Fast fünf Jahre hat sich Herr Bitter im Proberaum verschanzt. Nun tritt die St.Galler Band, die für ihren Musikstil einst den Begriff «Splatterpop» geschaffen hat, mit dem Album The Tide ans Tageslicht – und verpackt in den 16 Songs eine gute Portion Dunkelheit. Gar ein Werk «vom Unbehagen der menschlichen Existenz» sei es geworden, sagt Sänger und Gitarrist Sascha Tittmann.
Seine englischen Texte kreisen folglich um Verlust, Abschied, Schwermut, «man wird halt älter», sagt Tittmann dazu. Nicht nur textlich, auch musikalisch spürt man das, was aber nichts Schlechtes heisst: Das Album ist überraschend ruhig gehalten, nur selten erlaubt sich die Band die zuckenden, auch wütenden Ausbrüche, die früher noch prägend waren. Herr Bitter im Jahr 2015 schleichen sich musikalisch eher an, als dass sie einem ins Gesicht springen würden.
Dazu passt der Albumtitel The Tide («die Gezeiten») ganz gut: Langsam, aber unaufhaltsam rollt der Klangteppich auf einen zu und entfaltet seine Kraft. «Diese musikalische Veränderung ist ganz natürlich im Proberaum passiert», sagt Tittmann.
Er schreibt die Songtexte und entwirft eine grobe musikalische Idee. Diese verfremden die fünf Musiker dann gemeinsam oft stark. Dafür lassen sie sich bewusst Zeit.
Sie können noch ausrasten, wenn sie denn wollen
Entstanden ist so ein eigenwilliger Mix, in dem Bass, Gitarre und die Synthesizer gleichberechtigt tönen. Oft gibt das Bassriff den Songs sogar ihr Gesicht und sticht der meist etwas spooky heulende und wabernde Synthie stärker heraus, als es die Gitarre tut.
Trotz der dunklen Ruhe wirken die Songs, die zwischen New Wave, Chanson, Pop und Ambient pendeln, nie tränig. Und sie klingen nach wie vor tanzbar. Auf einigen wenigen krachenden Nummern zeigt Herr Bitter dann auch, dass sie durchaus noch ausrasten können, wenn sie denn wollen.
Wer das live sehen möchte, dem sei dieser Samstag, 4. Juli, am St.Galler Kulturfestival empfohlen: Dann tauft Herr Bitter sein mittlerweile viertes Album. Gleichzeitig feiert die Band zehn Jahre Jubiläum und zeigt einen neuen Videoclip zum Song No Need. Der psychedelische, digital animierte Clip wurde von Grafiker Tittmann während eines Jahres «in nerdiger Kleinstarbeit» produziert und fügt sich ins Konzept von The Tide nahtlos ein: Die Bilder wabern und verändern sich unablässig, man fühlt sich zwischen Unterwasserwelt und Weltall driften.
Titelbild: Szene aus dem Videoclip zu No Need.
Das Albumcover von The Tide.
Herr Bitter: The Tide, ab 4. Juli im Handel, auf Doppel-LP mit dl-Code Fr. 28.– oder auf CD Fr. 18.–
Plattentaufe und Videoclip-Premiere: Samstag, 4. Juli, Kulturfestival St.Gallen. Support: Pamelia Stickney (US)
kulturfestival.ch
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