Wenn ich an den vor zehn Jahren verstorbenen Beat-Imam von der Frankfurter Al-Nuur-Moschee, den Derwisch der deutschen Literaturgeschichte, zurückdenke, wenn mir Hadayatullah Hübsch (1946–2011) in den Sinn kommt, durchströmt Dankbarkeit mein Herz.
Er hat mir das lyrische Ping-Pong-Verfahren beigebracht, das ich im Austausch mit ihm einübte und bis heute mit Claire Plassard pflege. Und Hadayatullah hat immer grosszügig Texte für Magazine und Anthologien freigemacht, die ich zu seinen Lebzeiten herausgebracht habe; handkehrum lud er mich ein, für die Nummern 7 und 8 seines Little mags Holunderground Gedichte und Übersetzungen beizutragen.
Unsere Korrespondenz war virulent und mündete in den Gedichtzyklus Round & Round & Round (Sondog, Wien 2011); den fragmentierten zweiten, Eis bricht leis (Gonzo, Mainz 2013), hatte jäh Hübschs Tod unterbrochen.
Bild: Florian Günther
Noch zu seinen Lebzeiten habe ich Hadayatullah dieses Gedicht gewidmet:
21 Augen
für Hadayatullah Hübsch
21 Augen zählt der Würfel & Mit der Zeit zahlen sie Sich alle aus, zählen sich Aus: 3, 2 1, 0 – so endet der Koran, Hau! California, I’m comin’ home Du kamst zum Schwäbischen Meer, in der zerfetzten Tasche Die Pöms aus Marokko Sprachst am Mikro- Phon von der Anderen Welt Im alten Kino Palace Vor wenig Leuten Friede den Hütten! Krieg den Palästen! Als Irrweg ausgemacht & mitten im Gebimmel & Gelall$ Der Pfaffen den Salat Gemacht. Love is touching Souls, so süss wie Bitter, die 21. Zeile.
Am 20. Oktober 2006 las Hadayatullah, der damals bereits über 100 (!) Bücher herausgebracht hatte, gemeinsam mit Jürgen Ploog, in der Syrano Bar im Linsebühl (siehe zu dieser Lokalität The Story of Syrano Bar, Saiten, Februar 2008). Die Stimmung war keineswegs harmonisch. Es waren nur eine Handvoll Gäste da. Aber Hadayatullah gab alles: Er flüsterte, schrie, raunte, hauchte seine Poeme, hüpfte, klackte, sprang in seinen Stiefeln durch die Bar, schmetterte seinen antikapitalistischen Song Gib mir dein Geld! den Leuten ins Gesicht…
Hadayatullah Hübsch war ein Pionier, gerade was die ganzkörperliche Performance von Poesie betraf. Nicht umsonst hatte ihn der Kölner Express als «Bühnen-Vulkan» gefeiert.
Ich stellte diesen ausserordentlichen Menschen an diversen Weiterbildungsveranstaltungen interessierten Kolleginnen und Kollegen der kantonalen Mittelschulen vor und erinnere mich, dass er an einer derselben den Ramadan respektvoll durchzog und dass ich an einer anderen für ihn morgens einspringen musste, weil er nach der Verrichtung des frühmorgendlichen Gebets nochmals eingeschlafen war und erst nach 10 Uhr auftauchte, dann aber bis zum Mittag fesselnd von seinen religiösen Erweckungserfahrungen erzählte.
Letztere brachten den als Paul-Gerhard Hübsch 1946 in Chemnitz Geborenen dazu, 1969 zum Islam zu konvertieren, eine Entscheidung, die polarisierte, für ihn aber konstitutiv war. Wenn man denn Jürgen Ploog als den deutschen Burroughs und Helmut Salzinger als den deutschen Gary Snyder bezeichnen mag, könnte man Hadayatullah Hübsch wegen seiner performativen Wucht, aber auch wegen der spirituellen Dimension seiner Arbeiten den deutschen Allen Ginsberg nennen.
Als Moslem hielt das Ex-Mitglied der Kommune I das Gespräch selbst mit der extremen, der kombattanten Rechten stets aufrecht. Sarrazin und andere Scharfmacher konterte Hadayatullah unbeirrbar mit seiner Botschaft der Sanftmut, ganz dem Motto der Ahmadyyia, der islamischen Strömung, die er repräsentierte, ergeben: «Liebe für alle! Hass für keinen!»
Auch am 4. Januar 2011 legte sich Hadayatullah Hübsch nach dem Morgengebet nochmals hin – und erwachte nicht mehr, vier Tage vor seinem 65. Geburtstag.
Hadayatullah Hübsch und Florian Vetsch: Round & Round & Round – Ein Gedichtzyklus
songdog.ch
Die neue «Fabrikzeitung» ist seinem Andenken gewidmet; zusammen mit Michelle Steinbeck, Gregor Huber und Ivan Sterzinger habe ich sie zusammengeschlagen. Sie bietet keine Hagiographie, sondern vielmehr einen lebendigen Abdruck der Energie, die der Komplex Hadayatullah Hübsch bis heute freizusetzen vermag: fabrikzeitung.ch.
Viel Freude beim Entdecken!
William S. Burroughs zum Hundertsten – Ein Essay von Jürgen Ploog. Am Dienstag liest er Burroughs zu Ehren im Palace.
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