Im Infraversum

Die kürzlich erschienene Biografie über Steff Signer erzählt nicht nur vom visionären Musikschaffen des Ausserrhoders, sondern auch von der Ostschweizer Nachkriegsgesellschaft. Geschrieben hat das Signer-Buch einer, der es wie kein anderer kann. 
Von  Corinne Riedener
Steff Signer, fotografiert von Andreas Butz, Appenzeller Verlag.

Gitarrist, Komponist, Arrangeur, Bandleader, Maler, Autor, Videowanderer, Gsondsinger, Seelenprotokollant. Es gäbe sicher noch ein Dutzend weitere Bezeichnungen für Steff Signer alias Infra Steff. Man könnte ihn auch einfach Künstler nennen. Doch das K-Wort mag er für sich nicht. Dasselbe gilt für Vergleiche mit Frank Zappa. Trotzdem war er jahrelang bekannt als «Zappa der Ostschweiz». Ja, was wären Künstler ohne jene, die über sie schreiben …

Steff Signer, 1951 im ausserrhodischen Hundwil geboren, passt in keine Schublade. In der Biografie über sein Leben und Schaffen, die im Mai beim Appenzeller Verlag erschienen ist, heisst es: «Einfach Nein sagen und sein eigenes Ding durchziehen» sei für ihn lebensbestimmend. Schon früh habe er eine «Abneigung gegen alles Kommerzielle und Modische», eine «Abscheu gegen Masse und Mob» entwickelt. Diese Bedingungslosigkeit zeichnet Steff Signer aus. Er gilt als einer der eigenwilligsten und kreativsten Köpfe der Schweizer Rock- und Popgeschichte seit den späten 1960er-Jahren. Interessant, dass so einer, der in keine Schublade passen will und äusserst fluid in seinem Denken und Schaffen ist, eine Biografie über sich verfassen und sein Leben so in eine «feste Form» bringen lässt.

Vom Gitarristen zum Bandleader zum Komponisten

Die Idee, ein solch reich klingendes Leben zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, ist eigentlich sowieso absurd. Dafür gäbe es geeignetere Medien. Doch dem Autor Hanspeter Spörri und den Herausgeber:innen Peter Surber, Heidi Eisenhut und Matthias Weishaupt ist es eindrücklich gelungen – nicht zuletzt dank multimedialer Traktorstrahlen: Auf memobase.ch sind via QR-Code zahlreiche Tondokumente, Partituren, Bilder und Videos abrufbar. Sie stammen auch aus dem Fundus von Signer selbst, der als Vorlass bei der Kantonsbibliothek Ausserrhoden liegt und auf steffsigner.ch zu erkunden ist. Das Buch wird so zum Tor ins «Infraversum».

Inhaltlich steht Signers musikalische Biografie im Zentrum. Sie erzählt von seinen Anfängen in den späten 60er-Jahren als Bandleader in der Kanti Trogen, der dem Turnunterricht dauerhaft fernbleiben will, weil er «den inneren Auftrag» verspürt, in dieser Zeit Gitarre zu üben. Vom Bath Festival in London, wo der Halbwüchsige zum ersten Mal Led Zeppelin, Pink Floyd, Santana und Frank Zappa live begegnet. Von prägenden Freundschaften unter anderem zu Paul Giger, Werner Herbers und Pete Loppacher. Vom Dirigieren mit einer Zahnbürste und einer skandalträchtigen Aufnahmesession mit dem «Grosser Samstag Orchester» 1975. Von der zwiespältigen Beziehung zum kommerziellen Erfolg, der Initialzündung in Amsterdam für seine Komponistenlaufbahn und den frühen 90er-Jahren als Opernkomponist und Musikproduzent für Migros Kulturprozent. Und von der späteren Rückkehr in seine «Highmatt», das Appenzeller «Henderland».

Das «Hippie-Sein» üben: Steff Signer, Paul Giger und Pete Loppacher (v.l.n.r.), 1968/69.

Das Buch ist aber weit mehr als eine musikalische Biografie. Die Zeitreise nimmt uns mit in die Ostschweizer Nachkriegsgesellschaft und Kultur-Bubble. Signers Geschichte handelt auch von Wohnwagenferien, italienischen Gastarbeitern, Riz Casimir, psychedelischen Substanzen, Bakunin und dem Fichenskandal. Und sie führt via Mörschwiler Kommune auf dem Hippie-Trail bis nach Herat und wieder zurück in die hiesige Kulturszene, ans Stadttheater St. Gallen, wo es früher noch Mitternachtsshows gab, in den berüchtigten «Kreis» zum «Africana» und dem «Goliath» in der St. Galler Altstadt oder ins Pfarreiheim Abtwil, wo Openair-Gründer «Gagi» Geiger einst Partys veranstaltet hat.

Reflexionen, Annäherungen und das Sprachrohr der emanzipierten Frau

All das aufgeschrieben hat Hanspeter Spörri. Der Journalist und Autor ist ein langjähriger Freund und Weggefährte Signers, zeitweise war er sogar sein Bandmanager. Eine überaus lohnende Verquickung, die dem Buch eine weitere Ebene gibt, etwa wenn die beiden über seelisch «angespannte» Lagen, das Böse im Menschen oder ideologische Irrtümer reflektieren. Hier schreibt einer über den Künstler, der es wie kein anderer kann.

Buchvernissage: 30. Mai, 19 Uhr, Altes Zeughaus Herisau

Ergänzt wird Spörris Biografie mit «Annäherungen» weiterer Autor:innen. Mitherausgeber Peter Surber spürt Signers Werken abseits der Musik und als «augenzwinkernder Schamane» nach, dazu präsentiert er eine Auswahl von Signers Texten und Pläss-Bildern. Der Komponist und Zappa-Forscher Chanan Hanspal erzählt, wie er zu Signers Musik fand und was in seinen Partituren steckt. Veit Stauffer vom Rec Rec Shop streiflichtert durch Infra Steffs Bandleader- und Komponisten-Jahre. Mitherausgeberin Heidi Eisenhut berichtet von den 25 Bananenschachteln Archivmaterial, das bei ihr in der Ausserrhoder Kantonsbibliothek lagert. Und Autorin Bettina Dyttrich sinniert über Signers bipolare Hommage ans «Henderland» in seinem 2008 erschienenen Buch Highmatt.

Highmatt sei eine Männerwelt, schreibt Dyttrich. Nicht nur die unangenehmen Machtmenschen, auch die Helden seien allesamt Männer. Das gilt mit wenigen Ausnahmen auch für die 400-seitige Signer-Biografie, wo die Frauen mehrheitlich Mitbewohnerinnen, Reisebegleiterinnen oder Partnerinnen sind und keine Musikerinnen, Künstlerinnen oder Bandmanagerinnen. Böser Wille steckt wohl nicht dahinter, eher der Geist der Zeit, immerhin sah sich Infra Steffs Band Futztz als «Sprachrohr der modern emanzipierten Frau». So selbstbewusst zumindest stellten sie sich dem Publikum bei einem Münchner Konzert 1972 vor.

Konzertplakat nach einem Entwurf von Paul Giger

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