Erinnern sie sich an Ernst Nägeli, den Thurgauer Knecht? An das Bild von der Arbeiterrevolte im «roten» Arbon? An die Beiz namens «Moskau» und deren merk-würdige Namensgeschichte? Das sind einige der inzwischen mehreren Dutzend Bildgeschichten, die der Thurgauer Historiker Stefan Keller monatlich in der Kolumne «Kellers Geschichten» in Saiten erzählt.
Die so knappen wie kenntnisreichen Texte haben die Aufmerksamkeit des Rotpunktverlags gefunden: Er bringt eine Auswahl der Saiten-Kolumnen als Buch heraus, erweitert um kurze Bildbetrachtungen, die Stefan Keller in der Woz publiziert hat.
Geschichte von unten
2000 Zeichen, nicht viel mehr: Das ist eine harte Vorgabe für einen Autor, erst recht für einen mit so umfassenden und sprudelnden Geschichtskenntnissen wie Stefan Keller. Keller hält sich aber Monat für Monat an die Limite, hobelt und feilt an seinen Texten, entsprechend dicht und lakonisch knapp fallen sie aus. Und mit offenem Schluss: Keller ist kein Oberlehrer, sondern ein Geschichtenerzähler – aber einer mit politischem Anspruch.
Stefan Keller: Bildlegenden. 66 wahre Geschichten. Rotpunktverlag Zürich 2016, Fr. 29.-
Buchtermine: 25. Oktober, 20.15 Uhr Palace St.Gallen, Lesung und Gespräch 2. November, 19.30 Uhr Bücherladen Marianne Sax Frauenfeld
Die Bilder, meist alte Postkarten oder Privatfotografien aus seinem unerschöpflich scheinenden Archiv, erzählen Geschichte von unten. Das Bild aus dem Flüchtlingslager in Diepoldsau ist ein Beispiel davon, 1938 oder 1939, die jüdischen Flüchtlinge stehen in zwei langen Reihen vor ihren Betten Spalier, einer von ihnen ist Harry Weinreb, von dem Keller das Bild geschenkt gekriegt hatte. Oder die Postkarte «Gruss aus Andwil», auf der unter anderem eine Mietskaserne zu sehen ist, gebaut für die italienischen Stickereiarbeiter. Oder das Bild aus dem Familienalbum, betitelt «Stickereikrise», ein Hochzeitsfoto aus der Keller’schen Verwandtschaft, noch sieht man dem Hochzeitspaar nicht an, wie gross die wirtschaftliche Not ist. Oder im dieser Tage erscheinenden Novemberheft: die im Zeitraffer erzählte Geschichte der Komturei Tobel. Hier ist sie:
Der Spuk von Tobel
Hier soll um das Jahr 1212 der Kinderkreuzzug vorbeigekommen sein. Oder jedenfalls in dieser Gegend. Vielleicht mehr im Norden, dem Bodensee entlang.
Hier gründen um 1228 die Kreuzritter des Johanniterordens eine Komturei, eine Art weltliches Kloster, und fortan arbeiten die zinspflichtigen Bauern der Region auch für den christlichen Krieg gegen den Islam. Die Überschüsse der Komturei Tobel im Hinterthurgau fliessen direkt in die Johanniterfestung nach Rhodos, später nach Malta, ins Fort der Malteser.
Hier lässt im Herbst 1809 ein Regierungsrat das Johanniter- oder Malteserkreuz von der Pforte reissen, um das thurgauische Kantonswappen anzuschlagen. Die Republik übernimmt das Erbe des Feudalismus, und weil eine Republik ihre fehlbaren Bürger zu erziehen und zu bessern versucht, eröffnet man hier 1811 ein Gefängnis.
Von hier meldet die Presse 1844 und 1845 furchtbare Dinge. In der Anstalt Tobel, schreibt die «Neue Zürcher Zeitung», seien von 75 Gefangenen durchschnittlich 28 krank. Siebenmal mehr als unter freien Menschen. In Tobel, so die «Münchener politische Zeitung», sei es «beinahe mathematisch gewiss», dass kein Sträfling eine zehnjährige Haft überstehe: «Die schweren Verbrecher sterben an der Auszehrung; die Andern, welche zu ein- oder mehrjähriger Freiheitsstrafe verurteilt sind, kehren entkräftet in die bürgerliche Gesellschaft zurück.»
Bild: Florian Bachmann
Zur gleichen Zeit beginnt es in Tobel zu spuken: In der Karwoche 1845 hört man um Mitternacht lautes Poltern, wovon das ganze Gebäude erschüttert wird – die Wachhunde suchen winselnd Schutz bei den Wächtern. In anderen Nächten ertönt Sägen, Kettengerassel, das Geräusch eines Tisches, der durch Gänge gezogen wird. Ein Regierungsrat versucht, den Spuk zu entlarven, rückt mit Gendarmen an, doch diese erschrecken bloss selber. Naturforscher reisen nach Tobel, um das Phänomen zu studieren. Ab Weihnachten 1845 tritt es nicht mehr auf.
Die Strafanstalt existiert bis 1973. Zuletzt wird sie öffentlich als nationaler «Schandfleck» bezeichnet. Der Spuk scheint bis heute ungeklärt.
Bilder der Arbeiterbewegung
In der Woz war der Platz noch knapper: Gerade einmal 400 Zeichen standen dem Autor dort zur Verfügung für einen Kommentar zu einem ausgewählten Bild aus der Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung, zumeist aus dem Fundus des Schweizer Sozialarchivs. Demonstrationen, Hausbesetzungen, Ferienlager, Arbeiterturnfeste, Bau des Lötschbergtunnels usw.: Das Spektrum ist weit, die Bilder sind manchmal heroisch, meist ernst, manchmal auch witzig.
Geschichte in Form von Kurz-Geschichten zu erzählen: Ist das legitim? Das ist eine der Fragen, über die der Autor an der Buchvernissage in St.Gallen Auskunft geben wird, ebenso über seine Arbeits- und Recherchemethoden. Und über die Notwendigkeit historischer Erinnerungsarbeit in Zeiten der galoppierenden Geschichtsvergessenheit.
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