Im Eingangsbereich des Kriseninterventionszentrums der Psychiatrie St.Gallen Nord an der Teufenerstrasse 26 sitzt ein junger Mann hinter Plexiglas. Alle müssen bei ihm ihre Personalien und den Grund ihres Besuchs angeben, danach wird Fieber gemessen. Auch hier hält langsam «The New Normal» Einzug. Wir sind mit Oberärztin Violeta Lapadatovic, seit sechs Jahren Leiterin der Krisenintervention (KIZ) der Psychiatrie St.Gallen Nord, verabredet.
Das Kriseninterventionszentrum ist eine offene Station mit 24 Betten, die 365 Tage im Jahr durchgehend erreichbar ist. Hierher kommen Menschen, die unter einer akuten psychischen Krise leiden, teilweise selbständig, teilweise über die Opferhilfe, das Kantonsspital, den Hausarzt oder die Dargebotene Hand. Manchmal reicht ein klärendes Gespräch mit den Fachleuten im KIZ, um wieder Boden unter den Füssen zu gewinnen, manchmal ist eine stationäre Behandlung oder ein Aufenthalt in der Tagesklinik nötig. Niederschwelligkeit wird hier grossgeschrieben, da viele Betroffene verunsichert sind und oft Hemmungen haben, sich professionelle Hilfe zu holen. Die hauseigene Krisenhotline, bei der man sich unverbindlich melden kann, ist Teil dieses Konzepts.
Die Psychiatrie St.Gallen Nord ist eine selbständige, öffentlich-rechtliche Institution des Kantons St.Gallen mit ambulanten und stationären Angeboten in Wil, Rorschach, St.Gallen und Wattwil. Sie beschäftigt rund 850 Mitarbeitende und ist auch Ausbildungsstätte.
Krisenhotline St.Gallen: 071 914 44 44 Krisen- und Notfallambulatorium Wil: 071 913 11 80
psgn.ch
Corona hat den Alltag auch im KIZ auf den Kopf gestellt. «Seit Mitte März hat sich unser Leben quasi im Minutentakt verändert», sagt Violeta Lapadatovic. Von heute auf morgen mussten sie und ihr Team den Betrieb umkrempeln: neue Regeln erlassen, Abstände beachten, Hygienevorschriften einhalten, ausserdem Besuchsverbot für die Angehörigen, Urlaubsverbot für die Angestellten. Körperliche Untersuchungen sind erschwert, die «Morgenrunde» wurde in den Speisesaal verlegt, die Kochgruppe bis auf Weiteres auf Eis gelegt, Gruppentherapien fanden während der Corona-Pandemie nur mit maximal vier bis fünf Patienten statt. Davor waren zehn bis zwölf Personen in der Gruppentherapie, zum Beispiel im Kunstatelier.
Lapadatovic musste rasch handeln nach dem ersten Schock. «Für uns war klar: Wir müssen funktionieren, die Psychiatrie gehört schliesslich zur Medizin.» Anfangs konnte sie sich noch nicht so recht vorstellen, wie das Physical Distancing im Psychiatriekontext überhaupt funktionieren soll. «In der therapeutischen Beziehung ist die erste Begegnung enorm wichtig», erklärt sie. «Man schüttelt die Hände, stellt sich vor, holt das Gegenüber ab. Die Hygienemassnahmen sind ein Hindernis, das hat mich anfangs etwas beunruhigt. In den ersten Wochen mussten wir vieles erklären, aber die Patienten haben es sehr gut und verständnisvoll aufgenommen, wir hatten darum nie eine negative Atmosphäre.»
Wie umgehen mit der Angst?
Zu Beginn des Lockdowns wurde oft die Frage gestellt, was die heimische Isolation und die Ungewissheit mit den Menschen machte, vor allem in den sozialen Medien. Eine Zeit lang war das Thema virulent, doch rasch drehten sich die öffentlich diskutierten Corona-Sorgen wieder um die ganz grossen Brocken: Aber die Wirtschaft! Schlittern wir in eine Rezession? Welche Branchen werden gerettet und mit wieviel Zaster? Wer sollen diese Menschen sein, die «ohnehin nicht mehr so viele Lebensjahre haben»? Wie muss eine datenschutzverträgliche Tracing-App aufgebaut sein? Können wir den Fussballern ein Milliönchen weniger pro Jahr zumuten? Bleiben die Grenzen jetzt offen? Will Bill Gates uns alle wie Haustiere nano-chippen? (Spoiler: Nein!)
Viele sorgen sich ums wankende Weltgefüge. Das wiegt schwer, drückt aufs Herz und aufs Gemüt, auf unser ureigenes mentales Gefüge. Vergessen geht dabei manchmal, dass die vermeintlich «kleinen» Sorgen, also jene, die nur uns und unser persönliches Umfeld betreffen, noch um einiges schwerer wiegen können. Wie gehen die Menschen mit der Ungewissheit um? Waren die Befürchtungen berechtigt? Wie haben Violeta Lapadatovic und ihr Team den Corona-Lockdown erlebt? Wurden sie von Verzweifelten überrannt?
Nein, sagt Lapadatovic, zumindest nicht im stationären Bereich. Die 24 Betten an der Teufenerstrasse seien das ganze Jahr über gut belegt, es gebe auch ohne Corona eine Warteliste. In der psychiatrischen Klinik in Wil, die ebenfalls zur Psychiatrie St.Gallen Nord gehört, sehe es ähnlich aus. Dort gibt es etwa 300 stationäre Betten. Deren Belegung sei derzeit ebenfalls relativ hoch, sagt sie, aber auch nur zum Teil wegen Corona. Es halte sich etwa die Waage: Die einen seien wegen psychischer Probleme aufgrund der Coronakrise gekommen, die anderen seien wegen dem Virus extra nicht gekommen – aus Angst vor einer Ansteckung, so wie viele auch nicht in die Notauf- nahme gegangen sind in den vergangenen zwei Monaten.
Gereizt, verunsichert, überfordert
Anders bei der Krisenhotline: Hier haben die Anrufe mit dem Lockdown um etwa 50 Prozent zugenommen. Zwischen Mitte März und Ende April gingen pro Tag etwa 20 Anrufe ein. Sie kamen vor allem nachts und am Wochen- ende, mehrheitlich von Frauen, die nicht mehr weiterwussten. Angst ist das grosse Thema, erklärt Lapadatovic: extreme Verlust- und Existenzängste, Zukunftsängste und die Angst vor einer Ansteckung. Die Nöte und Fragen sind existenziell. Wie lange dauert die Krise? Komme ich durch mit Kurzarbeit? Kann ich meine Miete noch bezahlen? Habe ich in einem halben Jahr noch einen Job? Habe ich noch eine Beziehung? Könnte meine Mutter oder mein Partner an Covid-19 sterben? Wie geht es meinen Angehörigen im Ausland? Die Liste ist lang.
Aus dem Merkblatt «psychische Gesundheit» des BAG:
Viele, die anrufen, nehmen zum ersten Mal psychiatrische Hilfe in Anspruch. Sie haben vor allem Mühe da- mit, dass sich ihr Alltag vom einen auf den anderen Tag auf den Kopf gestellt hat und nichts mehr wie gewohnt funktioniert. Sie klagen darüber, dass sie gereizt, ungeduldig und angespannt sind, auch weil ihnen die vermeintlich kleinen Dinge fehlen, das Fitnesscenter, das Feierabendbier, der Coiffeur oder das Nagelstudio. «Ich kann das gut verstehen», sagt Lapadatovic. «Wir waren ja ziemlich ‹verwöhnt› vor Corona, konnten uns alles Mögliche leisten. Dann kam dieser abrupte Stopp. All unsere Annehmlichkeiten von heute auf morgen zu verlieren, ist schwer zu akzeptieren. Kommt hinzu, dass wir vor Corona einigermassen fixe Tagesstrukturen hatten, eine Art inneren Autopiloten. Jetzt müssen sich viele von uns plötzlich überlegen, was sie mit ihrer Zeit anfangen.»
Es gibt aber auch die andere Seite, die der totalen Überforderung aufgrund fehlender Zeit. Zum Beispiel die alleinerziehende Mutter von drei Kindern, vier, acht und zwölf. Sie ist seit Wochen im Homeoffice, die Kinder 24/7 zuhause, die Leistung nimmt immer mehr ab, der Druck nimmt immer mehr zu – und irgendwann kann sie nicht mehr. Auch solche Anrufe hat Lapadatovic vermehrt. Doch die Situation ist enorm schwierig: «Betroffene Mütter melden sich bei uns, würden gerne einige Tage stationär im KIZ verbringen, doch sie wissen nicht wohin mit den Kindern. Als wäre das nicht schon genug, plagen sie auch noch Schuldgefühle – es ist ein Teufelskreis.» In normalen Zeiten können Patientinnen oft selber eine Betreuung organisieren, erklärt sie, aber im Lockdown sei das so gut wie unmöglich.
Ein Stück «Gleichberechtigung»
Lapadatovic ist froh, dass die Kitas und Schulen nun wieder offen sind. Allgemein habe sich die Situation wieder etwas normalisiert, sagt sie. «Von Mitte März, als der Lockdown kam, bis etwa Ende April war die schlimmste Phase. Seit der Lockerung nehmen die Anrufe merklich ab.» Sie teilt die vergangenen Monate in drei Phasen ein: Zuerst war die Gesellschaft in einem Schockzustand, dann folgte eine Phase der Anspannung und Ungewissheit und langsam, aber sicher kommt jetzt die «neue Normalität». «Für mich als Therapeutin ist es immer wieder faszinierend zu sehen, wie schnell sich die Menschen an neue Situationen anpassen kön- nen», sagt sie. «Das stimmt mich optimistisch.»
Bleibt zu hoffen, dass sich die mittel- und langfristigen Folgen der Pandemie und des Lockdowns einigermassen in Grenzen halten. Der Lockdown mag zeitlich begrenzt gewesen sein, Arbeitslosigkeit, Hunger oder Wohnungsnot sind das nicht – was der psychischen Gesundheit ordentlich zusetzen kann.
Mit Menschen, die schon vor Corona eine psychische Erkrankung hatten, machten Lapadatovic und ihr Team in den letzten Monaten übrigens eher die gegenteilige Erfahrung. Sie sind tendenziell mit Ängsten vertraut, lebten nicht selten schon vor Corona sozial isoliert oder hatten schon immer Mühe mit körperlicher Nähe. «Für diese Leute waren die Einschränkungen durch die Pandemie kaum ein Thema», erklärt Lapadatovic. «Die Welt hat sich ihnen quasi angepasst, da sie schon vorher nicht gerne in den Ausgang oder unter die Leute gegangen sind. Eine Patientin von mir hat dieses Paradox kürzlich treffend zusammengefasst, als sie feststellte: Im Moment sind wir alle gleichberechtigt.»
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
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