Grime ist alt – jedenfalls in popkultureller Zeitrechnung – und erlebt mittlerweile sein gefühlt fünftes Revival. Was Dizzee Rascal, Tinchy Stryder und Wiley mit ihrer Roll Deep-Crew im London der frühen Nullerjahre angefangen haben, wird von Skepta und seinem Bruder JME (zusammen gründeten sie das Boy Better Know Grime-Kollektiv und -Label) und von Leuten wie Stormzy, Lady Leshurr oder Bugzy Mallone weitergetragen: eine Mischung aus dreckigem Rap, Dancehall und elektronischen Elementen, tanzbar angerichtet bei mindestens 135 Beats per Minute, lieber aber 140 bpm, ähnlich wie die ebenfalls auf der Insel erfundenen Musikstile UK-Garage und Dubstep.
Als im Frühling 2016 Skeptas fünftes Album Konnichiwa erschien und David Bowie und seinem Blackstar den prestigeträchtigen Mercury Prize vor der Nase wegschnappte, hat die Grime-Welle endgültig auch die fancy Feuilletons und Hochglanz-Magazine geflutet. Gut so.
Dieser breite Erfolg kann sich aber auch negativ auf einen Musikstil auswirken, in dem es Usus ist, sich zäh und eigenständig hochzurappen und sich auf dem Weg nach oben möglichst nicht verbiegen zu lassen. In Skeptas Fall darf man sagen: sehr verdienter Hype, grossartige Scheibe, und auch live ist der Mann eine Granate.
Volltreffer: Thiago Silva
Von Skepta, Stormzy und all den anderen hat man in den letzten Jahren einiges hören können, erfreulicherweise auch von weiblichen Acts wie Lady Sovereign, Shystie, Lady Leshurr, Lil Simz oder Nadia Rose, Stormzys Cousine. 2016 hat mit AJ Tracey ein neuer Grime-Star die Bühne betreten.
Knapp eine Woche nach Skeptas Konnichiwa-Release droppten AJ Tracey und sein Kumpel Santan Dave den Track Thiago Silva, benannt nach dem brasilianischen Innenverteidiger, der seit 2012 bei Paris Saint-Germain spielt. Tracey selber ist «Spurs»-Fan, aber das ist halb so wichtig, weil viel relevanter: Thiago Silva war ein riesen Volltreffer und AJ Tracey plötzlich ein gefragter MC – obwohl er zum damaligen Zeitpunkt bereits zwei Mixtapes und drei EPs veröffentlicht hatte und mittlerweile seit bald sieben Jahren als Rapper aktiv ist. Bis heute hat Thiago Silva über 10 Millionen Clicks auf YouTube.
Schaut man sich das Video zum Track Pasta an, lachen einem die feuchten HipHop-Träume eines 20-Jährigen entgegen: Swimming Pool, pralle Ärsche, teure Sneakers, Villa mit Meerblick. Den Pimp-Style hat der 23-Jährige drauf, zweifellos, doch darauf reduzieren sollte man ihn nicht.
AJ Tracey äussert sich unter anderem immer wieder zum ausgebrannten Grenfell-Tower in North Kensington und engagiert sich als Teil der Nachbarschaft für die Anliegen der Betroffenen. «Die Leute ärgern sich über die Regierung, weil sie sie nicht unterstützt», sagte er im Juni zum «Guardian». «Das wundert mich gar nicht. Die Reichen haben nichts für diesen buntesten aller Orte übrig, sie mögen nicht einmal unsere Musik.»
Auch raptechnisch können sich einige noch was abschauen bei AJ Tracey. Er bleibt nicht bei den klassischen Grime-Tunes, sondern experimentiert mit verschiedenen Stilen und Tempi, bedient sich gerne beim Atlanta-Rap und beim Trap. Insgesamt ergibt das einen recht neuzeitlichen Flow, unterlegt mit wolkig-düsteren Beats voll klebriger Bässe und Snare-Echos. Umso erfreulicher, dass das Palace- und das Rap-History-Team den rising star für das bisher einzige Schweizer Konzert nach St.Gallen holen.
Hilfe von Craig David und einem Pokémon
Auf seiner jüngsten, im Oktober veröffentlichten EP Secure The Bag! kann man sich anhören, wie variabel und stilsicher der Junge ist. Blacked Out, der Opener, ist düster und klassisch grimy. Quarterback ist verglichen dazu wesentlich trappiger, auch im Flow, und bei Tour Team, der wie der Name schon sagt, vom wallenden Tour-Leben handelt, schmilzt der Beat regelrecht vor sich hin – ein gelungener Kontrast zu den abgehackten Raps.
AJ Tracey: 9. Dezember, Palace St.Gallen, Support: Rap History DJ-Team palace.sg
Eine der stärksten Nummern auf Secure The Bag! hat ihren Namen einer Kinderserie entliehen: Alakazam, so heisst auch ein Pokémon. Das entsprechende Sample am Anfang darf natürlich nicht fehlen, nicht beim erklärten Anime-Fan AJ Tracey. Und sein Flow und seine Wortspiele auf Alakazam sind beneidenswert – wären da nicht die Features JME und US-Rapper Denzel Curry, die AJ Tracey raptechnisch etwas die Show stehlen. Letzterer ist am 7. Dezember im Zürcher Exil Live zu sehen.
Und dann ist da noch der letzte Track, You Don’t Know Me, ein Gemeinschaftswerk von AJ Tracey und Craig David. Wait, what?! Was macht ein Schmusesänger wie Craig David mit einem Spitter wie AJ Tracey im Studio? Nun ja, David ist erklärter AJ Tracey-Fan und hat, höchst offiziell, um eine Zusammenarbeit gebeten. Am Schluss sind daraus ganze neun Tracks entstanden, wovon einer nun auf Secure The Bag! gelandet ist und ein zweiter auf Craig Davids neuer Platte sein soll, die nächstes Jahr erscheint.
Soviel sei verraten: Die Mischung passt. Davids Singsang kreiert eine Hook, die durchaus Ohrwurm-Potenzial hat und kurz auch an die vielen R’n’B-Einlagen auf Stormzys letztem Album Gang Signs & Prayer erinnert. Ein würdiger Abschluss, der auch Grime-Neulingen gefallen dürfte. Und einer, der neugierig auf alles macht, was AJ Tracey als nächstes noch aus- und anpackt.
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
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