Ein lottrig zusammengebautes Zimmer aus Holzbrettern hängt an Stahlseilen im Raum. Innen steht ein kleines Stahlbett, die Wände sind mit einer grünen Tapete überzogen, das Muster leicht verzerrt. Ein Albtraumzimmer, sozusagen: «Es geht um die inneren Ängste, die einen in der Nacht beschleichen», erklärt der Künstler Pascal Kohtz. Ein paar Meter weiter weg hängt ein etwa sechs Meter grosser Hase in der Luft, der in einem Loch im Boden der alten Fabrikhalle in Töss versenkt wird. Einen Stock tiefer, im Keller der Fabrik, installiert Mia Diener auf drei Sockeln alte Wählscheibentelefone. Daneben stehen Kinderstühle – die Szenerie erinnert an Kindertelefon-Stationen, wie es sie früher in der Bank gab. Drei Geschichten hat die Künstlerin für die Audio-Installation geschrieben und aufgenommen: «Märchen für Erwachsene, für die man sich Zeit nehmen muss», sagt Diener.
Die Installationen von Kohtz und Diener sind Teil einer Ausstellung mit dem Namen «Aus dem OFF#1», die jetzt in einer alten Metallwerkstatt in Winterthur-Töss Vernissage feiert. Die zweigeschossige Fabrikhalle wurde 1928 als Hintergebäude zu einem Wohnhaus errichtet. Weil ein Teil der leerstehenden Halle nun abgerissen werden soll, ergab sich die Gelegenheit für eine Zwischennutzung vom 16. bis am 25. Mai.
Neues unabhängiges Format
Während zwei Wochenenden ist die Ausstellung in Töss offen. Am Samstag, 24. Mai werden zudem Performances veranstaltet. Die Ausstellung ist der Startschuss einer unregelmässigen Ausstellungsreihe von elf jungen professionellen Kunstschaffenden, die in Winterthur aktiv oder verwurzelt sind. «Aus dem OFF» nennt sich das lose Kollektiv, bestehend aus Michael Etzensperger, Mia Diener, Gabriella Hohendahl, Florian Fülscher, Sarah Hablützel, Pascal Kohtz, Sabina Gnädinger, Patrizia Vitali, Marco Wyss, David Kümin und Gianin Conrad. Kuratiert wird die Ausstellung von Patricia Bianchi, einer freischaffenden Kuratorin und Mitarbeiterin im Haus Konstruktiv in Zürich.
«Wir verstehen uns als unabhängiges und offenes Format, das nicht immer fix in dieser Konstellation zusammenarbeiten muss», sagt Sabina Gnädinger. Das Kollektiv will die Interessen der jungen Kunstschaffenden vertreten und mehr Anerkennung für Off-Spaces in Winterthur finden. Denn unabhängige Kunsträume bildeten die Grundlage für eine lebendige Kunstszene. «Aus dem OFF» ist ein Format, das keinen fixen Ort mit Programm bereitstellen will, sondern unterschiedliche Räumlichkeiten temporär nutzen will.
Kunstförderung nur für Arrivierte?
Die Künstler-Generation um die Dreissig vermisst in Winterthur spannende Plattformen und nicht institutionelle Ausstellungsmöglichkeiten. Die Kritik entzündete sich an der Bekanntgabe der Kunstschaffenen, die für das Auslandatelierprogramm der Stadt in Berlin und Kairo ausgewählt wurden. Seit der Existenz des Atelierprogramms seien nur wenige Angehörige der jüngeren Generation berücksichtigt worden, bemängelten mehrere Kunstschaffende.Weshalb dieses Ungleichgewicht in der Ateliervergabe? Was sind die Kriterien zur Vergabe und wer sitzt weshalb in der Jury? Eine lose Gruppe von Kunstschaffenden wandte sich mit diesen Fragen und der Forderung nach mehr Transparenz an die Stadt.
Dabei gehe es nicht darum, «den regionalen Künstler-Kuchen zu fördern, sondern etwas, das regional entsteht und Relevanz hat. Überregionales Schaffen kann auch auf die Stadt zurückstrahlen». Zwar gebe es eine Künstlergruppe in Winterthur, die von Sponsoren unterstützt werde. Doch das Modell, das in den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden ist, sei veraltet. Als junge Generation wollten sie ebenfalls erst genommen werden. «Wir sehen uns als eine Ergänzung zu den bestehenden Modellen», sagt Michael Etzensperger.
Bei der Stadt Winterthur rannte die Gruppe offene Türen ein: Dass es in der Stadt aktive, junge Kunstschaffende gibt, hörte die Stadt gern. Sie müssten aber mit Projekten auf sich aufmerksam machen und «signalisieren, dass sie da sind». Daraus entstand im letzten Sommer die Idee, mit kleinem Budget eine erste eigene Ausstellung auf die Beine zu stellen: «Aus dem OFF». Neben den elf Gründern des Kollektivs wird auch Sujin Lim, die zurzeit als Artist-in-Residence in der Villa Sträuli arbeitet, teilnehmen. Externe Kunstschaffende aufzunehmen und damit ein Zeichen zu setzen, gehöre mit zum Programm, sagt Michael Etzensperger.
Vielfalt der Positionen
Interessant ist die Ausstellung «Aus dem OFF» aber nicht nur als Initiative «von unten», sondern auch, weil sie zeitgenössische Positionen zusammenbringt, die sonst in Winterthur nur in der Kunsthalle in Einzelausstellungen Platz finden. «Der Off-Space gibt uns die Möglichkeit, neue Sachen auszuprobieren und vielleicht auch zu scheitern», sagt Sabina Gnädinger. Sie bespielt die Halle mit silbernen Schläuchen, die der Halle auf organische Weise im wahrsten Sinne des Wortes «Leben einhauchen».
Sarah Hablützel und Michael Etzensperger erproben, wie ihre zweidimensionalen Fotografien in einer solchen Halle, die weit entfernt von einem klassischen Ausstellungsraum und bereits voller visueller Eindrücke ist, bestehen können. Mit Formen, die sie über Wände und Boden ziehen, haben sie einen «White Cube» in die alte Industriehalle eingebaut, auf dessen Fläche die Arbeiten experimentell gehängt sind. Daneben gibt es Bild-, Klang- und Videoinstallationen, Skulpturen und weitere Arbeiten die direkt oder indirekt auf den Raum reagieren. Ab Freitag ist «Aus dem OFF» on – dann ist Vernissage im 800 Quadratmeter grossen Kunstraum auf Zeit.
Aus dem OFF #1: Vernissage 16. Mai 2014, 18 Uhr; Performances 24. Mai 2014, 18 Uhr, mit Francesca Silva, Nicole Bachmann, Milenko Lazic, Juan Mauricio Schmid, Nils Amadeus Lange.
Offen: 17. Mai bis 25. Mai, jeweils Do bis So von 16 bis 20 Uhr. Bütziackerstrasse 37, (via Strittackerstrasse 23), 8406 Winterthur
www.ausdemoff.tumblr.com
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen mit Zauberberg ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen.
Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.
Treueprobe, Verkleidungsspuk, Partner:innentausch: Così fan tutte scheint definitiv von vorgestern. Trotzdem lohnt sich Mozarts Oper auch jetzt wieder am Theater St.Gallen. Am Samstag war Premiere.
Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona zeigt seit dem 26. April die aktuelle Sammlungsausstellung «wohin – woher – womit». Mitgestaltet von Menschen aus der Region untersucht sie, wie Teilhabe in Museen künftig aussehen kann.
St.Gallen verliert das Spiel gegen Sion und macht so Thun zum Meister. Doch in St.Gallen denken längst alle an den anderen Titel, der dann in drei Wochen vergeben wird. Das Spiel gegen Sion zum Nachlesen gibt es trotzdem im SENF-Ticker.
Filmfestival in Frauenfeld
Buch zur Migration in die Ostschweiz
In diesem Jahr feiert St.Gallen den 1100. Todestag Wiboradas. Obwohl die Inklusin einen grossen Einfluss auf die Stadt hatte, ist sie den wenigsten ein Begriff. Das soll sich ändern. Wie dies gelingen soll und welche Bedeutung Wiborada heute noch hat, erzählen Jolanda Schärli und Hildegard Aepli vom Verein Wiborada-Jubiläum 2026 sowie Karin K. Bühler von der feministischen Bibliothek Wyborada im Gespräch mit Saiten.
Doppeltes Jubiläum: Im Mai jährt sich das Martyrium der St.Galler Stadtheiligen Wiborada zum 1100. Mal. Und der Verein Wyborada, der 1987 die gleichnamige feministische Bibliothek eröffnete, feiert sein 40-Jahr-Jubiläum. Ausserdem im Mai-Heft: Das Gespräch zwischen Florian Vetsch und dem St.Galler Autor Christoph Keller über dessen neuen Roman.
Abbau von über 46 Vollzeitstellen in der Verwaltung, Schliessung des Volksbades, zusätzliche Blitzer für die Stadtpolizei: Mit solchen Massnahmen will die St.Galler Stadtregierung bis 2029 das jährliche Loch in der Stadtkasse um 17,1 Millionen Franken reduzieren.
Die Ostschweizer Band Team Negroni hat eine Vinyl-Platte mit Coversongs herausgebracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gallischen Grabenhalle getauft.
Pure Zeitverschwendung oder endlich mal eine Pause im durchgetakteten Rhythmus der Tage? Drei Performer:innen nähern sich dem Phänomen des Wartens künstlerisch-wissenschaftlich an.
Das Kollektiv Dance Me to the End setzt sich für die Sichtbarkeit von Altern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai präsentiert es zwei verschiedene Tanzstücke in der St.Galler Lokremise. Saiten hat mit drei Kollektivmitgliedern gesprochen.
Pankraz Vorster war der letzte Fürstabt von St.Gallen. Sein Tagebuch liefert wertvolle Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Das Stiftsarchiv St.Gallen hat die Handschrift als Edition veröffentlicht und vergangenen Mittwoch einen Einblick gegeben.
In ihren Songs verarbeitet die Winterthurer Band Anger Mgmt. die psychischen Probleme ihres Sängers. Heute erscheint ihr zweites Album, das erneut in die inneren Abgründe führt. Es ist ein dunkler Monolith – mit einem Lichtblick am Schluss.
Das Kinderdorf Pestalozzi feiert sein 80-jähriges Bestehen. Mit welchen Herausforderungen Kinder heutzutage konfrontiert sind und wie die Stiftung dagegenhält, erklärt Programmleiterin Bertha Camacho.