Stadtentwicklung hat einen Vorteil: Sie braucht Zeit. Damit kalkulieren nicht nur die Lattich-Initianten auf dem Güterbahnhofareal, sondern davon profitieren auch die Mieter des Fellhofs. Momentan ist das Haus eingerüstet; auch eine Heizung soll in den bisher nicht heizbaren Räumen installiert werden. Beat Brunner, der Mieter, bestätigt: Man hofft auf eine längere Zwischennutzung.
Beat Brunner im obersten Stockwerk.
Einst Felle, heute Ideen und Taten
Fellhof: Das Zauberwort geistert schon seit einiger Zeit durch die Stadt. Das 1902 erbaute Gebäude ist seit 1976 im Besitz der Stadt, es diente dem Gartenbauamt bis vor kurzem als Werkhof. Gebaut hatte es der Fellhändler Alfred Loppacher. Haken und Stangen an den Decken erinnern an den ursprünglichen Zweck. Diverse Interessenten klopften bei der Stadt an, nachdem das Gartenbauamt seinen neuen Werkhof beim Botanischen Garten bekommen hatte. Für eine öffentliche Nutzung fehlen aber die baulichen und sicherheitstechnischen Voraussetzungen.
So haben sich jetzt Handwerk und Kunst eingenistet. Beat Brunner ist vielen bekannt als Schneeskulpturenbauer; zusammen mit Roger Leu betreibt er die Firma Sculptura, daneben unterrichtet er als Werklehrer. Seit Anfang Jahr arbeiten Brunner und Leu hier, neben anderen Kreativen: dem Schreiner Attila Erdösh, der Malerin Ewa Roman, dem «Macher und Erfinder» Dominik Bütler oder Stefan Ingold, der hier malt, Songs schreibt oder seine Filme schneidet. Die Untermieter im Fellhof sind kein Kollektiv, man arbeitet für sich und findet sich im Einzelfall zusammen. Eine Atelierfläche ist momentan noch frei.
Kreatives Tun am Tag der offenen Tür.
«Interessant», aber nicht geschützt
Auch Brigitte Meyer hat im Fellhof ihren «Raum für Allerlei». Am Tag der offenen Tür spielte sie Cello, unter anderem zu Texten von Christine Fischer. Im Allerlei-Raum malt und zeichnet sie auch, neben ihrer Tätigkeit am Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung des Kantons St.Gallen. Am Fellhof schätzt Brigitte Meyer die Offenheit und Rohheit – kein Problem, hier einen Nagel einzuschlagen, das Haus hat schon manchen Kratzer abbekommen. Sie habe lange nach einem Atelier gesucht, kein Leichtes in dieser Stadt – und sei jetzt glücklich über die Möglichkeit, hier ungestört (wenn auch mit Verkehrslärm) arbeiten zu können. Ganz ähnlich äussert sich Stefan Ingold: «ein wunderbarer Rückzugsort».
Im ehemaligen Salon der Besitzerfamilie Loppacher steht ein Klavier, Stühle für die musikalischen Auftritte am Tag der offenen Tür bilden ein Halbrund, westlich schliesst sich eine Bibliothek in einer Art Loggia an, den Nebenraum hat Beat Brunner zur Küche ausgebaut. Die Wand- und Deckenmalereien hier im ehemaligen Wohntrakt sind noch zu erkennen, aber zum Teil zerstört. Denkmalpflegerisch gilt der Fellhof als «interessantes gewerbliches Baudokument des frühen 20. Jahrhundert» – geschützt ist er nicht.
Mitten in «Klein-Venedig»
Seine letzte Stunde wird denn auch schlagen, wenn klar ist, was hier im Gebiet St.Fiden-Heiligkreuz passieren soll. Der Stadtentwicklungsprozess fängt erst an, mehr dazu hier. Sicher scheint: Wenn die nahe gelegene Migros Bach expandiert, geht es nicht nur dem Fellhof, sondern wohl auch den niedrigen Häuserreihen davor an den Kragen. Das einstige «Klein-Venedig», legendär als Wohnquartier der italienischen «Gastarbeiter», wird dann dem zukünftigen Grösser-St.Gallen weichen müssen.
Auf einem runden Stein im «Raum für Allerlei» ist der Merkspruch zu lesen: «Und plötzlich weisst du, es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.» Der Fellhof erlebt 2016 gerade wieder einmal einen neuen Anfang.
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