Wo anfangen? Beim Krieg? Bei der Familie? Bei der Musik, die nach Elena Neff Zhunkes Überzeugung frei von Politik sein sollte, sein müsste?
Unser Gespräch fängt, unvermeidlich, beim Krieg an. Mit den Nachrichten aus der russischen Anti-Kriegsbewegung, die sie auf Telegram mitbekommt. Mit ihren seit Jahren hier lebenden russischen Kolleg:innen, mit denen sie weiterhin friedlich verkehren und Musik machen will. «Ich kann ihnen keine Schuld zuweisen», sagt Elena Zhunke.
Kurz nach Kriegsausbruch hat sie drei Benefizkonzerte gegeben, im Duo Zhunke mit ihrer Schwester, der Pianistin Raissa Zhunke, zusammen mit einer guten Kollegin am Theater St.Gallen, der aus Russland stammenden Sängerin Tatjana Schneider, sowie im Quartett Gioconda mit einem langjährigen Freund, dem in Konstanz lebenden Cellisten Ilia Andrianov, ebenfalls aus Russland. Insgesamt 14’000 Franken gingen an die Caritas Ukraine.
Der Krieg ist allgegenwärtig, im Kopf, in ihren Hilfsaktionen, im Aufbau des Orchesters. Der Krieg ist nie weg. «Du kannst nicht schlafen.» Das Engagement für ihr Land und ihre Landsleute sei «auch eine Art Therapie».
Ukrainisch-schweizerische Kollaboration
Die neue Sinfonietta Sankt Gallen, das Orchester, das Elena Zhunke aus der Not des Kriegs im Juni auf die Beine gestellt hat, sollte ursprünglich Musikerinnen und Musiker auch aus Russland umfassen. Ein Vorbild gäbe es, Daniel Barenboims vielgelobtes (aber auch kontrovers diskutiertes) West-Eastern Divan Orchestra mit israelischen und arabischen Mitwirkenden.
Dazu kommt es jetzt nicht; von 11 Ukrainer:innen beim ersten Konzert ist deren Anzahl mittlerweile auf 19 Personen gestiegen. Insgesamt 26 Instrumentalist:innen umfasst das Orchester, neben Streichern Oboe, Flöte, Klarinette, Trompete, Klavier und Perkussion. Die Mitwirkenden kommen aus der Ostschweiz, aus Leipzig, Hamburg, Heidelberg, Basel, Bern, Lausanne, Österreich und von anderswo. Ein «internationales kulturell-soziales Musikprojekt» nennt Zhunke das Orchester.
Kollegen aus Russland ebenfalls mit einzubeziehen, wäre zu schwierig geworden, sagt sie. Die Haut ist dünn bei vielen ihrer Landsleute, der Krieg reisst Empfindlichkeiten, Gräben und Narben auf – verständlich, wer nach traumatischen Kriegserfahrungen eine «Allergie» habe.
Musiksprache, Feindessprache
Identitätspolitik auf ukrainisch: Das ist eine verwickelte Angelegenheit. Der eine von Elena Zhunkes Grossvätern kam aus St.Petersburg, der andere aus Moldova, beide wurden Opfer des Stalinismus. Die Eltern sprachen zu Hause russisch, «Lemberg war ukrainisch, aber die ganze Musikwelt in Kiew war russisch geprägt, zentralistisch». Dennoch bezeichnet sie sich als Ukrainerin – und als Schweizerin. «Meine Vorfahren und Verwandten waren und sind überall, in Dublin, in Rom, in Bukarest, in Wolhynien, in der Nähe von Lemberg.»
Entsprechend skeptisch ist die Musikerin gegenüber den Behauptungen, in der jetzigen Ukraine werde das Russische unterdrückt oder sei sogar verboten. «Da müsste man die halbe Ukraine verbieten.» Seit Beginn der russischen «Befreiung» 2014 schämten sich aber viele Ukrainer:innen, russisch zu sprechen. «Es ist eine Feindessprache geworden, erst recht nach dem Februar 2022.» Die Sprache sei auch eine Hilfe, die ukrainische Identität zu bewahren. «Deutsche zu sein ohne Deutsch zu können: Wie soll das gehen?»
Sinfonietta Sankt Gallen, Leitung Mikheil Menabde: Spiegel. Träume oder Kleines Leben, Ballettmusik (2021) von Victoria Vita Poleva
11. September, 19 Uhr, Tonhalle St.Gallen
sinfoniettasg@gmail.com
Elena Zhunke ist in der Westukraine geboren, hat mit vier Jahren mit Klavierunterricht und mit sieben an der Musikschule ihrer Kleinstadt Kovel mit der Geige angefangen. Eine «extrem harte» Schule, sagt sie – «es ging nicht um Spass über alles», vielmehr um Instrumentenbeherrschung auf höchstem Niveau. Gehörbildung, Komposition, Harmonielehre, Kammermusik, Chor und Orchesterspiel waren Teil der Ausbildung. Mit 18 spielte sie im Kammerorchester Kiewer Solisten, das seit Kriegsbeginn überall zu hören sei.
Perspektiven habe es damals in den 90er-Jahren aber keine gegeben, der Lohn war sehr schmal. Mit 19 ging sie aus der Ukraine weg nach Deutschland, an die Folkwang-Hochschule, bekam sofort eine Stelle als Praktikantin an der Deutschen Oper am Rhein und konnte selber für ihren Lebensunterhalt sorgen. 2003 nach dem Magisterabschluss in Kiew lehnte sie die Empfehlung, für das Aufbaustudium (Doktoriat) nach Moskau zu gehen, ab und blieb in Deutschland. In Lübeck und in Zürich vervollkommnete sie ihre Studien auch in Barockvioline und spielte im Orchester der Tonhalle Zürich.
Seit 15 Jahren ist Elena Zhunke im St.Galler Sinfonieorchester tätig, heute als stellvertretende Stimmführerin der zweiten Violinen, und ist mit ihrer Familie, dem Jazztrompeter Michael Neff und ihren drei Buben, an der Axensteinstrasse in St.Gallen zuhause: einem Quartier mit kinderfreundlichem Sozialleben, wie sie erzählt.
Integration, persönlich und musikalisch
Ihr Ziel sei es damals gewesen, sich im Westen rasch zu integrieren, die Sprache zu beherrschen, ein neues Leben zu beginnen. «Und jetzt, 20 Jahre später, holt mich mein Land hier wieder ein.»
In St.Gallen leben seit dem Ausbruch des Kriegs auch ihre Eltern. Sie hat sie aus Lemberg herausgeholt und erlebt, was es heisst, Flüchtling zu sein – weg von zuhause, in Sicherheit, aber entwurzelt, ohne Aufgabe. «Dieses Schicksal wünsche ich niemanden. Ich verstehe, wenn viele ukrainische Geflüchtete zurückkehren wollen».
Auch für sie sei das bereits Monate andauernde Grossfamilienleben herausfordernd, zu siebt in drei Zimmern, Verhältnisse «fast wie damals in der Sowjetunion», lacht sie. Ihre Eltern arbeiteten damals beide, sie wuchs mehrheitlich bei der Oma auf, das typische sowjetische Babuschka-System kennt sie aus eigenem Erleben.
Die neugegründete Sinfonietta sieht Elena Zhunke als eine Art Integrationsprojekt. Viele ukrainische Musikerinnen und Musiker haben ihre Stelle im eigenen Land verloren, können hier nicht arbeiten, brauchen Engagements. So wie Olga Ponomaryova, ihre beste Freundin aus Studienzeiten in Kiew, Geigerin wie sie, die nach Ausbruch des Kriegs ebenfalls geflüchtet ist und jetzt in St.Gallen dank Freunden wenigstens eine Wohnung gefunden hat – aber keinen Job.
Vor einigen Tagen spielte ihr Quartett Gioconda bei einer Veranstaltung des St.Galler Justizdirektors Fredy Fässler in Kirchberg. «Toleranz» hiess der Titel. Ein heikles Thema: Einerseits suchte man Gründe dafür, dass die Schweizer Bevölkerung gegenüber den Ukrainern extrem hilfsbereit ist, im Gegensatz zu Geflüchteten aus anderen Ländern. Andrerseits gebe es Klagen über die Ungerechtigkeit, dass Geflüchtete hierher kommen «und alles bekommen, ohne etwas dafür tun zu müssen».
«Ganz ehrlich, wir können uns hier nicht vorstellen, was ein Krieg ist, was Heimatlosigkeit und soziale Isolation bedeutet, weil man die Sprache nicht beherrscht», sagt Elena Zhunke. Zu schweigen von den Sorgen um die Liebsten, die in der Ukraine bleiben mussten, der kargen Nothilfe, der Schwierigkeit, eine Unterkunft zu finden und so weiter.
Drum sei es auch existentiell, die Musiker:innen angemessen entlöhnen zu können. Die Sinfonietta finanziert sich bis jetzt privat, und sie sucht weiterhin Unterstützung. «Man kann uns auch twinten», lacht die Konzertmeisterin und Managerin des Kammerorchesters. Jede Spende sei willkommen, jedoch hofft die Geigerin «auf eine wertschätzende Person, die als Gönner:in die Qualität des Orchesters anerkennt und es unter ihre Fittiche nimmt».
Eine Entdeckung: Komponistin Victoria Vita Poleva
Im Juli war die Sinfonietta erstmals öffentlich zu hören, in einem Konzert in der Lokremise. Innert weniger Tage wurde das Werk, Tristium für Streichorchester von Svyatoslav Lunyov, einstudiert, und für Elena Zhunke war es «wie ein Heimkommen. Es hat mich hundert Prozent aufgeladen.»
Jetzt steht der zweite Auftritt des Orchesters bevor. Auf dem Programm steht eine der vielen Entdeckungen, die hier im Westen noch aus dem reichen Fundus der ukrainischen zeitgenössischen Musik zu machen sind: das Ballett Spiegel. Träume oder Kleines Leben (2011) von Victoria Vita Poleva.
Die Komponistin wird just am Tag des Konzerts 60 Jahre alt, sie lebt momentan als Flüchtling in Disentis. Vielfach ausgezeichnet, unter anderem vom Geiger Gidon Kremer gefördert und in den grossen Konzerthäusern Deutschlands und Frankreichs präsent, ist Poleva dennoch wohl nur einem kleinen Teil von Musikkennern ein Begriff.
Victoria Vita Poleva (Bild: musicandliterature.org)
Das neue Orchester will auch in dieser Hinsicht eine Lücke füllen, zeitgenössische Musik aus dem Osten bekannter machen, aber auch selber Werke in Auftrag geben. Bereits plant Elena Zhunke eine Konzertreihe im Frühling 2023, unter dem Titel «Klangbogen», mit unterschiedlichen Ensembles aus Mitgliedern der Sinfonietta.
Zufall, aber ein passender, dass am kommenden Sonntag, dem 11. September, nicht nur die Sinfonietta spielt, sondern früher am Nachmittag (um 16 Uhr im Kirchhoferhaus) auch Contrapunkt ein Konzert mit zeitgenössischer Klassik ankündigt, unter anderem mit einer Uraufführung des St.Galler Komponisten Charles Uzor. «Das gibt einen richtigen Tag der Neuen Musik», sagt Elena Zhunke.
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