Saiten: Haben Sie sich den letzten Blutmond angeschaut?
Men J. Schmidt: Ach, der «Blutmond», das ist so ein Modebegriff. Es gibt auch orange oder graue vollständige Mondfinsternisse. Aber zu Ihrer Frage: Nein, ich habe ihn nicht gesehen. In Gossau war es heute früh bedeckt.
Gerade Sie als Weltraumexperte müssten doch die Faszination verstehen, die der Erdtrabant auf die Menschen ausübt.
Der Mond musste und muss wohl auch in Zukunft für vieles herhalten. Gelehrte, Philosophinnen, Theaterautoren, Sektierer und Verliebte auf der Parkbank beanspruchen ihn für sich. Der Mond kann Gutes und Böses symbolisieren. Die Faszination für die grösste Lampe am Nachthimmel ist verständlich, sowohl aus Sicht des Neandertalers, der aus seiner Höhle schaut, als auch aus Perspektive des Astrophysikers, der durch sein Teleskop die Mondkrater zählt.
Wie haben Sie vor 50 Jahren die Mondlandung erlebt?
Ich war damals am 20. Juli 1969 elfeinhalb Jahre alt. In Sent im Engadin, wo ich aufgewachsen bin, gab es nur zwei Fernseher, beide standen in Restaurants. Ich habe die Mondlandung am Radio mitverfolgt. Um 9 Uhr abends war die Landung. Danach ging ich ins Bett und die Eltern weckten mich gegen 3 Uhr wieder, damit ich die Übertragung des Moments nicht verpasste, in dem die ersten Menschen den Mond betraten. Die Raumfahrt hat mich schon seit frühester Kindheit fasziniert.
Men Jon Schmidt, 1958, in Sent im Engadin aufgewachsen, ist gelernter Hochbauzeichner. Für die Raumfahrt interessiert er sich seit frühester Kindheit. Seit den 1980er-Jahren verfasste er parallel zu seinem Job als Bauführer etliche Beiträge für deutschsprachige Tageszeitungen, Radio und Fernsehen DRS. Seit 2001 arbeitet er bei der Fisba AG in St.Gallen, bis 2017 als Projektleiter optischer Systeme für die Raumfahrt.
Hat Sie die Mondlandung geprägt?
Das tut sie noch heute. Ich gehöre zur Generation, welche die Landung live miterlebt hat. Heute lebt nur noch die Hälfte jener Menschen, die den Mond je betreten haben. Die Mondlandung ist eine Erzählung aus längst vergangenen Tagen. An Weihnachten 1968 kreiste man erstmals um den Mond. Das war schon verrückt. Aber die Landung ein halbes Jahr später war eine absolute Sensation. Den damaligen Pioniergeist und das Gefühl, das mit dem ersten Sprung weg vom Planeten und zurück ausgelöst wurde, wird es wohl nicht mehr geben. Unabhängig davon, ob wir in ein paar Jahrzehnten oder auch nur Jahren den Mars oder noch weiter entfernte Orte betreten.
Weshalb ist diese Faszination heute nicht mehr vorstellbar?
Sie müssen sich einmal vorstellen, mit welcher Technologie die Amerikaner vor 50 Jahren zum Mond hochgeflogen sind. Das war eine Waschmaschine oder ein besserer Taschenrechner. Das digitale Zeitalter, Flachbildschirme und Touchscreens waren noch in weiter Ferne. Wenn heute die Chinesen auf der dunklen Seite des Mondes landen, ist das sicherlich auch toll, aber letztlich mit einem Relaissatelliten kein wirkliches Problem mehr. Die amerikanischen und russischen Landungssonden, Surveyor, Luna und Lunochod – das war die alte Technologie vor 45 Jahren.
Die erste bemannte Mondlandung war ein Akt im Kalten Krieg. Die Amerikaner mussten sich für den ersten bemannten Ausflug ins Weltall der Sowjets von 1961 revanchieren. Heute treiben private Milliardäre die Raumfahrt voran.
Das ist so. Der Mond war halt naheliegend. Aber ein Forschungsobjekt war er damals nicht. Armstrong und Aldrin haben zwar etwas Mondstaub eingesammelt, aber Forscher waren das nicht. In der Raumfahrt brauchte man damals vor allem Menschen, die in Extremsituationen die Nerven behalten konnten. Später hat sich die NASA selber ins Abseits manövriert. Seit 2011 ist man nicht mehr bemannt ins All geflogen. Dass nun Leute mit Visionen, Weitblick und dem nötigen Kleingeld wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Richard Branson das Ruder übernehmen, ist nur logisch. Schon der deutsch-amerikanische Raketenbaupionier Wernher von Braun hat gesagt: «Zwei Dinge muss die Raumfahrt überwinden. Die Schwerkraft und die Bürokratie. Ersteres haben wir geschafft.»
Im Naturmuseum St.Gallen gibt es vom 22. Juni bis zum 11. August eine Jubiläumsausstellung zur Mondlandung, konzipiert von Men J. Schmidt in Zusammenarbeit mit dem Museum.
Letzteres nicht?
Bis vor kurzem musste, wer die NASA beliefern wollte, für jedes Schräubchen einen dreiseitigen Bericht mitliefern, mit wie viel Newtonmeter Kraft, in welche Richtung und mit welchem Schraubenzieher dieses anzuziehen sei. Unternehmen, die schon seit Jahrzehnten in der Raumfahrt mitforschen, aber solche Hindernisse umgehen, überflügeln die Alteingesessenen gezwungenermassen früher oder später.
Finden Sie das uneingeschränkt gut?
Die Raumfahrt ist nicht auf die Austragung menschlicher Konflikte ausgelegt. Der befürchtete – oder herbeigesehnte – Krieg der Sterne, also die bemannte Kriegführung im All, hat nie stattgefunden.
Aber ein Krieg um Ressourcen könnte einsetzen.
Natürlich liessen sich ausserhalb der Erde Erz- oder andere Rohstoffvorkommen erschliessen. Bis sich das lohnt, dauert es aber noch ein Weilchen. Und für den Mond gibt es einen international gültigen Vertrag, der besagt, dass niemand Besitzansprüche geltend machen darf. Hingegen hätten die Amerikaner wohl keine Freude, wenn die Chinesen dereinst auf dem Landeplatz von 1969 die Fussabdrücke von Armstrong und Aldrin verwischen würden.
Die europäische Raumfahrtbehörde ESA plant mit dem «Moon Village» die Einrichtung einer fixen Forschungsstation auf dem Mond. Die unterschiedlichsten Nationen und Unternehmen sollen, wie schon bei der ISS, daran mitarbeiten. Verstehen sich die Menschen im All besser als auf der Erde?
Das müssen sie. In den Raumsonden sind die Ressourcen derart beschränkt, die Luft- und Nahrungsreserven sind derart augenscheinlich begrenzt, dass freundschaftliche Kooperation lebensnotwendig wird. Eigentlich müsste man alle Politikerinnen und Politiker einmal in die Erdumlaufbahn schiessen, damit auch sie die Erde einmal als das sehen, was sie ist: ein riesiges Raumschiff mit einer Besatzung von bald 8 Milliarden Menschen und Ressourcen, die nicht ewig reichen.
Dieses Interview erschien im Febraurheft von Saiten.
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