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Jelinek ohne Polemik

Nora Gomringer, die aktuelle Ingeborg Bachmann-Preisträgerin, war kürzlich zu Gast in der Kantonsbibliothek Frauenfeld und zog das Publikum mit wilden Texten und furioser Performance in ihren Bann.
Von  Etrit Hasler
Bild: nora-gomringer.de

Ich weiss, ich habe eine Tendenz zu Superlativen, aber in diesem Fall ist es einfach angemessen: Letzten Montag war mit Nora Gomringer die bedeutendste lebende Schweizer Lyrikerin in der Kantonsbibliothek Thurgau zu Gast. Zugegeben, das ist auch recht einfach: So wahnsinnig viele lebende Lyrikerinnen gibt es ohnehin nicht mehr, und die bisher einzige andere Schweizerin, die den Ingeborg Bachmann-Preis gewann, Erica Pedretti, ist zwar durchaus eine Poetin – aber niemals so der Lyrik verpflichtet wie Gomringer.

Wobei das mit ihrem Schweizer Hintergrund ja so eine Sache ist. Nora ist die Tochter von Eugen Gomringer, jenem Mitbegründer der konkreten Poesie, der einst in Frauenfeld und St.Gallen veröffentlichte und dabei das Schweizer Selbstverständnis so auf den Punkt brachte: «schwiizer sii / schwizer bliibe / nu luege.»

Auch ein bisschen Frauenfelderin

Nora selber wurde im Saarland geboren, wuchs in Bayern auf und hatte eher wenig mit der Schweiz zu tun. Kein Wunder also hat es seine Zeit gedauert, bis sie vom Schweizer Feuilleton als «Eine von uns» entdeckt wurde. So stand sie zwar in ihren Poetry Slam-Zeiten regelmässig auf Schweizer Bühnen – als sie den deutschsprachigen Slamtitel im Teamwettbewerb gewann (mit Fiva MC und Mia Pitroff), war das noch keiner Schweizer Zeitung eine Zeile wert. Als Nora Gomringer zehn Jahre später den Bachmann-Preis gewann, widmete ihr Literaturchef Roman Bucheli immerhin fast eine Seite mit einer (völlig verdienten, aber halt ein bisschen spät gekommenen) Lobeshymne. So stimmt es wohl, wenn Bernhard Bertelmann, Leiter der Kantonsbibliothek, sie an diesem Abend vorstellt mit «Sie ist Deutsche, sie ist Schweizerin, sie ist auch ein bisschen Frauenfelderin.»

Der Abend ist ein Genuss, wie man ihn von der erprobten Entertainerin Gomringer gewohnt ist. Auch wenn sie sich inzwischen (im Unterschied zu ihren früheren Auftritten) das standesgemässe Hinsetzen bei Wasserglas angewöhnt hat, schöpft sie weiterhin aus dem vollen Repertoire ihrer sonoren Stimme – murmelt, ruft, stöhnt, säuselt.

«Steht das in der Bibel?»

Sie nimmt dabei ihr Publikum mit auf einen wilden Ritt durch ihr Werk: Von Gedichten über Monster und Krankheiten, darunter «ein Gedicht über Depression, das die Menschen lesen wollen» («Das Kleid aus Blei, die Fragen aus Leder»), zu Texten über die Sprache selbst («Ich werde jetzt etwas ganz erstaunliches machen mit der Sprache… da werden sie staunen… ganz atemlos ihre Nachbarn anschauen.»), eine Erzählung darüber, wie sie beim Wandern in Leukerbad («Ist die Natur an mir verschwendet? ») einen sprechenden Hermelin trifft und mit diesem existentielle Abgründe bespricht («sie sind ein trauriger Mensch und sie hören sehr gut zu.»), eine soeben fertig geschriebene Weihnachtsgeschichte über den Opa, der sich einfrieren lässt («Steht das in der Bibel, dass das Himmelreich zu uns kommt, wenn wir in eine Tiefkühltuhe investieren?»), weil er die zunehmende Einsamkeit im Alter und die Entfremdung von seiner Familie nicht mehr aushält («Ihr kamt einmal im Jahr, wart fremde Leute und nicht besonders unterhaltsam»).

Die religiösen Gedichte stimmt sie zeitlich so ab, dass diese gleich nach dem «Inferno der Kirchenglocken» um 20 Uhr losgehen – Gedichte über Jesus, diesen Mann wie ein Briefkasten («ein Kummerkasten mit Schlitz») mit nur «12 Followern – daran muss man arbeiten», den sie bittet, wenn er denn komme, «Komm so wie Clooney. Kennste den?».

Nachlesen erwünscht – und nötig

Gomringer begegnet Themen immer wieder, indem sie bei ihr zu Figuren werden, denen sie sich im Gespräch stellt, etwa dem Krieg: «Ich hab Konjunktur. Schreib drüber.» Da treffen Sylvia Plath und Norman Bates aufeinander, Godzilla, ETA Hoffmann, Margot Frank und Krokodile in Kinderwagen – perfekt illustriert von Gomringers Performance, die nahtlos von erotischer Märchentante zur empathischen Nachrichtensprecherin bis hin zur animierten Porzellanpuppe wechseln kann, um sich dann sogleich wieder in ihren Naturzustand zu verwandeln, diese hyperauthentische junge Frau mit dem schelmischen Grinsen und einer Sprache wie Elfriede Jelinek, nur ohne Polemik.

Weitere Veranstaltungen in der Kantonsbibliothek Frauenfeld:
30. August: Laura De Weck
28. September: Tanja Kummer, Thomas Kowa, Stephan Pörnter und Mitra Devi
27. Oktober: Rebecca C. Schnyder und Laura Vogt
18. Januar 2017: Christian Gasser

Gomringer lässt ihrem Publikum an diesem Abend wenig Zeit durchzuatmen, sie überfordert, sie mutet sich ihrem Publikum zu – doch im Unterschied zu den Poetry Slams von früher ist dies eben eine Lesung. Die Gedichte sind veröffentlicht, die Bücher liegen am Büchertisch auf – die Überforderung ist nichts wenn nicht eine Einladung ans Publikum, sich die Texte zu besorgen und sich diese noch einmal in aller Ruhe zu Gemüte zu führen. Wers nicht tut, ist selber schuld.

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Heftvorschau 07/08/26
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