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Sick, Baby!

Monet 192 aus St.Gallen zeigt gerade, dass die Ostschweiz alles andere als abgehängt ist im zeitgenössischen Rap-Business. Auch wenn er bis jetzt meistens irgendwo draussen geprobt hat.
Von  Corinne Riedener
Bild: Melvin Krenger

Saukalt. Es ist erst 22 Uhr und die Schlange vor der Grabenhalle reicht fast bis zum Blumenbergplatz. Das mehrheitlich junge Publikum scheint bestens gelaunt, da und dort dringt ein Beat ohne Bass aus einem Smartphone und manche tragen Tracksuits und Sneakers, die man selbst in den 90ern verboten hätte, so irr sind die Stoffe und Farben. Aber hey, wir feiern ja immer noch grosses Nineties-Revival, da packt man selbstverständlich alles aus, was der alte Kleidersack von Onkel Kevin noch hergibt.

Die paar wenigen «Onkel Kevins», die sich das Spektakel an diesem Abend kurz vor Jahresende ebenfalls geben wollen, grinsen einigermassen amüsiert in die Reihen und fragen sich, ob der Typ zwei Meter hinter ihnen womöglich ihr altes Traineroberteil trägt, das sie vor Jahren mal ins Brocki gegeben haben. Und ob man als Ü30er eigentlich noch cool ist neben all diesen jungen Schnäbis.

Die Antwort darauf kann einem aber eigentlich schnurz sein, vor allem, wenn man auf Rap steht und sich den jüngsten und
 seit langem ersten Hype dieser Stadt einmal live begutachten will: Monet 192 und seine Sick Baby-Clique. Karim Russo, wie Monet 192 im anderen Leben heisst, ist kürzlich 20 geworden und hat bisher weder ein Album noch ein Mixtape vorzuweisen, erst sechs Tracks – füllt aber trotzdem die Halle. Zum zweiten Mal bereits. Anfang Dezember hatte er einen Gig in Berlin.

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Wie kommt es, dass einer schon mehrere Hunderttausend Likes hat auf YouTube, noch bevor er sein erstes Konzert gespielt hat? Wie kann einer, der keinen Proberaum und bisher vorwiegend draussen, im Wohnzimmer oder im Bus gejammt hat, eine Grabenhalle ausverkaufen? Russo lacht über diese Fragen. «Vermutlich ist es genau das, was uns ausmacht», sagt er. «Wir haben einfach gemacht, probiert, Dinge rausgefunden, ohne Druck. Nicht wie andere Rapper, die sich primär daran orientieren, was das Publikum will.» Ob er die hiesige Rap-Szene aufmischen will? «Klar», meint er achselzuckend, «aber ich dachte nicht, dass das so einfach wird. Endlich machen sich die durchgearbeiteten Nächte bezahlt. Niemand hat das kommen sehen, niemand hat mit diesem Echo gerechnet. Das ist fantastisch, aber auch eine Herausforderung, denn mit dem Erfolg steigt auch der Druck.»

Monet 192 live: 16. März, Dynamo Zürich, Benefiz Krebsliga
instagram / facebook

Ob der Hype um Monet 192 anhält, wird sich noch zeigen. Dass er überhaupt zustande kam, ist aber nicht nur überraschend, schliesslich lag die zeitgenössische Rap-Szene hierzulande lange genug, bös gesagt, im Dornröschenschlaf. Vor einigen Jahren wurde das Land schliesslich endgültig wiedererweckt,
unter anderem von S.O.S. mit ihrem soulig-trappig-frischen Sound, der an die US-amerikanischen «A$APs» erinnert, aber in wackerem Berndeutsch flowt.

Auch Monet hält viel vom erfolgreichen Berner Duo.
«Bei S.O.S. leuchten meine Augen. Ich liebe ihren Vibe, ihren Flow, ihren Humor», schwärmt er – und so geht es wohl auch vielen, die Monet momentan abfeiern, schliesslich hört man ihm die Liebe zur wiedererwachten Rap-Schweiz an. Kein Wunder also sind in St.Gallen alle so scharf auf diesen Jungen aus Heiligkreuz,
 der im letzten Lehrjahr zum Psychiatriepfleger ist.

 

A propos scharf: Eher gepfeffert ist die Kritik, die einige Gäste nach dem schweisstreibenden Konzert in der Grabenhalle anbringen. Wegen Lines wie «Sie ist süchtig nach meinem Schwanz wie nach Molly» und einigen anderen, in denen von «ugly Bitchez» oder «Schwuchteln» die Rede ist. Ein uralter Hut im Rap-Geschäft eigentlich, dem Battle- und Gangsterrap geschuldet, und schon vielfach kritisiert. Wer zu den «anständigen» Rappern gehören will, konnte sich Sexismus und Homophobie schon lange vor #MeToo nicht mehr leisten – nicht zuletzt,
 weil die wirklich träfen Beleidigungen um einiges kreativer als «Schwuchtel» und «Bitch» sind und schon immer waren.

«Ich will weder Frauen noch Homosexuelle beleidigen», erklärt Russo. Ihm ist durchaus bewusst, dass solche Lines triggern, deshalb spricht er das Thema im Gespräch mit Saiten gleich von sich aus an. «Meine schwulen Freunde fühlen sich davon nicht diskriminiert – überhaupt gar niemand, der mich kennt, käme auf die Idee, dass ich etwas gegen Schwule, Lesben oder Transmenschen habe, und das nicht nur, weil ich im sozialen Bereich arbeite. Aber klar, es geht um Verantwortung. Nach dem Release von Tout le jour habe ich gemerkt, dass ich wegkommen muss von dieser Art Rap, weil es leider Leute gibt, die den Battle-Scheiss ernst nehmen, was verheerend ist. Es darf nicht sein, dass wegen mir Menschen unter die Räder kommen, die es nicht verdient haben.»

Einstudiert oder nicht, man will ihm die verbalen Ausrutscher verzeihen. Und denkt zurück an die Zeit, in der man selber 20 und unbedarft war.

«Man muss seinen Gegnern mit Liebe begegnen»

Ungefähr in diesem Alter ist auch der Rest von Monets Crew, die Sick Babys. Sie seien der kreative Kopf des Ganzen, erklärt Russo. Er legt grossen Wert darauf, dass die Leute nicht nur ihn, sondern auch das 192 in seinem Namen sehen, darum steht er so oft wie möglich mit seiner ganzen Crew auf der Bühne. 192 steht für Sick Baby, für S und B, den neunzehnten und den zweiten Buchstaben im Alphabet.

Einer von Russos Kumpels hatte mal Ärger
 mit einem Fascho, der die Buchstaben HH für «Heil Hitler» hinter dem Ohr tätowiert hatte. «Wir wollten diese Zeichensprache nicht den Nazis überlassen, sondern sie mit etwas Positivem in Verbindung bringen – ähnlich wie es Kanye West mit seinen Black Skinheads gemacht hat», erklärt Russo. «Man muss seinen Gegnern immer mit Liebe begegnen. In diesem Fall hiess das: die Sprache der Faschos nehmen und sie cool machen.»

 

Der Name Monet kommt von Claude Monet, dem französischen Impressionisten. «Ich male mit Worten Bilder wie Monet», freestylte Russo an jenem folgeschweren Abend an der donnerstäglichen Freestyle-Bar im Jugendkulturraum flon, an dem jemand zu ihm sagte, dass er sein Talent doch nicht verschwenden und
es stattdessen ernsthaft als Musiker versuchen solle. «An diesen Punkt will ich mich immer erinnern», sagt Russo. «Dort hat es angefangen, von dort komme ich her.»

Das sagen sie doch alle, diese «Jennys from the Block», denkt man – und hofft trotzdem, dass es bei Monet anders sein wird, dass er seine flon-Wurzeln nicht vergisst, wenn dann der grosse Erfolg kommen sollte. Im Moment wirkt alles noch recht glaubwürdig: Russo sieht sich als Independent-Künstler und
 hat kein Label, sondern «ein ambitioniertes Team, in dem jeder auch für sich selber arbeitet». Er verstehe sich und seine Clique als eine Art Start-Up. Das Ganze funktioniere ähnlich wie das Verhältnis Schweiz/EU, erklärt er: «Wir haben quasi bilaterale Verträge, die uns verbinden, aber trotzdem allen grösstmögliche Freiheit lassen.»

DIY-Flavour und Oldschool-Vibes

Falls es hinhaut mit der Musikkarriere, will Russo ein eigenes Label samt Studio gründen. «Ich will nicht klein bleiben und nur an mich denken, sondern etwas Grösseres aufbauen», sagt er. «Im Moment heisst das noch: Everyday I’m hustlin‘. Aber wenn ich Erfolg habe und das Geld irgendwann fliesst, will ich etwas reissen in St.Gallen, etwas für die ganze Schweizer Szene tun.» Will heissen: Strukturen aufbauen, die es Newcomern einfacher machen, auf den Weg zu kommen – «ungeschliffene Diamanten finden und ihnen zum Durchbruch verhelfen».

Grosse Worte für einen, der bis jetzt nicht einmal einen Raum zum Proben hat, dafür einen First-Release bei MTV Deutschland. Irgendwie gehört das aber auch zum Charme der heutigen Rap-Generation, die sich nicht nur modisch an den 90ern orientiert, der «Golden Era» des Rap, sondern auch in Sachen Haltung: Man will so Indie wie möglich sein, die Do-it-Yourself-Welle reiten, sucht Vertriebswege abseits der grossen Player und kümmert sich um jene, die einem auf dem Weg nach hoffentlich oben begleiten.

Russo hat darum völlig Recht, wenn er sagt, dass «Oldschool» weniger mit einer bestimmten Art von Musik, sondern vielmehr mit Einstellung, Vibes, Neugierde und auch einer Lust am Scheitern zu tun hat. Davon könnten sich so manche «Onkel Kevins» noch eine Scheibe abschneiden, statt immer nur über «die Jungen» zu motzen, «die ja eh keine Ahnung von echtem 
Rap haben und nur noch dieses billige Trap-Zeugs machen».

Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.

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