Es mag einer der schrägsten Nebeneffekte der globalen Unterhaltungsindustrie sein, dass die klassische Musik ausgerechnet via Film und Fernsehen ein Comeback feiern durfte – man könnte auch sagen: wieder zu Popkultur wurde. Seit John Williams 1977 den Soundtrack zu Star Wars komponierte, untermalte Hollywood alles, was irgendwie episch erscheinen sollte, mit dieser Form der modernen Orchestermusik. Damit kreierte die Industrie nicht nur enorm erfolgreiche Komponisten wie Williams und Hans Zimmer, sondern schuf kulturelle Memes mit globalem Wiedererkennungswert, mit denen in der «echten» klassischen Musik vielleicht nur noch Beethovens 9. Sinfonie konkurrieren kann.
Ähnlich, wenn auch in einem ganz anderen Medium, kam die klassische Musik in Japn zu einem Comeback, nämlich mit Videospielen. Die Soundtracks von Super Mario oder The Legend of Zelda werden seit Jahrzehnten von rennomierten klassischen Orchestern aufgeführt – und dies vor ausverkauften Stadien. Einem der Komponisten, der diese Entwicklung massgeblich mitgeprägt hat, widmet das Sinfonieorchester St.Gallen diesen Donnerstag mit «Final Fantasy Symphonic Memories» einen eigenen Abend: Nobuo Uematsu.
Dass die Videospielreihe Final Fantasy, die in unseren Breitengraden immer noch eher Insidern bekannt ist, in Japan zur erfolgreichsten RPG-Reihe (Rollenspiel, engl. role-playing video game) überhaupt aufgestiegen ist, verdankt sie nicht zuletzt den filigranen Kompositionen von Uematsu. Der Autodidakt untermalte ab 1987 die Reihe, die sich seit Anbeginn darauf verlegte, epische Konflikte zwischen Menschen und Gottheiten und Liebesgeschichten in Weltuntergangsszenarien als ellenlange interaktive Filme mit wunderschön gestalteten Animationen in Szene zu setzen.
Final Fantasy Symphonic Memories: 6. Juni, 19.30 Uhr, Tonhalle St.Gallen. Leitung: Eckehard Stier, Klavier: Micha Cheung
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Hier geht es um Menschen, die sich gegen die Götter auflehnen wie die Beschwörerin Yuna, die als Quasi-Selbstmordattentäterin für den Kampf gegen das Stadtgrosse Monster Sin, also «Sünde» trainiert wird und das sie nur unter Aufgabe ihres eigenen Lebens besiegen kann. Um den gedächtnislosen Soldaten Cloud, der mit seinen Freunden gegen die Kainsfigur Sephiroth in ein finales Gefecht zieht vor dem Hintergrund eines auf den Planeten stürzenden Mondes. Um die endpathetische Romanze zwischen dem wortkargen Squall Leonhart und der Rebellenkämpferin Rinoa Heartilly, die in einem ersten Kuss in der kalten Leere des Alls gipfelt. Um Bürgerkriege mit apokalyptischen Waffen, geflügelten Dämonen, machtgierigen Despoten und von Selbstzweifeln geschüttelten Helden.
Anders formuliert: Jede Ausgabe von Final Fantasy ist das Videogame-Gegenstück zu Herr der Ringe. Wobei die Fans der Reihe gern betonen, dass Final Fantasy mit weniger Waldbeschreibungen auskommt als J.R.R. Tolkien.
Es sind diese Welten, in die Uematsu mit seinen Kompositionen entführt – mit grossen Strichen gemalte Szenen, mit unendlich viel Pathos – so wie es sich für popkulturelle Memes eben gehört. Vorkenntnisse über die Spiele sind nicht nötig, um diese Musik zu geniessen – doch wer sich von ihr bewegen lässt, dem ist ein Blick in diese vielleicht noch unbekannte Kulturform durchaus zu empfehlen.
Hier eine Aufnahme des Royal Symphonic Orchestra:
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