: Ganz St.Gallen ist mein liebster Kulturort, es gibt zwar so manches Quartier, dass bisher etwas abseits steht im Kulturbetrieb, aber Initiativen wie beispielsweise der Unraum zeigen, dass das nicht so sein muss.

Barbara Affolter: Ich fühle mich wohl an Orten – drinnen wie draussen –, an denen ich offene und neugierige Menschen antreffe. Wenn ich dabei noch Musik hören, einen Film, ein Theaterstück oder Kunst anschauen kann – umso besser. Es gibt zum Glück in St.Gallen viele Orte, an denen diese Kombination möglich ist. Schön finde ich, dass solche Orte auch ausserhalb der Innenstadt, wo vorwiegend die grösseren Kulturstätten sind, vermehrt wahrgenommen werden.

 

Barbara Affolter ist Historikerin und bisher in der Kulturförderung beim Amt für Kultur des Kantons St.Gallen tätig. Kristin Schmidt ist Kunsthistorikerin, freie Journalistin und u.a. regelmässige Saiten-Autorin.

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Roman R,  

FINDE ICH GUT!

Phy­sik und er­schöpf­te Ma­schi­nen

Ca­li­ne Aoun in­ter­es­sie­ren die Mo­men­te der Ver­än­de­rung, die Über­gän­ge und Zu­stän­de. Ih­re Aus­stel­lung in Kunst­mu­se­um und Kunst­hal­le Ap­pen­zell wird zum En­de der sechs­mo­na­ti­gen Lauf­zeit ei­ne an­de­re sein als zu Be­ginn. 

Von  Kristin Schmidt
Kunsthalle Appenzell Caline Aoun 03 High Res RGB

Un­ter­schrift als Re­li­quie

Der 1100. To­des­tag von Wi­bora­da – In­klu­sin, Stadt­hei­li­ge und Pro­jek­ti­ons­flä­che – ist zur­zeit The­ma viel­fäl­ti­ger Ak­ti­vi­tä­ten. Zu den High­lights ge­hört ei­ne mut­mass­li­che Un­ter­schrift, zu be­sich­ti­gen in der Aus­stel­lung im St.Gal­ler Re­gie­rungs­ge­bäu­de.

Von  Peter Müller
Unterschriften2

Gastkommentar

Kul­tur­jour­na­lis­mus – ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit

Von  Johannes Sieber
Johannes sieber

Schü­ler:in­nen auf den Spu­ren Wi­bora­das

An­na Beck-Wör­ner hat ein Wi­bora­da-Un­ter­richts­heft er­ar­bei­tet. Im Pos­ten­lauf, der durch St.Gal­len führt, kön­nen Schü­ler:in­nen an­hand von Wi­bora­das Le­bens­weg lehr­plan­kon­form The­men wie Ge­mein­schaft, Le­bens­form, Bü­cher oder Iden­ti­tät er­ar­bei­ten.

Von  Kathrin Reimann
2605 Wyborada Laura Tura Crossing

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova