Es ist die vielzitierte Rückkehr des verlorenen Sohnes. So geschehen schon unzählige Male in der weiten Fussballwelt, beinahe in Perfektion vom Schweizer Klassenprimus praktiziert, wobei auch der schon Missverständnisse zu verzeichnen hatte.
Als Schatten dieser unbändigen Begeisterung tritt bei derlei Rückkehraktionen oftmals die grosse Erwartungshaltung auf. Ein Phänomen, das auch beim Barnetta-Transfer zu beobachten sein wird. Seinen ersten Ernstkampf wird der 75-fache Internationale frühestens im Februar bestreiten. Genug Zeit also, sich Barnetta als heroischen Retter einer bisher eher verkorksten Saison auszumalen.
Vielseitiger Mittelfeldspieler
Durch seine letzte Station in den Vereinigten Staaten wird vielerorts über den tatsächlichen sportlichen Wert des Transfers diskutiert. Zu wenig bekannt ist hierzulande die amerikanische Profiliga. Urteile über die Major League Soccer sind für Laien nur schwierig zu fällen.
Näher liegen uns deshalb Barnettas Einsätze im Nationalteam. Auch wenn diese länger zurückliegen. Beim richtungsweisendsten Spiel der jüngeren Nationalmannschaftsgeschichte traf Barnetta doppelt. Das war 2011, die Schweiz holte gegen England ein 2:2. Frei, Streller und Grichting waren da erstmals nicht mehr dabei und Barnetta war mutmasslich als gewichtige Stütze einer jungen Mannschaft mit Shaqiri, Xhaka oder Mehmedi vorgesehen.
Den Status der damaligen Zeit erreichte Barnetta in der Folge nie mehr, wenn auch der vielseitig einsetzbare Mittelfeldspieler beispielsweise beim bemerkenswerten 4:3 der Schalker in Madrid mitwirkte und zuweilen brillierte. Es waren dies Glanzpunkte, die seine herausragenden Fähigkeiten andeuteten, aber langfristige Prägungen blieben aus.
Ist den St.Gallern noch zu helfen?
Der Zeitpunkt des Wechsels passt. Nicht unbedingt auf sportlicher Ebene, denn da kann man nur spekulieren. Niemand ist in der Lage zu beurteilen, ob und wie Barnetta dieser Mannschaft weiterhelfen kann. Dafür sind die Strukturen in einer Mannschaft zu unübersichtlich, zu willkürlich gestaltet.
Auf dem Papier liest sich ein zentrales Mittelfeld um den kämpferischen Toko, den strategischen Gaudino und den initiierenden Barnetta aber durchaus vielversprechend. Wohlwollende werden da gar behaupten, dass innerhalb der Landesgrenzen inklusive Fürstentum nur wenige in den federführenden Mittelfeldpositionen besser bestückt sind.
Aber Fussball funktioniert halt nicht nur auf dem Papier. Unzählige Unwägbarkeiten schwingen mit, sodass wir uns gerne an der emotionalen Komponente festhalten. Wir preisen den Kampfeswillen eines Spielers und fahren mit Hoffnungen ans nächste Auswärtsspiel. Der Fussball ist zu komplex und doch zu einfach, um Kommendes als richtig oder falsch deklarieren zu können. Alles andere würde diesem wunderbaren Spiel auch sein Kapital nehmen: seine Unberechenbarkeit.
Fester Bestandteil der St.Galler Fussball-DNA
Der Zeitpunkt passt vielmehr deshalb, weil wir uns bis Anfang Februar dieser herrlichen Illusion hingeben können, dass es mit Barnetta besser laufen wird. Im tiefsten Innern, das weiss der St.Galler Fussballfan, wird es wahrscheinlich eben nicht besser. Aber jene Selbsttäuschung, jener Zynismus ist steter Begleiter, wenn man grün-weiss denkt. Sie ist fester Bestandteil der St.Galler Fussball-DNA.
Das schummrige Grau vor dem wohligen Einschlafen tauchen wir naiv euphorisch in einen grün-weissen Hoffnungsschimmer. Wie Tranquillo Barnetta seine alte Liebe mittels furioser Rückrunde in internationale Sphären schiesst. Das Drehbuch ist geschrieben. Wir warten schon sehnlichst aufs Scheitern und hoffen doch, dass es eben nicht so kommt.
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