Allerallerspätestens seit PNL vor einigen Jahren die Bühne (und vor allem das Internet) gestürmt haben, ist auch in Europa klar: Schwach ist das neue Stark im Rap. Melancholie wird zelebriert, ausgereizt, abgefeiert, ins Kitschige gedreht. Die Erzählungen sind immer noch strassentauglich und mit gewissen Substanzen angereichert, aber das ganze Drumherum ist weniger schwanzgesteuert, weniger aggro, weniger Bordstein und Skyline.
Die Themen haben sich geändert. Es geht nicht mehr immer nur um Money und Bitches und die eigene Grossartigkeit, vieles dreht sich auch um das eigene Unvermögen, um innere Abgründe, Ängste, Depressionen, Einsamkeit, Drogensucht, Verletzlichkeit. (Und um Money und Bitches.) Das Ganze erinnert manchmal an den «No Future»-Groove der Englischen Punks, nicht zuletzt, weil man sich auch musikalisch wieder lieber als auch schon bei diesem Genre bedient.
Das alles gab es auch schon früher, klar, schaffte es aber kaum jemals in die Charts. Der Emo-Rap (oder SoundCloud-Rap oder whatever – blöde Schubladen), so richtig aufgekommen in den 2010er-Jahren, hat das geändert. Leute wie KiD Cudi, Kanye (oder wie er sich derzeit auch immer nennt), Lil Tracy, Yung Lean, 070 Shake, XXXTentaction oder Lil Peep machen heute ordentlich Money mit ihren grossen und kleinen Sorgen. (Sofern sie noch leben. Die zwei letzteren können ihre Dollars leider nicht mehr verprassen – R.I.P.)
Zwischen Wiesbaden, Berlin und London
Rap aus Deutschland ist ja in letzter Zeit vor allem präsent in den grossen Medien, weil einige Protagonisten das Street Game so weit überstrapazieren, dass sogar die Amis darüber lachen müssen. (Jah, Kollegah, du bist mitgemeint.) Dass es auch anders geht, zeigt unter anderem Kelvyn Colt. Der 25-Jährige mit der bissl kratzigen Stimme und den flinken Raps macht einen hörenswerten Job und hat schon früh eigene Texte, vor allem Gedichte, geschrieben.
Er ist in Wiesbaden als Sohn einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters aufgewachsen und lebt heute in Berlin und London. Dass KiD Cudi lange sein Vorbild war, ist unüberhörbar. Colts Sound ist aber von vielen Einflüssen geprägt. Driftige Gitarren, Trap, Dancehall, Latinogewackel, Synths, Orgelteppiche, R’n’B-Einflüsse und so weiter. Wie das so ist heute. 808 und Adlibs inbegriffen, skrrr! Und der hat den Grime-Swag – ganz wichtig. Dass er fliessend vom Deutschen ins Englische wechseln kann, macht den Jungen noch interessanter, (obwohl er ruhig weiter beim Englisch bleiben darf).
2017 bringt er seine erste EP LH914 heraus, benamst nach dem One-Way-Flug nach London, den er damals für sein Studium gebucht hat. Während seiner Zeit im Studium hat er kaum Zeit für die Musik. Traded For You, einer seiner wenigen Tunes aus dieser Zeit fasst die Situation folgendermassen zusammen: Kein Stutz, dafür allerhand Rechnungen, Freunde und Girlfriend zuhause in Deutschland und am Ende nicht einmal wirklich Zeit für die Musik.
Kelvyn Colt engagiert sich auch abseits der Musik für einen differenzierten Umgang mit neuen Technologien, mit Medien, vor allem den sozialen. Er redet gern über Gefühle, sieht sich als Botschafter für psychische Gesundheit. Das gesellschaftliche Klima hat er also auf dem Radar, das globale vielleicht weniger. Ob es die Klimajugend goutieren kann, dass er im Rahmen des SXSW-Festivals dieses Jahr eine Live-Performance im Lufthansa-Flug von Frankfurt nach Texas gemacht hat? (Falls nicht: Seid nicht so streng, Leute.)
Mehr als nur eine Fanbase
Auch sehr sweet: Colts Fanbase namens TBHG – Tripple Black Heart Gang. Für ihn geht es dabei nicht nur um die Fans, sondern um den Aufbau einer Communitiy, die auch entsprechend vernetzt ist, Freundlichkeit und Wertschätzung untereinander verbreitet. Es werden sogar Treffen organisiert, damit Leute, die sonst alleine am Konzert wären, auch eine Begleitung haben. (How cute is that?!)
Kelvyn Colt live: 20. September, 22 Uhr, Flon St.Gallen. Support: Komaboyz (Lakeboyz) und Minh (Lemonade)
flon-sg.ch
Letztes Jahr folgte seine zweite EP Mind Of Colt, Pt. 1, auf dem auch Bury Me Alive zu finden ist, eine deepe Hymne, die es auch als COLORS-Session zu hören gibt (siehe unten). Dieser Zweitling ist noch einmal persönlicher. Es geht noch stärker um Colts Gefühlswelt, um Einsamkeit, den Umgang mit Depressionen, Höhen und Tiefen – und immer wieder um die Message: Bleib stark.
Kelvyn Colt wird zu Recht hoch gehandelt. Er hat schon auf einigen grossen Bühnen dieser Welt abgerissen, letztes Jahr unter anderem am Openair Frauenfeld. Umso sympathischer ist es, kommt er diesen Freitag in den St.Galler Jugendkulturraum Flon. Ein eher intimer Ort, verglichen mit den weltläufigen Brettern sonst – okurrrr!
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