Nur wenige Wochen ist es her, dass der St.Galler Rapper Flows Powers vom Grabenhalle-Kollektiv ausgeladen wurde aufgrund seiner sexistischen, homophoben und anderweitig gewalttätigen Texte. Daraufhin gab es lautes Rumgeheule in den Sozialen Medien plus mediale Aufmerksamkeit und im St.Galler real life ein paar lohnende Diskussionen zur künstlerischen (Un)Freiheit im Rap und anderswo.
Hier, für alle, die Flows noch nicht kennen:
Allgemein segelt der Rap momentan wiedermal hart am Mainstream: Gestern wurde bekannt, dass Kendrick Lamar für sein 2017 erschienenes, viertes Studioalbum Album Damn. als erster Rapper überhaupt einen der renommierten Pulitzer-Preise gewinnt – vermutlich zum Bedauern vieler Jazz- und Klassikfans, die sich solcherlei eher gewohnt sind.
Das ist höchst erfreulich und ein wichtiges Zeichen.
Weniger klug, aber ebenfalls medienwirksam: Am Donnerstagabend wurden die deutschen Battlerapper Kollegah und Farid Bang mit einem umstrittenen Echo in der Kategorie Hip-Hop/Urban National ausgezeichnet. Umstritten deshalb, weil ihnen – nicht zum ersten Mal – Antisemitismus vorgeworfen wird. Unter anderem. Besagten Echo erhielten sie ausgerechnet am jüdischen Holocaust-Gedenktag, mehrere Künstler haben mittlerweile aus Protest ihren Echo wieder zurückgegeben.
Petition in Schaffhausen
Am 5. Mai sollen Prolo-Kolle und sein Banger als Headliner am Albanian Festival in der BBC-Arena Schaffhausen auftreten. Auf keinen Fall, findet SP-Kantonsrat Patrick Portmann und formulierte am Wochenende mit Anna Rosenwasser, Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz, und Isabelle Lüthi, Mediensprecherin des Frauenstammtischs Schaffhausen, einen Offenen Brief an die Veranstalter. Er wurde von fast 50 Personen mitunterzeichnet, darunter Juso-Schweiz-Präsidentin Tamara Funiciello und SP-Nationalrat Fabian Molina.
Weder die Organisatoren des Festivals noch der Besitzer der BBC-Halle haben sich laut Rosenwasser bis jetzt dazu geäussert, deshalb lancierte der Frauenstammtisch Schaffhausen heute eine Online-Petition.
«Über Kunst lässt sich streiten, über Menschenwürde nicht», heisst es im Petitionstext. «Farid Bang und Kollegah verletzen mit ihrer Musik die Würde von Frauen, Homosexuellen, Geflüchteten und Behinderten. Sie verherrlichen Gewalt in mannigfaltiger Weise.» Und weiter: «Aktuell spielt das Duo auf keiner anderen Bühne; nur in Schaffhausen dürfen sie einer breiten Öffentlichkeit ihr verachtendes Menschenbild präsentieren und unter anderem ihre aktuelle Single spielen, in der von ‹Flüchtlingsschlampen›, Mord und mehrfachen Variationen von Vergewaltigung die Rede ist.»
Deutschlands Rapszene: «Breiter aufgestellt als der Bundestag»
Wo man hinkommt, alle haben im Moment eine Meinung; zu Kollegah und Konsorten oder Flows Powers und seinem Machwerk. Auch viele, die bis jetzt nichts mit Hip Hop und Rap am Hut hatten. Ihnen sei an dieser Stelle gesagt: Es bringt nichts, die ganze Szene unter Generalverdacht zu stellen, denn das Genre ist so fragmentiert wie noch nie und vereint längst auch queere, feministische und handicapierte Künstlerinnen und Künstler in sich.
Oder mit den Worten von Leon Dische Becker im «Freitag»: «Diese Szene erfährt eine kreative Explosion nach der anderen und ist dabei politisch breiter aufgestellt als der Bundestag – und oft genauso verwirrt.»
Das ist natürlich ein schwacher Trost angesichts von Zeilen wie «Mein Körper [ist] definierter als ein Auschwitzinsasse» (Farid Bang & Kollegah) oder «bang die Hoes und sprütz i d’Rosette und gib währenddesse paar Füst i d’Fresse» (Flows Powers). Die Urheber solcher Lines verteidigen sich mit den immer gleichen Floskeln: «Es ist halt Battlerap, da muss man provozieren, du Opfer» und «Ich meine das doch alles ironisch, also mach nicht so ein Geschiss.»
Wie soll man mit solchen Leuten umgehen, das ist die grosse Frage… Ach was, es gibt einen ganzen Haufen Fragen, die man in diesem Zusammenhang stellen kann. Hier einige Vorschläge:
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.