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Kellers Sozial-Geschichte(n) im Buch

«Bildlegenden» heisst das Buch bescheiden. In 66 Episoden erzählt der Historiker Stefan Keller darin wahre Geschichten, viele davon aus dem Thurgau. Sie erschienen in Saiten und in der Woz, jetzt ist daraus ein Buch geworden, am Dienstag wird es in St.Gallen vorgestellt.
Von  Peter Surber

Erinnern sie sich an Ernst Nägeli, den Thurgauer Knecht? An das Bild von der Arbeiterrevolte im «roten» Arbon? An die Beiz namens «Moskau» und deren merk-würdige Namensgeschichte? Das sind einige der inzwischen mehreren Dutzend Bildgeschichten, die der Thurgauer Historiker Stefan Keller monatlich in der Kolumne «Kellers Geschichten» in Saiten erzählt.

Die so knappen wie kenntnisreichen Texte haben die Aufmerksamkeit des Rotpunktverlags gefunden: Er bringt eine Auswahl der Saiten-Kolumnen als Buch heraus, erweitert um kurze Bildbetrachtungen, die Stefan Keller in der Woz publiziert hat.

Geschichte von unten

2000 Zeichen, nicht viel mehr: Das ist eine harte Vorgabe für einen Autor, erst recht für einen mit so umfassenden und sprudelnden Geschichtskenntnissen wie Stefan Keller. Keller hält sich aber Monat für Monat an die Limite, hobelt und feilt an seinen Texten, entsprechend dicht und lakonisch knapp fallen sie aus. Und mit offenem Schluss: Keller ist kein Oberlehrer, sondern ein Geschichtenerzähler – aber einer mit politischem Anspruch.

Stefan Keller: Bildlegenden. 66 wahre Geschichten. Rotpunktverlag Zürich 2016, Fr. 29.-

Buchtermine:
25. Oktober, 20.15 Uhr Palace St.Gallen, Lesung und Gespräch
2. November, 19.30 Uhr Bücherladen Marianne Sax Frauenfeld

Die Bilder, meist alte Postkarten oder Privatfotografien aus seinem unerschöpflich scheinenden Archiv, erzählen Geschichte von unten. Das Bild aus dem Flüchtlingslager in Diepoldsau ist ein Beispiel davon, 1938 oder 1939, die jüdischen Flüchtlinge stehen in zwei langen Reihen vor ihren Betten Spalier, einer von ihnen ist Harry Weinreb, von dem Keller das Bild geschenkt gekriegt hatte. Oder die Postkarte «Gruss aus Andwil», auf der unter anderem eine Mietskaserne zu sehen ist, gebaut für die italienischen Stickereiarbeiter. Oder das Bild aus dem Familienalbum, betitelt «Stickereikrise», ein Hochzeitsfoto aus der Keller’schen Verwandtschaft, noch sieht man dem Hochzeitspaar nicht an, wie gross die wirtschaftliche Not ist. Oder im dieser Tage erscheinenden Novemberheft: die im Zeitraffer erzählte Geschichte der Komturei Tobel. Hier ist sie:

Der Spuk von Tobel

Hier soll um das Jahr 1212 der Kinderkreuzzug vorbeigekommen sein. Oder jedenfalls in dieser Gegend. Vielleicht mehr im Norden, dem Bodensee entlang.

Hier gründen um 1228 die Kreuzritter des Johanniterordens eine Komturei, eine Art weltliches Kloster, und fortan arbeiten die zinspflichtigen Bauern der Region auch für den christlichen Krieg gegen den Islam. Die Überschüsse der Komturei Tobel im Hinterthurgau fliessen direkt in die Johanniterfestung nach Rhodos, später nach Malta, ins Fort der Malteser.

Hier lässt im Herbst 1809 ein Regierungsrat das Johanniter- oder Malteserkreuz von der Pforte reissen, um das thurgauische Kantonswappen anzuschlagen. Die Republik übernimmt das Erbe des Feudalismus, und weil eine Republik ihre fehlbaren Bürger zu erziehen und zu bessern versucht, eröffnet man hier 1811 ein Gefängnis.

Von hier meldet die Presse 1844 und 1845 furchtbare Dinge. In der Anstalt Tobel, schreibt die «Neue Zürcher Zeitung», seien von 75 Gefangenen durchschnittlich 28 krank. Siebenmal mehr als unter freien Menschen. In Tobel, so die «Münchener politische Zeitung», sei es «beinahe mathematisch gewiss», dass kein Sträfling eine zehnjährige Haft überstehe: «Die schweren Verbrecher sterben an der Auszehrung; die Andern, welche zu ein- oder mehr­jähriger Freiheitsstrafe verurteilt sind, kehren entkräftet in die bürgerliche Gesellschaft zurück.»

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Bild: Florian Bachmann

Zur gleichen Zeit beginnt es in Tobel zu spuken: In der Karwoche 1845 hört man um Mitternacht lautes Poltern, wovon das ganze Gebäude erschüttert wird – die Wachhunde suchen winselnd Schutz bei den Wächtern. In anderen Nächten ertönt Sägen, Kettengerassel, das Geräusch eines Tisches, der durch Gänge gezogen wird. Ein Regierungsrat versucht, den Spuk zu entlarven, rückt mit Gendarmen an, doch diese erschrecken bloss selber. Natur­forscher reisen nach Tobel, um das Phänomen zu studieren. Ab Weihnachten 1845 tritt es nicht mehr auf.

Die Strafanstalt existiert bis 1973. Zuletzt wird sie öffentlich als nationaler «Schandfleck» bezeichnet. Der Spuk scheint bis heute ungeklärt.

Bilder der Arbeiterbewegung

In der Woz war der Platz noch knapper: Gerade einmal 400 Zeichen standen dem Autor dort zur Verfügung für einen Kommentar zu einem ausgewählten Bild aus der Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung, zumeist aus dem Fundus des Schweizer Sozialarchivs. Demonstrationen, Hausbesetzungen, Ferienlager, Arbeiterturnfeste, Bau des Lötschbergtunnels usw.: Das Spektrum ist weit, die Bilder sind manchmal heroisch, meist ernst, manchmal auch witzig.

Geschichte in Form von Kurz-Geschichten zu erzählen: Ist das legitim? Das ist eine der Fragen, über die der Autor an der Buchvernissage in St.Gallen Auskunft geben wird, ebenso über seine Arbeits- und Recherchemethoden. Und über die Notwendigkeit historischer Erinnerungsarbeit in Zeiten der galoppierenden Geschichtsvergessenheit.

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Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
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Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Von Pius Frey und David Gadze,
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von Mia Nägeli,

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von Vera Zatti,
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Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von Richard Butz,
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von Philipp Bürkler,
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von Philipp Bürkler,
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Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von Kristin Schmidt,
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von René Hornung,
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von Christoph Keller,

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von Peter Surber,
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von Lilli Kim Schreiber,
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Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von Vera Zatti,
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von Jeremias Heppeler,

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von Peter Surber,
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