Die Vorpremiere, einen Monat vor Kinostart, war ein Grosserfolg: Peter Liechti hat seinen neuen Film "Vaters Garten" erstmals in St.Gallen, im Kinok gezeigt.
Liechti sei seit den 80er Jahren d e r Regisseur, der am stärksten mit St.Gallen und der Ostschweiz (und dem Kinok, das er mitbegründet hat) verbunden sei, sagt Kinok-Leiterin Sandra Meier. Den Beweis liefert das Publikum: Beinah Tout St-Gall, soweit der kleine Saal dafür Platz bietet, ist zur Vorpremiere seines neuen Films Vaters Garten gekommen. Und diskutiert danach noch bis nach Mitternacht an der Kinok-Bar – Liechtis Generationenthema wühlt auf.
«Unser Regisseur», so wird Liechti im Kinok begrüsst. St.Gallen ist denn auch die eine Bühne, auf der sein Elternporträt spielt, genauer: der sonst wenig prominente Osten der Stadt, eine Dutzendsiedlung im Stephanshorn. Im Wechsel der Jahreszeiten schaut die Kamera Vater Liechti im Schrebergarten zu und vom Balkon über die Stadt hinweg; es ist der tägliche Ausblick von Max und Hedy Liechti, der Horizont ihres penibel geregelten Alltags. Dazwischen die Multergasse, das Einkaufszentrum, ein Quartierfest, immer wieder der Garten.
Die andere Bühne ist ein Kasperlitheater. Auf ihm treten zwei putzige Hasen als Mutter und Vater auf, geführt von den Figurenspielerinnen Kathrin Bosshard, Frauke Jacobi und Nathalie Hubler. Sie reden Bühnenhochdeutsch und erzählen von sich, ergänzen, erweitern, unterlaufen die dokumentarischen Filmbilder. Ab und zu fährt als Dritter im Bunde der Kasper dazwischen, er trägt Liechtis Züge und Glatze, er tanzt oder berserkert los, wenn es ihm zu viel wird mit der Rechthaberei des Vaters oder der Religiosität der Mutter. Meistens aber lässt er sie reden, hört ihnen einfach zu, hält sich aus dem Spiel.
Manchmal ist es zum Lachen, was der Vater-Patriarch Liechti von sich gibt. Manchmal ist es zum Heulen, wenn die Mutter von ihrer Depression spricht und ihrer Einsamkeit in 62 Jahren Ehe.
Und trotzdem: Respekt und Würde – diese Worte fallen nach Filmschluss in der Diskussion mehrfach, sie umschreiben die Haltung, mit der der Regisseur seine Eltern heute im Film gelten lässt. Liechti spricht am Ende vom «unglaublichen Vertrauen», das die Eltern ihm entgegenbrachten, nachdem sie einmal Ja zum Film gesagt hatten. Er spricht von jener „gewissen Versöhnlichkeit“, die er heute bei sich feststelle im Vergleich zu früher, auch wenn der Film keineswegs ein «Versöhnungsritual» sei oder sein wolle. Die Reibung bleibt, man spürt sie am stärksten in den Passagen zur Religion – aber ebenso betont Liechti im Premierengespräch die Werte, welche die «verschwindende Generation» seiner Eltern verkörpere: Verlässlichkeit, Verantwortungsgefühl, Sparsamkeit.
Und dann der grosse Satz: «Für mich ist es ein Liebesfilm.» So ist Vaters Garten, dieser menschlich und handwerklich (und nicht zuletzt: musikalisch) meisterhaft reife Film, jetzt auch untertitelt: «Die Liebe meiner Eltern».
Vaters Garten startet am 26. September im Kinok St.Gallen. Eine ausführliche Besprechung findet sich im eben erschienen Septemberheft von Saiten.
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